Hamburg

Trung Hieu hatte Träume – ein Todesraser hat sie zerstört

Mann im gelb-schwarzen Trikot hält ein Baby auf einem Kunstrasenplatz, weitere Personen im Hintergrund.
Trung Hieu (27), das dritte Unfallopfer, lag zeitweise im Koma und verlor seinen rechten Unterschenkel.

Hamburger Zwillinge bei Unfall in Frankfurt getötet, ihr Freund Trung Hieu fiel zeitweise ins Koma – wie geht es ihm heute? 

Vor knapp einem Jahr wurden die Hamburger Zwillinge Minh und Quang Nguyen bei einem E-Scooter-Unfall plötzlich aus dem Leben gerissen, ihr Freund Trung Hieu Hoang bis heute aufs Schwerste verletzt, die Verlobte eines der Toten traumatisiert. Seit dieser Woche muss sich der 24-jährige Autofahrer Mohammad S. wegen fahrlässiger Tötung und versuchten Mordes vor dem Landgericht in Frankfurt verantworten.

Seine Anwälte versuchen, ein anderes Bild von dem Angeklagten zu zeichnen, dazu sagte dessen damalige Freundin vor Gericht aus. Währenddessen verfolgen auch Familienmitglieder der Getöteten den Prozess.

Ein Schlüssel dreht sich im Schloss, dann wird Mohammad S. in Handschellen und in Begleitung eines Justizbeamten in den Saal gebracht. Seit Juli 2025 sitzt der inzwischen 24-Jährige in der JVA Frankfurt in Untersuchungshaft. An diesem ersten Prozesstag ist das Medienaufkommen riesig, seine Anwältin Wiebke Otto schirmt sein Gesicht mit einer roten Aktenmappe vor den Fernsehkameras ab, tätschelt ihm die Schulter.

Anwälte des Angeklagten verlesen Eröffnungsstatement vor Gericht

„Nichts, was in diesem Gerichtssaal gesagt wird, kann diesen Verlust wieder ungeschehen machen“, verliest Otto zusammen mit ihrem Kollegen Michael Koch die Eröffnungserklärung. „Die Verteidiger – selber Eltern – sehen das Leid und werden nicht versuchen, diesen Schmerz kleinzureden. Die Familien haben das Wertvollste verloren, die eigenen Kinder.“


Angeklagter hält Mappe vor das Gesicht, neben ihm Justizbeamter und zwei Verteidiger im Gerichtssaal.
Der Angeklagte Mohammad S. mit seinen Anwälten Michael Koch (Mitte) und Wiebke Otto.

Am frühen Morgen des 6. Juli 2025 soll S. mit dem schwarzen Toyota seines Vaters auf der Mainzer Landstraße mit 75 km/h gefahren sein. Erlaubt sind dort 50. Im Auto saßen noch drei Bekannte von ihm, die als Zeugen im Prozess auftreten. Zusammen sollen sie vor der Autofahrt am Main Lachgas konsumiert haben. Gegen 2.33 Uhr soll der Angeklagte die Kontrolle über das Auto verloren und auf den Radweg gefahren sein, wo die Zwillinge, die Verlobte von Quang sowie Trung Hieu Hoang unterwegs waren.

Tante und Onkel der getöteten Zwillinge verfolgen den Prozess

Die Brüder wurden durch die Luft geschleudert, einer starb noch vor Ort, der andere später im Krankenhaus. Ihre Eltern treten im Prozess als Nebenkläger auf, sind im Moment allerdings noch in Vietnam. „Sie beabsichtigen, im September zu kommen, um den Ausgang des Verfahrens zu erleben“, sagt deren Anwalt Ulrich Warncke. „Sie sind noch immer sehr geschockt, halten sich sehr zurück.“

Quang Nguyen und Minh Nguyen lächeln an ihrem Arbeitsplatz neben einem Blumenstrauß.
Zum 23. Geburtstag am 7. November 2024 fanden die Zwillinge am Arbeitsplatz einen Blumenstrauß vor und freuen sich: Quang Nguyen (l.) und Minh Nguyen (r.)


Dafür sind Tante und Onkel der Zwillinge bei dem Prozess in Frankfurt vor Ort, die sonst in Hamburg leben. „Die beiden haben erst bei uns gewohnt“, erinnert sich Onkel Tran Van Thanh an seine Neffen. Sie halten die Eltern bei dem Prozess auf dem Laufenden, der Vater sei derzeit schwer krank. Sie wollten auch Trung Hieu Hoang und seine Mutter in Frankfurt besuchen.

Das schreckliche Schicksal von Trung Hieu Hoang nach dem Unfall

Hoang wurde laut der Anklage ebenfalls von dem Autofahrer „mit gleich bleibender überhöhter Geschwindigkeit“ erfasst. Sein Kopf durchschlug die Windschutzscheibe, er wurde mitgeschleift und fiel schließlich vom Fahrzeug. Der 27-Jährige fiel zeitweise ins Koma, verlor den rechten Unterschenkel und die Fähigkeit, Deutsch zu sprechen. Auch in seiner Muttersprache Vietnamesisch verwechsle er oft Wörter.

Außer seinem Namen könne er nichts mehr schreiben und sei auf einen Rollstuhl angewiesen, erklärt sein Anwalt vor Gericht. Er fordert für seinen Mandanten ein Schmerzensgeld in Höhe von 300.000 Euro, unter anderem für eine barrierefreie Wohnung und ein behindertengerechtes Auto. In seinem Beruf als Pfleger kann Hoang nicht mehr arbeiten, ist selbst zum Pflegefall geworden.

Anwälte des Angeklagten betonen keinen Tötungswillen bei Mohammad S.

Währenddessen versuchen die Anwälte von Mohammad S., ein anderes Bild ihres Mandanten vor Gericht zu zeichnen. S. wurde 2002 in Damaskus geboren, lebte zuletzt in Bad Kreuznach. Er sei auch ein junger Mensch, der vor dem Unfall unbeschwert gelebt habe, Lebenspläne, eine Ausbildung und Freundin gehabt habe. Er mache sich selbst die größten Vorwürfe, die Schuld werde ihn bis an sein Lebensende begleiten. An den ersten Prozesstagen verfolgt er die Verhandlung mit weitgehend unbewegter Miene. Als Bilder von den Getöteten gezeigt werden, senkt er den Blick. Im Zuschauerraum sitzen Familienmitglieder, unter anderem seine Mutter, die häufiger in Tränen ausbricht.

Die Anwälte appellieren zum Prozessauftakt an die Richter, dass S. keinen Tötungswillen gehabt habe. Er sei in einem psychischen Ausnahmezustand gewesen und nicht kalt oder berechnend. Sie wollten ihren Mandanten vor dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft, versuchtem Mord, beschützen.

Damalige Freundin des Angeklagten sagt vor Gericht aus

Seine damalige Freundin sagt ebenfalls als Zeugin vor Gericht aus. „Ich hatte ihn gefragt, was passiert ist, er stand komplett neben sich, konnte nicht darüber reden. Er war wie in einer Schockstarre“, erinnert sie sich. In der Unfallnacht habe er ihr geschrieben, ob sie ihn abholen könne aus Frankfurt, sein Auto sei geklaut worden. „Ich meinte, er solle die Polizei rufen.“ Tatsächlich soll S. laut der Anklage das Auto nach dem Unfall am Römerberg abgestellt und Kennzeichen entfernt haben. Mehrere Stunden danach stellte er sich der Polizei. „In den sozialen Medien konnte ich lesen, dass er ein Mörder ist, ein schlechter Mensch“, erzählt die Zeugin. Sie habe S. als lebhaften, gut gelaunten Menschen kennen gelernt, der sehr viel für sie gemacht habe.

Mit diesen Worten wurden allerdings auch die getöteten Zwillinge beschrieben, die zuletzt in Finkenwerder lebten. 2023 waren sie von Vietnam aus nach Hamburg eingewandert, machten in der kieferorthopädischen Praxis in Altona eine Ausbildung. Die Eltern hatten sich verschuldet, um ihren Söhnen die Ausbildung in Deutschland zu ermöglichen, im Gegenzug hatten Quang und Minh einen Teil ihres Gehalts nach Vietnam geschickt.

Vor knapp einem Jahr wurden die Hamburger Zwillinge Minh und Quang Nguyen bei einem E-Scooter-Unfall plötzlich aus dem Leben gerissen, ihr Freund Trung Hieu Hoang bis heute aufs Schwerste verletzt, die Verlobte eines der Toten traumatisiert. Seit dieser Woche muss sich der 24-jährige Autofahrer Mohammad S. wegen fahrlässiger Tötung und versuchten Mordes vor dem Landgericht in Frankfurt verantworten.

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