Gericht
Tod der Hamburger Zwillinge: Erschütternde Aussagen zum Prozessauftakt
Hamburger Zwillinge wurden im Juli 2025 aus dem Leben gerissen, ihr Freund aufs Schwerste verletzt, die Verlobte eines der Toten traumatisiert. Jetzt steht der angeklagte 24-jährige Fahrer vor Gericht.
Sie wurden nur 23 Jahre alt: Der Tod der Hamburger Zwillinge Quang und Minh Nguyen erschütterte im Juli 2025 ganz Deutschland. Sie waren in Frankfurt auf einem E-Scooter unterwegs, als sie von einem Autofahrer überrollt wurden. Ihr Freund Trung Hieu Hoang, ebenfalls auf einem E-Scooter, geriet auf die Motorhaube und überlebte schwer verletzt. Sein Anwalt schildert jetzt, wie schlimm es seinem Mandanten auch heute noch geht. Der inzwischen 24-jährige Autofahrer muss sich seit Montag vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung und versuchten Mordes verantworten. Seine Verteidiger erkennen die Tragödie an, in einem Punkt widersprechen sie der Staatsanwaltschaft allerdings vehement.
Montag, 29. Juni, 9.30 Uhr: Vor dem Raum I des Landgericht Frankfurt herrscht großer Andrang. Nicht nur viele Medien sind gekommen, um über den Prozess zu berichten, auch der Zuschauerraum ist gut gefüllt. Darunter befindet sich die Familie des angeklagten 24-jährigen Mohammad S.
Anwälte des Angeklagten verlesen ein Opening Statement
S. sitzt seit Juli 2025 in der JVA Frankfurt in Untersuchungshaft. Er trägt an diesem Montag ein weißes Hemd, sein Gesicht wird von seinen Anwälten Michael Koch und Wiebke Otto vor den vielen Foto- und Fernsehkameras verdeckt.
„Nichts, was in diesem Gerichtssaal gesagt wird, kann diesen schrecklichen Verlust ungeschehen machen“, beginnt Verteidiger Koch mit einem Opening Statement. „Die Familien haben das Wertvollste verloren, ihre Kinder.“ Sie wollten das Leid der Opfer nicht kleinreden. Aber auch ihr Mandant sei ein junger Mensch, der vor dem Unfall unbeschwert gelebt habe, eine Ausbildung und eine Freundin hatte. Er sei zerbrochen und mache sich selbst die größten Vorwürfe.
So rekonstruiert die Staatsanwaltschaft den schrecklichen Unfall
Die Staatsanwaltschaft rekonstruiert den Unfall am 6. Juli 2025 wie folgt: Gegen 2.33 Uhr soll der Angeklagte auf der Mainzer Landstraße die Kontrolle über sein Auto verloren und auf den Radweg gefahren sein, wo zu diesem Zeitpunkt die Zwillinge sowie ihr 27-jähriger Freund Trung Hieu Hoang unterwegs waren. Der 24-jährige Angeklagte aus Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) soll die Zwillinge mit seinem Toyota mit 75 Kilometern pro Stunde „unvermittelt überfahren haben“. Die Brüder flogen durch die Luft und schlugen auf dem Asphalt auf.
Ein Zwilling starb sofort, der andere später im Krankenhaus. Nach dem Zusammenstoß soll der 24-Jährige nicht gestoppt haben, sondern mit gleicher Geschwindigkeit weitergefahren sein, verliest Staatsanwältin Katharina Schreiber. Dabei rammte er auch den 27-jährigen Trung Hieu Hoang, der auf der Motorhaube des Fahrzeugs geriet. Obwohl der Fahrer erkannt habe, dass ein Mann auf seiner Motorhaube liege, sei er weitergefahren. Dessen Kopf habe die Windschutzscheibe zerbrochen, anschließend sei Hoang auf die Fahrbahn gefallen und auf den Straßenbahnschienen liegen geblieben.
Das schreckliche Schicksal des Nebenklägers Trung Hieu Qoang
Trung Hieu Hoang ist in dem Prozess Nebenkläger, könne aber derzeit nicht aussagen, erklärt die Vorsitzende Richterin. Er leide derzeit unter epileptischen Anfällen und werde medikamentös neu aufgestellt. Die Verlobte von Quang Nguyen, die den Unfall unverletzt überlebte, werde aufgrund massiver psychischer Belastung ebenfalls nicht aussagen. Auch eine Videoaussage aus Hamburg sei laut ihrer Therapeutin nicht vertretbar.
Hoangs Anwalt Tomislav Cosic schilderte vor Gericht jetzt, wie schlimm es um seinen Mandanten steht: Dieser habe zeitweise im Koma gelegen, zunächst seine eigene Mutter nicht erkannt. Hoang verlor seinen rechten Unterschenkel und die Fähigkeit, Deutsch zu sprechen. Auch in seiner Muttersprache Vietnamesisch verwechsele er oft Wörter. Er könne außer seinem Namen nichts mehr schreiben und sei auf einen Rollstuhl angewiesen. Cosic beantragt ein Schmerzensgeld in Höhe von 300.000 Euro, unter anderem für eine barrierefreie Wohnung und ein behindertengerechtes Auto.
Staatsanwaltschaft wirft Angeklagtem S. versuchten Mord vor
Zunächst wurde bei der Kollision mit Hoang wegen versuchten Totschlages ermittelt, inzwischen wirft die Staatsanwaltschaft S. versuchten Mord vor. Diese Kollision sei nur passiert, um nach dem ersten Zusammenstoß mit den Zwillingen unerkannt zu entkommen – Vertuschung einer Straftat gilt als Mordmerkmal.
„Die Anklage erhebt den schwersten Vorwurf“, sagt Verteidiger Koch. „Dazu braucht es allerdings eine innere Haltung, dass er den Tod wollte. Im Laufe der Beweisaufnahme werden wir aber sehen, dass er nicht mehr Herr seiner Sinne war, er war in Schock und in völliger Desorientierung und nicht kalt oder berechnend. Er hatte keinen Tötungswillen.“ S. schaut während des ersten Prozesstages die meiste Zeit ohne Gesichtsregung durch den Saal. Als Bilder gezeigt werden, unter anderem von den Getöteten, senkt er den Kopf.
Angeklagter soll Wagen weg vom Unfallort gelenkt haben
Vor der Autofahrt soll der Angeklagte Lachgas konsumiert haben. „Aber nicht während der Fahrt, nur der eine, der auf der Rückbank saß“, erklärt sein Freund S., der am ersten Prozesstag als Zeuge auftritt. Er und noch zwei weitere Bekannte hatten ebenfalls in dem Unfallauto gesessen. Den Knall vom Unfall hätte er gehört, berichtet der Zeuge, aber überhaupt nichts gesehen, die Autoscheibe sei vollkommen blind gewesen. „Wir wussten nicht, dass Menschen überfahren wurden, ich dachte, das wären Gegenstände gewesen – vielleicht ein Baum.“
S. soll den Wagen dann weg vom Unfallort gelenkt und an einem abgelegenen Ort abgestellt und die Kennzeichen entfernt haben. „Der eine Kumpel meinte, wir sollten den Wagen als gestohlen melden“, erzählt der Zeuge, er habe S. aber nur gesagt: Ruf deine Familie an und erzähl was passiert ist. Zu zweit seien sie zurück zum Unfallort an der Mainzer Landstraße gelaufen und hätten sich der Polizei zu erkennen gegeben. „Kurz vorher haben wir erst erfahren, dass Menschen gestorben sind.“
Die verstorbenen Zwillinge Quang und Minh Nguyen waren aus Vietnam nach Hamburg eingewandert und lebten seit 2023 in Finkenwerder, absolvierten bei den Kieferorthopäden Altona ihre Ausbildung zu Zahnarzthelfern. Zusammen mit Trung Hieu Hoang und Quangs Verlobter waren sie im Juli 2025 in Frankfurt, um den US-Rapper Kendrick Lamar live zu sehen. Einen Tag später besuchten sie eine Spätvorstellung im Kino. Auf dem Heimweg starben die beiden, ihr Freund Hoang verlor sein altes Leben für immer.
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