Gericht

Timur (†9) totgefahren: Angeklagter Busfahrer agiert kalt – Mutter ist empört

Der Angeklagte Waldemar B. sitzt neben seiner Verteidigerin. Sein Gesicht ist verpixelt.
Waldemar B. ist der fahrlässigen Tötung angeklagt. Als Busfahrer soll er einen Neunjährigen überfahren haben.

Der neunjährige Timur wird vor zwei Jahren von einem Bus überrollt. Vor dem Saal geraten die Eltern des Gestorbenen und der angeklagte Busfahrer aneinander.

Es ist ein Fall, der viele Beteiligte bis heute traumatisiert. Im Februar 2024 stirbt der gerade einmal neunjährige Timur, als er an einer Bushaltestelle in Neuallermöhe von einem Bus überrollt wird. Mehr als zwei Jahre später sitzen seine Eltern im Amtsgericht Bergedorf, ihnen gegenüber Waldemar B., der Mann, der am Steuer saß, als Timur starb. Vor Gericht verhält dieser sich wenig empathisch – die Eltern des toten Jungen sind empört.

Waldemar B. ist 71 Jahre alt. Er trägt ein graues Hemd, am Handgelenk eine goldene Uhr. Seine Stimme ist tief und rauchig. Während der Verhandlung spricht er nicht viel, meist ergreift seine Verteidigerin das Wort für ihn. 

Neunjähriger von Bus überrollt – 71-Jähriger wegen fahrlässiger Tötung angeklagt

An dem Tag, an dem Timur starb, war Waldemar B. in einem Bus der Linie 12 in Richtung Billstedt unterwegs. Es war der 16. Februar 2024, ein Freitag. Gegen 15.30 Uhr fuhr er zur Haltestelle Marie-Henning-Weg am Wilhelm-Osterhold-Stieg, einer zweispurigen Straße. Eine Haltebucht gibt es nicht, der Bus hält auf der Fahrbahn. Zwei Schulen befinden sich in unmittelbarer Nähe, ein Gymnasium und eine Grundschule.

Waldemar B. hätte wegen des Schulverkehrs vorsichtiger sein müssen, so die Staatsanwaltschaft. Sie wirft ihm fahrlässige Tötung vor. Der Bus sei mit 34 km/h statt der erlaubten 30 km/h auf die Haltestelle zugefahren. Laut Staatsanwaltschaft hätte Waldemar B. „Bremsbereitschaft haben, die Geschwindigkeit drosseln und potenziell unaufmerksame Kinder und Jugendliche mit Warnsignalen auf die Einfahrt des Busses aufmerksam machen“ müssen.

Wie es genau zu dem Unfall kam, ist unklar. Eine Kamera des Busses ist zwar zum Zeitpunkt des Geschehens aktiv, doch was genau passiert, ist nicht zu erkennen. Später von der Polizei befragte Zeugen, werden Verschiedenes berichten: Timur habe auf sein Handy geguckt, er habe eine Jacke verloren, er hätte kein Handy in der Hand gehabt, er sei gestolpert.

Trauernde haben Blumen, Kerzen und Kuscheltiere an der Bushaltestelle abgelegt, an der der Junge überfahren worden war.
Trauernde haben Blumen, Kerzen und Kuscheltiere an der Bushaltestelle abgelegt, an der der Junge überfahren worden war.

Fest steht: Irgendwie geriet der Neunjährige unter den Bus. Waldemar B. habe, laut seiner Verteidigerin, ein Geräusch gehört, das er für einen Kontakt mit dem Bordstein hielt. Kurz darauf hörte er Schreie. Laut einem Polizisten habe die letzte Achse des Fahrzeugs den Kopf des Kindes überfahren. Jede Hilfe kam zu spät.

Polizist und Mutter des toten Kindes weinen im Saal

Timurs Eltern sitzen sichtlich mitgenommen neben ihrem Anwalt. Sie treten als Nebenkläger in dem Prozess auf. Die Mutter hält ein Taschentuch zwischen ihren Händen. Immer wieder wischt sie sich leise die Tränen weg.

Auch für einen Polizisten, der an dem Tattag anwesend war, ist die Erinnerung belastend. Es sei für ihn der erste Verkehrsunfall mit einem solchen Ausgang, erzählt er. Seine Stimme bricht und er schluchzt laut auf. Auch die Mutter von Timur dreht sich unter Tränen weg. 

Waldemar B. zeigt während des Prozesses am Mittwoch weniger Emotionen. Ungeschickt hantiert er mit seinem Handy herum, das mehrfach Geräusche macht. Einmal wirkt es, als würde er lachen – seine Anwältin stoppt ihn umgehend. Ansonsten sitzt er regungslos neben ihr. „Er möchte sein aufrichtiges Beileid aussprechen. Der Tod Ihres Sohnes bewegt ihn sehr und belastet ihn bis heute. Mein Mandant macht sich den Vorwurf, dass es überhaupt zu dem Unfall gekommen ist“, erklärt sie.

In der Mittagspause ist von dem Vorwurf, den sich der Angeklagte macht, aber weniger zu sehen. Er spricht zu dem Vater von Timur. Der Verlust des Kindes tue ihm leid. „Aber es ist nicht meine Schuld“, sagt er, woraufhin die Mutter von Timur entrüstet reagiert. „Wie kann er das sagen?“, fragt sie ihren Anwalt.

Und an B. gewandt sagt sie: „Dafür sind wir hier.“ Um herauszufinden, was passiert ist. Der Prozess geht am 22. Juli weiter. Dann soll auch das Urteil fallen.

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