Streitschlichter den Hals aufgeschlitzt – blutige Silvesternacht auf St. Pauli
Es ist die Silvesternacht, als Sajet S. fast stirbt. Der 39-Jährige will auf dem Kiez dazwischen gehen, als sich eine Schlägerei anbahnt – und wird in den Hals gestochen. Er überlebt die Attacke nur knapp. Der angeklagte Messerstecher (25) muss sich seit Dienstag wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Hamburg verantworten.
Gerade wurde er aus dem Untersuchungsgefängnis in den Gerichtssaal gebracht, nun hockt der breit gebaute Kostyantyn E. neben seinem Verteidiger. Seit dem 1. Januar dieses Jahres sitzt er ein – er soll vor dem „Brooklyn Club“ an der Großen Freiheit in der Silvesternacht beinahe einen 39-Jährigen getötet haben. Der Angeklagte, dem während des ersten Prozesstages immer wieder eine Verbindung zu der Rocker-Gruppe „Hells Angels“ nachgesagt wird, sieht sich selbst als zu Unrecht in Haft.
Angeklagter vor Gericht: „Ich wurde angegriffen, warum bin ich jetzt im Knast?“
„Ich wurde angegriffen, warum bin ich jetzt im Knast?“ Mit diesen Worten schildert der Angeklagte vor Gericht seine Gedanken nach der Tat. Er habe das Klappmesser ursprünglich nur für die Arbeit gekauft und es während der Rangelei zufällig in der Hosentasche entdeckt – in genau der Hose, die er zuletzt bei der Arbeit getragen hatte. Mit Absicht habe er es sicher nicht dabei gehabt. Und der Angriff? Sei Selbstverteidigung gewesen. Der Türsteher habe wohl unbegründet mit ihm Stress anfangen wollen – mehrere Männer hätten ihn verprügelt, bevor er auf dem Boden liegend das Messer in seiner Tasche erfühlt habe. „Es war ein bisschen, als hätte Gott ein Zeichen geschickt, um mich zu retten“, so der Angeklagte.
Den Preis für dieses Zeichen zahlte Sajet S. Der Türsteher des „Brooklyn Clubs“ ist ein Bekannter von ihm, berichtet er vor Gericht. Das Opfer schildert das Geschehen so: Er war gerade in der Bar, als draußen plötzlich laute Stimmen zu hören waren. Sofort stürmte er raus, um zu helfen. Am Eingang: sein Bekannter – mitten im Streit mit einem aggressiv wirkenden Mann. Er habe nicht gezögert und sich zwischen die beiden gestellt. Sekunden später spürte er etwas Nasses im Gesicht, so Sajet S.
„Meine Nase war abgeklappt“
„Ich habe mir dann in mein Gesicht gefasst und meine Nase war abgeklappt“, berichtet er. „Und dann ging alles ganz schnell.“ Die heran gerufene Polizei wies Kostyantyn E. an, seine Waffe fallen zu lassen und alle Beteiligten rückten voneinander ab. Was blieb, war Sajet S., der blutüberströmt am Straßenrand saß.
„Ich war von oben bis unten nass von meinem Blut“, erzählt das Opfer im Gerichtssaal. „Der Polizist meinte dann, das könnte nicht nur von der Nase kommen“. Als der Beamte den Kragen seiner Jacke zurückzog, wurde der wahre Grund für das Blutbad sichtbar: ein sechs Zentimeter langer Schnitt an seinem Hals. Durch den Schock hatte der 39-Jährige diese Verletzung überhaupt nicht mitbekommen. Er erlitt eine arterielle Blutung und wurde nur durch die schnelle Versorgung durch die Einsatzkräfte gerettet. Noch heute leidet er psychisch unter den Vorfällen des Abends, der nun schon ein halbes Jahr zurückliegt: „Neulich kam mein kleiner Sohn mit seinem Spielzeugschwert auf mich zu – ich habe mich wirklich erschrocken“, bestätigt er vor Gericht.
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Für 200 Euro hat Sajet S. sich die Narbe auf der Nase inzwischen weglasern lassen. Durch Eingriffe wie diese versucht er, nicht mehr an den schrecklichen Abend im Januar erinnert zu werden – zumindest, wenn er sich im Spiegel ansieht. Am 19. Juni wird der Prozess fortgesetzt.