Sechs Schüsse aus nächster Nähe: „Ich wurde angeschossen … bitte schnell …“
Vor dem Gerichtssaal brechen Angehörige in Tränen aus, es wird aufgeregt geredet, ein Zeuge findet den Saal nicht. Mit einigem Trubel hat am Dienstag der Prozess um Schüsse in Rahlstedt begonnen. Auf der Anklagebank: Enes Y. (21), der erst mehrfach auf sein Opfer geschossen, den Mann dann mit einem Baseballschläger attackiert haben soll. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten unter anderem versuchten Mord vor. Als die Richterin den Notruf des Opfers aus der Nacht verliest, wird es still im Saal.
Der Angeklagte befindet sich seit Mitte August in Untersuchungshaft, er erscheint beim Prozessauftakt gefasst. Gelegentlich streicht er sich nachdenklich durch den Bart, er macht einen verträumten Eindruck. Seinen Angehörigen merkt man ihre Anspannung an. Vor dem Gerichtssaal fließen Tränen, sie reden während der häufigen Unterbrechungen der Sitzung aufgeregt miteinander. Das damals schwer verletzte Opfer ist am Dienstag nicht dabei, nur sein Nebenklägervertreter.
Täter soll sechsmal geschossen haben
Zu der Tat kam es vor ziemlich genau vor einem Jahr, am 26. Oktober 2024. Zusammen mit maskierten Mittätern soll der in Hamburg geborene Angeklagte dem Opfer (23) vor einem Mehrfamilienhaus am Schimmelreiterweg aufgelauert und aus wenigen Metern Entfernung mindestens sechsmal auf den Mann gefeuert haben. Der 23-Jährige stürzte zu Boden. Dann soll Enes Y. ihm mit einem Baseballschläger noch mindestens zwei Schläge verpasst haben. Laut Staatsanwaltschaft nahm der Täter den Tod des Opfers „billigend“ und „mit Gleichgültigkeit“ in Kauf. Das Opfer überlebte schwer verletzt, mit schweren Schusswunden an Arm, Hüfte, Bein und Fuß – er konnte nur mit großer Mühe noch selbst den Notruf anwählen. Seine dazu eilende Partnerin musste alles mitansehen. Der Angeklagte und sein Verteidiger schweigen zu den Anschuldigungen.
Wie dramatisch die Nacht verlief, zeigen die Notrufprotokolle von verängstigten Anwohnern, die die Richterin verliest. Mehrere Zeugen hörten demzufolge Schüsse sowie das Wimmern des Verletzten und riefen sofort die Polizei. Als der Notruf des Opfers verlesen wird, ist es still im Saal. Um 23.46 Uhr der Tatnacht meldete sich der angeschossene Mann mit stockender Stimme – er war schwer verletzt, kaum noch bei Bewusstsein. „Ich wurde angeschossen … bitte schnell“, flehte er laut Protokoll in den Hörer, im Hintergrund weinte eine Frau. Sekunden später brach die Verbindung fast ab. Der Angeklagte hört sich die Schilderungen im Gericht sichtlich gefasst an.
Vater des Opfers kommt verspätet zum Prozess
Obwohl die Polizei mit mehr als einem Dutzend Streifenwagen, Diensthunden und Beamten aus Schleswig-Holstein nach den Tätern suchte, konnten zunächst keine Verdächtigen festgenommen werden. Im Januar durchsuchte die Polizei die Wohnung des Beschuldigten und fand dabei eine Schusswaffe, Munition und einen Baseballschläger. Weil Enes Y. zur Tatzeit erst 20 Jahre alt und damit noch Heranwachsender war, findet der Prozess vor einer Jugendkammer am Landgericht statt.
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Kurios: Der Vater (55) des Opfers erscheint zu spät im Gericht. Aufgewühlt erklärt er, er habe den Saal zunächst nicht gefunden. Vor Gericht bittet er nervös um einen Dolmetscher und will nicht aussagen. „Bitte lasst mich hier raus“, ruft er mehrfach der Richterin zu. Ein Zeugenbeistand und Dolmetscher müssen für die folgenden Verhandlungstage organisiert werden, um ihn vernehmen zu können. Das Gericht hat sechs weitere Termine angesetzt, das Urteil könnte am 19. Dezember verkündet werden.