Saif stirbt bei Balkonsturz: Die Mutter weint, die Angeklagten verstecken sich

Die Angeklagten verbergen im Gerichtssaal ihre Gesichter.
Die Angeklagten verbergen im Gerichtssaal ihre Gesichter.

Die weinende Mutter und der trauernde Vater auf der einen Seite, die schweigenden Angeklagten auf der anderen: Am Montag hat am Landgericht der Prozess gegen zehn junge Männer begonnen, die für den tödlichen Balkonsturz des 15-jährigen Saif Ibrahim verantwortlich sein sollen. Sie sollen bewaffnet in das Haus gestürmt sein und so dafür gesorgt haben, dass der Junge auf der Flucht aus dem achten Stock fiel. Der Prozessauftakt geriet sehr emotional.

Ali Ibrahim läuft gemeinsam mit seinem Anwalt den Gerichtsflur entlang, im Arm ein Foto seines verstorbenen Sohnes Saif, der glücklich in die Kamera lächelt. Die zahlreichen Pressevertreter stürzen sich auf ihn, bevor er den Saal 337 betritt. Dann folgt auch seine Frau, Saifs Mutter.

Im Gerichtssaal sitzen die Eltern zehn jungen Männern zwischen 18 und 24 Jahren gegenüber. Sie sollen verantwortlich für den tödlichen Balkonsturz ihres Sohnes oder zumindest daran beteiligt gewesen sein. Schmale Schultern, dunkle Locken – ihre Gesichter bleiben hinter Aktenordnern und Zeitungen verborgen, als auch die Presse in den Saal gelassen wird. Fast alle Plätze im Saal sind belegt von den Angeklagten, ihren Verteidigern, Vertretern der Jugendgerichtshilfe und Justizvollzugsbeamten.

Saif starb bei einem Balkonsturz: zehn Angeklagte

So unruhig und trubelig vor dem Saal auch war, so ruhig wird im Innern, als der Staatsanwalt beginnt, die Anklage zu verlesen. Sieben Männern wird besonders schwerer Raub mit Todesfolge in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen, alle von ihnen sitzen in Untersuchungshaft. Die drei Männer in der letzten Reihe sollen Beihilfe geleistet haben.

Nebenkläger Ali Ibrahim zeigt im Gericht neben seinem Anwalt Patrick Purbacher ein Bild des getöteten 15-Jährigen.
Nebenkläger Ali Ibrahim zeigt im Gericht neben seinem Anwalt Patrick Purbacher ein Bild des getöteten 15-Jährigen.

Am 14. April sollen sie um 1.08 Uhr bewaffnet in eine Wohnung in einem Hochhaus am Soltauer Ring (Wilstorf) gestürmt sein. Drei Männer bewachten den Eingang. Saif Ibrahim flüchtete mit drei Freunden auf den Balkon. Einem Jungen gelang es, über das Geländer zu fliehen.

Saif versuchte ebenfalls, sich über die Brüstung in Sicherheit zu bringen – und stürzte acht Stockwerke in die Tiefe. Der 15-Jährige starb noch vor Ort. Laut Staatsanwaltschaft sollen die Angeklagten die zwei weiteren Geschädigten bedroht, eine Tasche mit einem leeren Magazin, ein Handy und 1000 Euro Bargeld genommen haben und dann geflohen sein.

Balkonsturz: Mutter bricht bei Anklageverlesung in Tränen aus

Der Vater schüttelt immer wieder den Kopf, während er den Worten des Staatsanwaltes lauscht, und lässt seinen Blick von Angeklagtem zu Angeklagtem schweifen. Seine Frau sitzt neben ihm, ihr Gesicht hat sie mit einer OP-Maske verdeckt. Immer wieder tupft sie sich mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht, ihre Schultern beben.

„Der 14. April war für meine Mandanten der schlimmste Tag in ihrem Leben. An diesem Tag stand fest, dass sie ihren Sohn niemals wiedersehen werden“, sagt Patrick Purbacher, der die Familie vor Gericht vertritt. Jeder der Angeklagten habe eine enorme Schuld auf sich geladen.

Den Angaben der Staatsanwaltschaft zufolge soll es vor dem Überfall eine Streitigkeit zwischen einem der Angeklagten und einem der vier Männer in der Wohnung gegeben haben. Der Geschädigte A. soll einem der Angeklagten zuvor am Harburger Rathaus unter Vorhalt einer Waffe 250 Euro entwendet haben. Laut MOPO-Informationen entschied der Bestohlene dann, zur Wohnung des Geschädigten A. am Soltauer Ring zu fahren und sich das Geld gewaltsam wiederzuholen.

Warum Saif in der Wohnung war, ist unklar

Dass Saif Ibrahim sich ebenfalls in der Wohnung aufhielt, war laut Purbacher ein unglücklicher Zufall. Er soll mit dem Geschädigten A. befreundet gewesen sein, erzählt sein Vater im Gespräch mit der MOPO vor Prozessbeginn. Was der konkrete Grund für seinen Besuch an diesem Abend war, ist noch unklar.

Ein Teil der Männer, die Saif in den Abgrund getrieben haben sollen, sei auch für den Tod eines weiteren Menschen verantwortlich, sagt Patrick Purbacher. Am 19. August 2024 wurde ein 29-Jähriger am Bahnhof Billstedt erstochen. Etwa 30 Männer sollen vor Ort gewesen sein, darunter auch einige der Angeklagten aus dem aktuellen Prozess, soll ein Zeuge vor Kurzem erklärt haben.

Prozess um Balkonsturz: Richterin schließt Öffentlichkeit aus

Ob das wirklich stimmt und was genau die Angeklagten am 14. April getan haben, soll im Laufe der weiteren Verhandlung aufgeklärt werden. Bis Ende März sind 32 weitere Termine angesetzt. Die Öffentlichkeit ist bis zu den abschließenden Plädoyers und der Urteilsverkündung ausgeschlossen. Die Richterin begründet ihren Beschluss mit dem Alter der Angeklagten und dem hohen Risiko der medialen Vorverurteilung aufgrund der Herkunft der Männer.

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Die Eltern dürfen als Nebenkläger trotz Ausschluss der Öffentlichkeit bleiben. In den kommenden Monaten werden sie den Angeklagten noch häufig begegnen müssen. Dabei hoffen sie vor allem auf eins: Antworten.

„Die Nebenklage wird einer Person hier im Saal die Chance auf Vergebung geben, dem ersten, der meinen Mandanten erzählt, was genau an diesem Tag passiert ist“, sagt Purbacher. „Für jeden anderen ist Vergebung eine Sache zwischen ihm und Gott.“

Die weinende Mutter und der trauernde Vater auf der einen Seite, die schweigenden Angeklagten auf der anderen: Am Montag hat am Landgericht der Prozess gegen zehn junge Männer begonnen, die für den tödlichen Balkonsturz des 15-jährigen Saif Ibrahim verantwortlich sein sollen. Sie sollen bewaffnet in das Haus gestürmt sein und so dafür gesorgt haben, dass der Junge auf der Flucht aus dem achten Stock fiel. Der Prozessauftakt geriet sehr emotional.