Prozess: „Elbschlosskeller“-Stammgast schlug vier Männer krankenhausreif

Ein Mann in seinen 40ern steht neben seinem Verteidiger ungepixelt vor Gericht
Der Angeklagte Marc Uwe P. mit seinem Verteidiger vor Gericht. Er entschied sich bewusst, sein Gesicht zu zeigen.

Zwei Männer unterhalten sich an der Kreuzung Hamburger Berg/Reeperbahn, es dauert kaum länger als zehn Sekunden: Dann schlägt Marc Uwe P. zu, das Opfer stürzt zu Boden, der Schläger schlendert zurück in den „Elbschlosskeller“ – so ist es auf einem Video zu sehen, das im Prozess gegen den 50-Jährigen im Gericht gezeigt wird. Auf dem Hamburger Berg kennt man den Angeklagten, sein Alkoholproblem – und seine starke rechte Faust.

Die Überwachungskamera zeichnete das Geschehen vom 7. September 2023 genau auf: Das Opfer, Kevin W., taumelt benommen einen Schritt zurück, fängt sich wieder. Der zweite Schlag trifft seinen Kopf, Kevin W. kippt um, gerade wie ein Brett, bleibt bewusstlos am Boden liegen. Marc Uwe P. schlendert seelenruhig zurück in seine Stammkneipe, den „Elbschlosskeller“. Er dreht sich nicht einmal um.

Der Angeklagte schaut mit ernstem Blick auf den Bildschirm im Amtsgericht. Er trägt Jeans und ein Sweatshirt, unter dem sich durchtrainierte Oberarme abzeichnen. Von seiner Muskelkraft soll er regelmäßig Gebrauch gemacht haben: Seit 1991 wurde er immer wieder wegen Diebstahls, Körperverletzung oder Raub verurteilt. Im aktuellen Verfahren wird ihm lebensgefährliche Körperverletzung in mehreren Fällen vorgeworfen – vier Männer habe er krankenhausreif geschlagen.

Hamburger Berg: Opfer leidet noch immer unter Übergriff

Sein erstes Opfer, Kevin W., hatte vor dem Penny auf der Reeperbahn mit zwei Bekannten getrunken. „Das war nicht wenig. So zehn Bier innerhalb von maximal zwei Stunden“ berichtet er vor Gericht. Er wollte zu den öffentlichen Toiletten, dann wisse er nichts mehr. Denn auf dem Weg traf er Marc Uwe P., den er nur vom Sehen her kannte, und wurde niedergeschlagen.

Er trug eine acht Zentimeter lange Platzwunde an der Lippe davon, die genäht werden musste. Wochenlang hatte Kevin W. nach eigenen Angaben mit Schwindelgefühlen zu kämpfen, war für sechs Wochen krankgeschrieben, wurde wegen zu vieler Fehlstunden nicht zu seiner Gesellenprüfung als Maler und Lackierer zugelassen werden und verlor schließlich seinen Job. In der ersten Zeit nach dem Vorfall mied er die Reeperbahn: „Ich hatte Panik, dass wieder jemand auf mich losgeht“, erklärt er. Noch immer hat er wegen der Narben im Mund Probleme beim Reden und Trinken.

Angeklagter spricht von „exzessivem“ Alkoholkonsum

Marc Uwe P. entschuldigt sich vor Gericht bei Kevin W. und allen weiteren Opfern und Zeugen, die an diesem Tag aussagen. „Es tut mir leid. Mehr kann ich dazu auch nicht mehr sagen. Aber es gibt keinen Grund, einem Menschen einfach ins Gesicht zu schlagen“, sagt er.

Nur noch in Teilen kann der Angeklagte sich an die vier Taten erinnern. Immer wieder kommt er mit den Fällen durcheinander, muss sich bei seinem Verteidiger erkundigen, welches der Opfer gerade vor ihm sitzt. Der Alkoholpegel war einfach zu hoch. In den letzten zwei Jahren sei sein Alkoholkonsum „exzessiv“ geworden: „Ich habe versucht so zu trinken, dass ich gute Laune habe und lustig bin, aber irgendwann ist es gekippt“, gibt er zu.

Festnahme nach Schlägerei auf der Reeperbahn

Am 21. Juli 2024 soll er gegen 16.40 Uhr vor dem Kiosk „non stop shop“ an der Reeperbahn erneut ausgeflippt sein. Wie viel genau er zuvor getrunken hatte, weiß er nicht mehr. Wie so vieles: „Vielleicht ein oder zwei Flaschen Wodka“. Wieder schlug Marc Uwe P. einfach zu, laut einer Zeugin wieder völlig unvermittelt. Beim ersten Schlag ins Gesicht stürzte Timm G. in eine Bierbankgarnitur vor dem Laden. Nach dem zweiten Schlag landete er ungebremst mit dem Kopf auf dem Asphalt. Laut Anklage erlitt er dabei einen Schädelbruch und eine lebensgefährliche Hirnblutung. Marc Uwe P. flüchtete und ließ sein bewusstloses Opfer einfach zurück.

Das könnte Sie auch interessieren: Promis, Morde, wilde Partys: Die unglaubliche Geschichte der „Ritze“

Am Tag darauf wurde Marc Uwe P. schließlich festgenommen. Seitdem sitzt er in U-Haft. Rückblickend sei er dafür dankbar. „So schlimm das alles war, ich bin froh, so aus dem Milieu rausgekommen zu sein“, versichert er mit ernster Miene. Am 15. November wird der Prozess fortgesetzt. Dann sollen weitere Zeugen und auch das letzte Opfer, Timm G., vor Gericht aussagen.