Mitten auf dem Kiez: Plötzlich zieht sie ein Messer und sticht auf ihre Freundin ein
Eifersucht, Alkohol und Drogen: Vor einem Club an der Großen Freiheit eskalierte im November 2024 ein Streit zwischen zwei jungen Frauen. Erst flogen die Fäuste, dann zog eine der beiden ein Messer – und stach ihrer Kontrahentin mehrfach in Kopf, Hals und Rücken. Nun steht die 24-jährige Safa A. vor dem Landgericht Hamburg. Der Vorwurf: versuchter Totschlag. In dem Prozess geht es um zerbrochene Freundschaft, Missbrauchsvorwürfe und die Frage: Wer ist hier das Opfer – und wer die Täterin?
Schon zu Beginn des Prozesses wird klar: Die Angeklagte und die Geschädigte kannten sich gut – zu gut. Die 25-jährige Berfin U., das spätere Opfer, hatte nach eigener Aussage belastende Erlebnisse mit dem Ex-Mann der Angeklagten erlitten. Safa A. hatte ihren ehemaligen Partner wegen Misshandlung und sexuellen Missbrauchs angezeigt. Ihre gemeinsame Tochter, sagt sie, soll durch erlittene Gewalt zu früh zur Welt gekommen sein.
Berfin U. erzählt vor Gericht unter Tränen, auch sie sei von diesem Mann sexuell missbraucht worden. Safa A. habe jedoch eine Affäre vermutet. „Sie hat mir nicht geglaubt, als ich ihr erzählt habe, was passiert war“, sagt U.
Angeklagte fühlte sich bedroht
Aus den Freundinnen wurden Feindinnen. Es gab heftige Konflikte, Anschuldigungen und gegenseitige Drohungen. Laut Anklage kam es dann in den frühen Morgenstunden des 10. November 2024 im „Jams Club“ an der Großen Freiheit zum Showdown: zunächst ein Wortgefecht, dann eine Prügelei. Security-Mitarbeiter trennten die Frauen – doch draußen vor der Diskothek eskalierte die Situation erneut.
Im Morgengrauen, unweit der Großen Freiheit, zog die mutmaßliche Täterin dann ein Klappmesser. Laut Anklage stach sie mehrfach auf Kopf, Hals und Arme des Opfers ein. „Bei einer minimalen Abweichung wäre die Halsschlagader getroffen worden“, so die Staatsanwaltschaft. Passant:innen trennten die Frauen schließlich.
Prozess wegen Totschlags in Hamburg
Safa A. schildert vor Gericht die dramatischen Ereignisse aus ihrer Sicht: Sie beschreibt Berfin U. als eine „aggressive Person“, die ihr in der Vergangenheit „stolz ihre Waffen wie Messer und Schlagringe in ihrer Handtasche“ gezeigt habe. Oft habe sie andere Menschen in ihrem Umfeld tätlich angegriffen. Auf Nachfrage der Verteidigung der Anklagten weist U. die Anschuldigungen als unwahr zurück – oder antwortet nicht.
In der Tatnacht habe Safa A. sich bedroht gefühlt und sei in Panik geraten. „Sie lag auf mir, ich konnte mich nicht wehren“, sagt sie. Sie habe gedacht, ihre Kontrahentin trage einen Schlagring. „Ich wollte mich nur schützen“, erklärt sie mit stockender Stimme.
Alkohol, Drogen und alte Wunden
Beim Prozess gibt Safa A. zu, an dem Abend Alkohol und Cannabis konsumiert zu haben. „Wodka, Champagner – ich war betrunken. Kokain? Nein, nicht an dem Abend“, sagte sie.
Das Gericht lässt Überwachungsaufnahmen von der Großen Freiheit zeigen. Die Qualität ist schlecht, viele Menschen und chaotische Szenen sind zu sehen. „Die Aufnahmen zeigen nur einen eingeschränkten Blick auf den Tathergang“, wendet der Verteidiger der Angeklagten ein.
Attacke mit Messer: „Sie stach immer wieder zu“
Vor Gericht erzählt Berfin U. ihre Version. Auch sie war nach eigener Aussage bekifft und stark alkoholisiert. „Ich habe gefeiert, gelacht. Wir haben uns sogar gegrüßt. Ich dachte, wir könnten reden.“ Draußen dann der Angriff: „Plötzlich stach sie zu, immer wieder. Ich habe bis heute Schmerzen, bin in Behandlung.“ Ihre Verletzungen am Hals, Bauch und Rücken mussten mehrfach genäht werden.
Nach dem Angriff sei sie in ein Frauenhaus geflohen. Sie berichtet von Drohungen aus dem Umfeld der Angeklagten, von Angst und Flucht.
Der Missbrauch, den sie Safa A.s Ex-Mann vorwirft, habe sie traumatisiert – doch Anzeige habe sie nie erstattet. Als sie Safa davon erzählt habe, habe die ihr nicht geglaubt – es sei zum endgültigen Bruch gekommen. Sogar ihre eigene Familie habe sie bedroht: „Für meine Brüder ist das eine Sache der Ehre“, sagt sie leise.
Prozess um Messer-Attacke: Widersprüchliche Aussagen
Im Gerichtssaal blicken sich die beiden kaum an. Aussage steht gegen Aussage. Zwei Frauen, offenbar gefangen in patriarchalen Gewaltstrukturen, Misstrauen und alten Konflikten. Jede aus ihrer Sicht ein Opfer.
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Safa A. wirkt gefasst. „Ich wollte an dem Abend einfach feiern“, sagt sie leise. Ob es Notwehr war oder ein gezielter Tötungsversuch, kann das Gericht heute nicht klären. Das Urteil wird im Dezember erwartet.