Mitten am Tag: Täter schießt Kampfsportler nieder – Wunde an gemeiner Stelle

Der verletzte Mann wird auf der Straße behandelt.
Auf der Wilstorfer Straße in Hamburg-Harburg: Rettungskräfte versorgen den angeschossenen Eddy O.

Seine rechte Faust ist geballt. Sein Blick ist bestimmt. Eddy O. ist bereit, zuzuschlagen. Er ist auf einem Poster abgebildet, das seinen nächsten Boxkampf bewirbt. Ein „Champion“ wird er genannt. Eddy O. war ein erfolgreicher Sportler, Europameister im Kickboxen. Doch dann beendete eine Erkrankung seine Karriere. Danach war er nach MOPO-Informationen als „Streitschlichter“ im Rotlichtmilieu aktiv. An einem Tag Ende August 2023 brachte ihn diese Tätigkeit wohl in Lebensgefahr. Er wurde am helllichten Tage in Harburg angeschossen – und überlebte wohl nur durch einen glücklichen Zufall. Nun – ein halbes Jahr später – steht der mutmaßliche Schütze vor Gericht.

Es ist ein heißer Sommertag Ende August im vergangenen Jahr. Die Sonne knallt auf den Asphalt. Eddy O. liegt auf einer Trage. Ein Verband umschließt seinen rechten Oberschenkel. Rettungssanitäter beugen sich zu ihm herunter. Wenige Minuten vorher schoss ein anderer Mann auf ihn. Am helllichten Tag. Im Harburger Phoenix-Viertel.

Der 32-Jährige ist wegen versuchten Mordes angeklagt

An diesem 27. August ist wohl ein Streit im Rotlichtmilieu eskaliert. Der Kontrahent von Eddy O.: Mutmaßlich Tucar U., der ein halbes Jahr später im Saal 237 im Hamburger Landgericht Platz nimmt. Sein leuchtend weißes Hemd umspannt seine durchtrainierten Arme. Dieser Mann hat Kraft.

Der 32-Jährige ist wegen versuchten Mordes angeklagt. Er soll an jenem Dienstagnachmittag auf der Wilstorfer Straße auf Eddy O. geschossen haben. Die beiden hatten sich laut Anklage dort für ein klärendes Gespräch nach einem Streit getroffen. Doch anstatt sich zu vertragen, soll Tucar U. plötzlich eine Waffe gezückt und dann abgedrückt haben, als Eddy O. mit dem Rücken zu ihm stand.

Ein Schuss trifft Eddy O. ins Gesäß. Tucar U. soll versucht haben, noch ein paar Mal abzudrücken. Doch seine Waffe klemmte. Die technische Störung rettete Eddy O. wohl das Leben.

Tucar U. in der Schweiz verhaftet

Der Schütze floh vom Tatort, das Opfer schleppte sich verletzt davon. Die Mordkommission übernahm die Ermittlungen, die Staatsanwaltschaft erwirkte einen europäischen Haftbefehl gegen Tucar U. Im September wurde der 32-Jährige in der Schweiz verhaftet. Seitdem befindet er sich in Untersuchungshaft.

Als Tucar U. am Dienstag in den Gerichtssaal kommt, begrüßt er seinen Anwalt mit einem festen Händedruck. Der Mann mit kurz geschorenen Haaren und Tattoo am Hals wirkt regelrecht souverän, als hätte er das hier schon alles ein paar Mal hinter sich.

Die Wilstorfer Straße in Harburg nach der Tat am 27. August
Die Wilstorfer Straße in Harburg nach der Tat am 27. August

So gelassen war er am 27. August auf jeden Fall nicht – der Schuss am Nachmittag war nicht die einzige Auseinandersetzung, in die Tucar U. damals verwickelt war. Am frühen Morgen – gegen 4.30 Uhr – verkehrte er in einem Bordell am Hammer Deich. Dort forderte er einen anderen Mann auf, ihn mit dem Auto nach Hause zu bringen.

Auf den Elbbrücken kam es zum Streit

Als die beiden über die Elbbrücken fuhren, kam es zum Streit: Tucar U. wollte nicht, dass der andere eine Sprachaufnahme von dem Gespräch der beiden machte. Er schlug ihm laut Staatsanwaltschaft mit der Faust ins Gesicht. Da liegt die Vermutung nahe: Tucar U. hat ein Aggressionsproblem.

Knappe elf Stunden später soll er dann auf Eddy O. geschossen haben. Auch Eddy O. hat Kontakte ins Rotlichtmilieu. Nach MOPO-Informationen war er dort als „Streitschlichter“ aktiv. Zuvor war er ein erfolgreicher Kickboxer, vor knapp sieben Jahren schaffte er es sogar bis zum Europameistertitel.

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Nach dem Sieg sagte der damals 27-Jährige laut einem Nachrichtenportal: „Meine Motivation sind meine Tochter und mein Trainer.“ Doch dann soll der junge Vater an Corona erkrankt sein – so schwer, dass er seine sportliche Karriere beenden musste. Eddy O. war K.O.

Warum es in dem Streit ging, den die beiden an jenem heißen Sommertag in der Wilstorfer Straße klären wollten, ist unklar. Fest steht: Eddy O. hat diesen Tag nur denkbar knapp überlebt.

Der Prozess gegen Tucar U. wird am kommenden Montag fortgesetzt. Der Anwalt deutete an, dass sich der Angeklagte dann zu den Vorwürfen äußern werde.

Seine rechte Faust ist geballt. Sein Blick ist bestimmt. Eddy O. ist bereit, zuzuschlagen. Er ist auf einem Poster abgebildet, das seinen nächsten Boxkampf bewirbt. Ein „Champion“ wird er genannt. Eddy O. war ein erfolgreicher Sportler, Europameister im Kickboxen. Doch dann beendete eine Erkrankung seine Karriere. Danach war er nach MOPO-Informationen als „Streitschlichter“ im Rotlichtmilieu aktiv. An einem Tag Ende August 2023 brachte ihn diese Tätigkeit wohl in Lebensgefahr. Er wurde am helllichten Tage in Harburg angeschossen – und überlebte wohl nur durch einen glücklichen Zufall. Nun – ein halbes Jahr später – steht der mutmaßliche Schütze vor Gericht.