„Mein Kind, mein Kind“: Prozess um Messer-Attacke in Hamburger Wohnung

Die Angeklagte verdeckt ihr Gesicht mit einer Mappe. Ein Verteidiger steht hinter ihr. Die andere Verteidigerin sitzt rechts von ihr.
Die 30-Jährige (mit Mappe vor dem Gesicht) steht wegen versuchten Totschlags vor Gericht.

Ein Vater liegt blutend in seiner Wohnung, die Polizei findet ihn in Embryonalstellung – während seine Verlobte vor der Tür verzweifelt „mein Kind, mein Kind“ ruft. Das pure Chaos! In jener Nacht im März soll die 30-Jährige ihren Partner mit einem Messer attackiert haben, während das gemeinsame Baby in der Wohnung war. Nun steht die Schwangere wegen versuchten Totschlags vor Gericht. Vor dem Landgericht beginnt ein Prozess voller Emotionen und Unklarheiten.

Liwia (Name geändert) erscheint im weißen Hemd und Turnschuhen. Schon vor Beginn der Sitzung weint sie, wischt sich die Tränen ab. Nervös sucht sie den Blickkontakt zu ihren Verteidigern und der Dolmetscherin, die das Verfahren ins Polnische übersetzt. Immer wieder wandert ihr Blick zur Richterin oder in den Zuschauersaal, wo Bekannte ihr mutmachend zunicken.

„Sind sie denn noch verlobt?“ – Er weiß es nicht

Die Staatsanwaltschaft wirft der 30-Jährigen vor, in der Nacht zum 4. März ihren damaligen Verlobten und Vater ihres Babys in der Wohnung an Kieler Straße niedergestochen zu haben. Zuvor soll das Paar betrunken gestritten haben.

Das Opfer erlitt mehrere Schnittwunden, ein tiefer Stich verletzte die Lunge. Eine Nachbarin alarmierte die Polizei, der Mann wurde notoperiert und überlebte knapp.

Auch das Opfer – der Verlobte oder auch nicht mehr Verlobte von Liwia – ist vorgeladen. Als die Richterin ihn nach der Beziehung zur Angeklagten fragt, ist er sich selbst gar nicht mehr so sicher. Er liebt sie noch, aber ob die Verlobung noch steht – er weiß es nicht. Zum Tathergang will er keine Aussage machen und verabschiedet sich wieder. Beim Verlassen des Saals schaut Liwia ihm traurig hinterher.

Die Angeklagte erwartet ihr zweites Kind

Die Richterin fragt, wie es Liwia denn gehe und ob sie gut versorgt sei – sie ist mit ihrem zweiten Kind schwanger. Wieder bricht Liwia in Tränen aus. Die seit sechs Monaten in Untersuchungshaft sitzende Frau ist im sechsten Monat schwanger. Wer der Vater des Kindes ist, wird nicht erwähnt.

Als weitere Zeugin berichtet eine Polizeibeamtin von ihren Eindrücken vom Tatort. Der Flur zur Wohnung sei völlig blutverschmiert gewesen – so wie die Angeklagte, die aufgeregt vor der Tür stand. Die Beamtin und ein Kollege sahen den in der Wohnung am Boden liegenden Mann und leisteten Erste Hilfe. Auf dem Flur sei ein starker Alkoholgeruch aufgefallen – ein Alkoholtest bei Liwia ergab fast zwei Promille.

In dem Chaos habe die Angeklagte immer wieder den Namen Alex (Name geändert) gerufen. Dieser Alex konnte von der Polizei nur wenige Stunden nach der Tat ausfindig gemacht werden. Er hatte Verletzungen im Gesicht und an einer Hand und wurde festgenommen. Ob er bei der Tat dabei war und woher die Verletzungen stammten, ist bis heute unklar. Die Staatsanwaltschaft stellte später trotzdem alle Verfahren gegen ihn ein. Eine Tatsache, die Liwias Verteidiger vor Gericht heftig kritisiert.

Ein erzählfreudiger Zeuge belastet sich selbst

Immerhin ist Alex als Zeuge geladen. Selbstbewusst marschiert er in den Saal. Und er hat viel zu erzählen, die Zunge sitzt offenbar locker. Auf Fragen der Richterin plaudert er munter auf Polnisch los.

Zunächst gibt er auf die Frage nach seiner aktuellen Beschäftigung zu, schwarz zu arbeiten. Anschließend erzählt er von seinem bereits 20 Jahre andauernden Drogenproblem. Bis die Richterin skeptisch wird und ihn unterbricht: Ob es ihm gut gehe und ob er Alkohol getrunken habe, fragt sie. Auf einer Party letzte Nacht habe er etwas über den Durst getrunken und jetzt gehe es ihm nicht gut, antwortet er.

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Nach seiner Festnahme im März waren sein Handy beschlagnahmt und seine Konten eingefroren worden. Das habe sein Leben zerstört, klagt er. Die Richterin beendet daraufhin die Befragung.

Gemeinsam mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung beschließt sie, Alex später erneut zu laden – dieses Mal mit Zeugenbeistand. Insgesamt sind fünf weitere Termine angesetzt, der nächste am 22. September.