Massenschlägerei, Folter, Entführung: Das steckt wirklich hinter dem Todessturz

Saif Ibrahim
Saif starb nach dem Sturz aus dem Hochhaus am Soltauer Ring.

Um 1.06 Uhr ruft Saif Ibrahim (15†) am 14. April 2025 die Polizei. Vor der Wohnung in Wilstorf lauern sieben bewaffnete Männer, kurz darauf treten sie die Tür ein. Als einer von ihnen drei Minuten später auflegt, liegt der 15-Jährige bereits im Hinterhof des Hochhauses und kämpft vergeblich um sein Leben. Zehn Männer (heute 18 bis 25) wurden danach wegen besonders schweren Raubs mit Todesfolge angeklagt. Bei der Urteilsverkündung wird die Vorgeschichte sichtbar: ein Drama in mehreren Akten, das mit der Entführung und Folter eines Unbeteiligten beginnt und mit Saifs Tod endet.

Zum Prozessauftakt am 1. Dezember bringt Ali Ibrahim ein Foto seines verstorbenen Sohnes mit vor den Gerichtssaal. Der 15-Jährige lacht darauf in die Kamera, sein Vater kämpft mit den Tränen. Es ist der erste von 26 Verhandlungstagen.

Nebenkläger Ali Ibrahim zeigt im Gericht neben seinem Anwalt Patrick Purbacher ein Bild des getöteten 15-Jährigen.
Nebenkläger Ali Ibrahim (l.) brachte zum Prozessbeginn ein Bild seines getöteten Sohnes mit. An seiner Seite steht sein Anwalt Patrick Purbacher.

Der Vater war immer da: als die Gerichtsmedizinerin den Obduktionsbericht vorstellte – oder während die Tage vor Saifs Tod rekonstruiert wurden. Er musste erleben, wie auch die kriminellen Machenschaften seines Sohnes ans Licht kamen. „Er war kein Unschuldslamm“, sagt die Richterin bei der Urteilsverkündung am Montag.

Angeklagte und Geschädigte waren Teil einer Freundesgruppe

Drei Tage lang suchte Ali Ibrahim im vergangenen April nach seinem Sohn. Er bat die Polizei um Hilfe, doch die lehnte eine Fahndung ab. Saif ist mit seinen Freunden unterwegs, den anderen Geschädigten – und einigen der Angeklagten.

Beide Seiten gehören laut Richterin zu einer Gruppe, die gerne am Jungfernstieg abhängt. Viele Fehlstunden in der Schule, wenig Perspektive. Die meisten kommen aus einer syrischen Stadt, die im Bürgerkrieg zu 80 Prozent zerstört wurde. Saif floh 2015 mit seiner Familie aus dem Irak. Alle haben eine „desaströse Fluchtgeschichte“, sagt die Richterin, mussten früh erleben, wie Freunde und Familie im Krieg ums Leben kamen.

Wegen Geldwäschegeschäften: Mann entführt und gefoltert

Am Freitag vor Saifs Tod trifft er sich mit seinen Freunden, darunter Taha A., der in Geldwäschegeschäfte verstrickt sein soll. Ein Mann mit Spitznamen „Terzi“ soll sich nicht an Absprachen gehalten haben. Deswegen lockt die Gruppe ihn zur „Wodka Bombe“ auf dem Kiez. Sie entführen ihn in einem SUV, misshandeln ihn bereits im Wagen mit brennenden Zigaretten, wie auf Videos zu sehen ist, die im Prozess gezeigt wurden.

Dann bringen sie ihn an einen abgelegenen See und schließlich in die Wohnung von Taha A. und foltern ihn weiter. „Terzi“ muss über Nacht dort bleiben, Saif übernachtet im selben Bett wie der Angeklagte Almoayed A., noch sind sie enge Freunde. Am Tag darauf lassen sie „Terzi“ frei. Danach kommt es zum Bruch zwischen Taha A. und Almoayed A. Warum genau, ließ sich im Prozess nicht klären, sagt die Richterin.

Mehrere Auseinandersetzungen vor der Tat

In den folgenden Tagen kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen der Gruppe um Taha A., zu der auch Saif gehört, und Almoayed A. und seinen Freunden. Taha A. nimmt einem der anderen Angeklagten 250 Euro ab, mit denen dieser eine Schreckschusswaffe kaufen wollte. Wenige Stunden vor dem tödlichen Sturz kommt es nahe des Phoenix-Centers zu einer Massenschlägerei.

Die Gruppe um Taha A. und Saif zieht sich in dessen Wohnung zurück. Die anderen bedrohen sie massiv. In einer Sprachnachricht kündigt Almoayed A. an, er müsse einen von ihnen töten. „Die Geschädigten hatten dementsprechend riesige Angst, Todesangst“, sagt die Richterin.

Angreifer stürmen Wohnung am Soltauer Ring

Um 1.08 Uhr stürmen sieben der Angeklagten in die Wohnung im achten Stock, drei weitere warten unten. Saif ruft die Polizei, wirft das Handy auf ein Sofa und flieht auf den Balkon. Einer der Geschädigten schafft es über die Brüstung in den siebten Stock. Saif will hinterher, rutscht ab – und stürzt in den Tod.

Taha A. ruft den Angreifern zu, dass jemand gestorben sei. Die Gruppe flüchtet. Almoayed A. greift nach einer Tasche mit 1000 Euro Bargeld und Munition, dazu nach Saifs Handy. Die Polizei ist noch in der Leitung. Auf dem Weg nach draußen erklärt er den Beamten, es sei nichts passiert, sein Freund habe betrunken angerufen. Dann legt er auf.

Richterin: „Wie aus einem Horrorfilm“

Die Richterin nennt das Geschehen „hammerhart“, die Tat wirke „wie aus einem Horrorfilm“. Es sei nicht nur um Geld gegangen, sondern vor allem um Ehre. Niemand habe Saifs Tod gewollt. Doch bei diesem gewalttätigen Vorgehen hätten die Angeklagten damit rechnen müssen, dass es so endet.

Almoayed A. erhält mit vier Jahren und sechs Monaten die zweithöchste Strafe. Ein weiterer Angreifer wird zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er mit 25 nicht mehr unter das Jugendstrafrecht fällt.

Die Angeklagten verbergen im Gerichtssaal ihre Gesichter.
Die Angeklagten verbergen im Gerichtssaal ihre Gesichter.

Drei Angeklagte erhalten Bewährungsstrafen, weil sie unten warteten oder umfassend gestanden, einer muss ein Antiaggressionstraining absolvieren. Die übrigen vier müssen auch in Haft – bekommen zwischen zwei Jahren und neun Monaten bis drei Jahre und drei Monate. Für alle zehn Verurteilten könnte das Urteil auch ausländerrechtliche Folgen haben: Keiner verfügt über einen gesicherten Aufenthaltsstatus.

Familie muss Urteil erstmal begreifen

Nebenklagevertreter Patrick Purbacher hält das Urteil für angemessen. Für die Familie des Opfers seien die Unterschiede zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht aber nur schwer nachvollziehbar. „Sie müssen das Urteil erst mal begreifen und sacken lassen“, sagt der Anwalt.

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Ali Ibrahim verlässt den Saal nach der Verkündung zügig. An der Seite seines jüngsten Sohnes läuft er die Treppen hinunter, auf denen er vor dem Prozessauftakt noch mit einem Foto von Saif posierte. Das Urteil ist gefallen, die Tat aufgeklärt – der Verlust bleibt.