Kopfschuss-Versuch auf dem Schulterblatt: Doch er schoss auf den Falschen

Polizeiwagen mit Blaulicht auf einer nächtlichen Straße
9. September 2024: Ein Mann wird nach einer Schießerei im Schanzenviertel ins Krankenhaus gebracht.

Ein Wortspiel bei einem Prozess vor dem Schwurgericht ist irgendwie geschmacklos. Doch es lässt sich nur so beschreiben, wie es passiert ist: Der Angeklagte soll am 9. September 2024 um kurz nach 21 Uhr auf dem Schulterblatt vor dem Restaurant „Haus des Döners“ einen anderen Mann in die Brust geschossen haben. Die Kugel der Neun-Millimeter-Pistole durchschlug das Schulterblatt des Ahnungslosen und trat hinten aus dem Rücken wieder aus. Tatsächlich treffen wollte Marouen J. (28) den Sitznachbarn des Duos, das vor dem „Haus des Döners“ zu Abend aß. Schießerei am lauen Sommerabend – Panik brach in der Schanze aus.

Am Dienstag fand vor der Großen Strafkammer 4 als Schwurgericht der Prozessauftakt gegen den mutmaßlichen Schützen Marouen J. statt. Der 28-Jährige sitzt seit der Festnahme in Untersuchungshaft. Vor Gericht erscheint er im hellgrauen Pullover, darunter ein weißes Hemd. Die gewellten dunkelbraunen Haare und eine beige Chino runden das gepflegte Erscheinungsbild ab. Sich zur Sache einlassen will der Angeklagte heute nicht. Zu einem späteren Zeitpunkt werde er Fragen des Gerichts beantworten, erklärt sein Verteidiger.

Er drückte ab – und traf den Falschen!

In der Anklage heißt es, J. sei mit bereits gezogener halbautomatischer Kurzwaffe auf sein eigentliches Opfer zugegangen und sei dann vor ihm und seinem Begleiter stehen geblieben. Er soll mit der Knarre auf einen der Männer gezielt und verärgert „Du willst mich wirklich verarschen“, gesagt haben. Dann drückte er ab – und traf den Falschen. Der stark blutende Mann und sein Begleiter ergriffen die Flucht. Auch der Schütze soll zurück zu seinem in der Nähe abgestellten Miles-Polo gelaufen, eingestiegen und weggerast sein. Besonders tragisch: Der 22-jährige Verletzte soll mit dem Streit der beiden anderen Männer überhaupt nichts zu tun gehabt haben. Er schleppte sich noch zur Schanzenstraße, wurde von Sanitätern versorgt und kam ins Krankenhaus St. Georg.

Marouen Jerbi unter der Jacke beim Prozessauftakt mit Verteidiger Clemens Anger.
Der Angeklagte hat sich unter seiner schwarzen Jacke versteckt. Neben ihm steht sein Verteidiger Clemens Anger.

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Zielfahnder der Polizei wurden auf den 27-Jährigen angesetzt und spürten den wohnungslosen Mann rund einen Monat später in der Bramfelder Bengelsdorfstraße auf. Ein Spezialeinsatzkommando nahm den mutmaßlichen Schützen fest. Er sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Der kurze Prozessauftakt endete nach der Anklageverlesung mit einem kurzen Wortwechsel zwischen der Vorsitzenden Richterin der Kammer und dem Angeklagten. Die Vorsitzende: „Es bleibt Zeit für eine Frage an den Angeklagten: Wie geht es Ihnen?“. „Danke, es geht mir sehr gut“, antwortet Marouen J. fast euphorisch. „Sehr gut, schön“, beendet die Vorsitzende den Termin. Der Prozess wird fortgesetzt.