Kind (2) totgerast: Sie hielten sich für Rennfahrer – jetzt haben sie nur noch Angst

Während der kleine Mahir (r.) schwer verletzt überlebte, starb sein Zwillingsbruder Mirza im Krankenhaus. Ab Donnerstag stehen die beiden Männer vor Gericht, die sich im August 2024 ein Autorennen lieferten – und dabei den Zweijährigen töteten.
Während der kleine Mahir (r.) schwer verletzt überlebte, starb sein Zwillingsbruder Mirza im Krankenhaus.

Am Tag der Katastrophe kamen sich beide wohl vor wie große Rennfahrer. Mit 178 bzw. 150 Sachen über den Schiffbeker Weg zu donnern, obwohl dort lediglich Tempo 50 erlaubt ist, fanden sie einfach nur „cool“. Jetzt, sieben Monate später, stehen sie vor Gericht – und weinen: Ihnen wird vorgeworfen, einen Menschen, noch dazu ein unschuldiges zweijähriges Kind, getötet zu haben. Vom Gefühl der Überlegenheit ist nichts mehr da. Jetzt haben die beiden jungen Männer nur noch Angst – Angst davor, für lange Zeit im Gefängnis zu versauern. Unter Umständen lebenslang.

Denn der in Hamburg zur Welt gekommene Moritz P. (23) und Haseeb K. (25), gebürtig in Rawalpindi (Pakistan), stehen seit Donnerstag wegen der schlimmsten Straftat vor Gericht, die ein Mensch an einem anderen begehen kann: Mord. Als sie sich im August vergangenen Jahres auf dem Schiffbeker Weg in Billstedt ein Autorennen lieferten, haben die beiden nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft „heimtückisch mit gemeingefährlichen Mitteln und aus niedrigen Beweggründen“ heraus gehandelt – damit sind die sogenannten „Mordmerkmale“ erfüllt. Die Angeklagten hätten den Tod von Menschen billigend in Kauf genommen, nur „um ein Gefühl der Überlegenheit und Selbstwertsteigerung zu verspüren“.

Autorennen
Prozessauftakt am Donnerstag: Moritz P. (23) und Haseeb K. (25) im Gerichtssaal

Die Eltern des getöteten Jungen sind Nebenkläger in dem Prozess. Die beiden nicht vorbestraften Angeklagten sitzen in Untersuchungshaft. Am ersten Tag des Verfahrens ist der Zuschauerraum voll besetzt. Als die kräftigen Männer hereingeführt werden, dreht die Mutter ihren Kopf in eine andere Richtung. Tränen laufen über ihr Gesicht, der Vater legt den Arm um sie. Für das Verfahren vor dem Schwurgericht im Strafjustizgebäude sind bislang 25 Hauptverhandlungstermine angesetzt. Die Verteidiger haben angekündigt, dass sich ihre Mandaten zu den Vorwürfen äußern werden.

Beim Prozessauftakt am Donnerstag verlesen die Rechtsanwälte von Tesla-Fahrer Moritz P. eine Erklärung, in der sie der Mutter des getöteten Kindes eine Mitverantwortung geben. Die Frau sei mit ihrem Wagen unmittelbar vor dem Unfall vorschriftswidrig nach links statt rechts in den Schiffbeker Weg eingebogen. Moritz P. habe noch alles getan, um auszuweichen. Die tödlichen Verletzungen des Kindes habe er jedenfalls nicht verursacht. Den Vorwurf des Mordes weisen die Verteidiger deshalb zurück.

Weil sie falsch abgebogen sein soll, läuft gegen die Mutter des verstorbenen Kindes parallel ein Ermittlungsverfahren. Ihr Anwalt Yalçın Tekinoğlu sagt dazu am Rande des Prozesses: „Selbst wenn sie nach rechts gefahren wäre, wäre es zu dem Unfall gekommen.“

Esengül K. wollte ihre Zwillinge nach Hause bringen, als sie mitten in das Autorennen geriet

Was genau ist passiert an jenem 26. August 2024? Es war ein Montag. Die Familie K. aus Billstedt hat den Tag im Kleingarten verbracht und dort mit Freunden gegrillt. Am Abend verabschiedet sich Mutter Esengül K. (40), weil sie ihre zwei Jahre alten Zwillinge Mahir und Mirza nach Hause bringen will. Bevor die Fahrt beginnt, setzt die Mutter ihre beiden Kinder ordnungsgemäß in die Kindersitze auf der Rückbank.

Illegales Autorennen Schiffbeker Weg
Während der kleine Mahir (r.) schwer verletzt überlebte, starb sein Zwillingsbruder Mirza im Krankenhaus.

Der Weg vom Kleingarten bis nach Hause ist nicht weit, es sind nur ein paar Minuten Fahrt. Doch als Esengül K. gegen 20.30 Uhr mit ihrem Ford Galaxy vom Sturmvogel- in den Schiffbeker Weg einbiegt, kommt es zur Katastrophe. Genau zu diesem Zeitpunkt verwandeln Haseeb K. und Moritz P. die Straße in den Nürburgring. Haseeb K. fährt einen Mercedes, Moritz P. einen Tesla.

Laut Polizei kollidiert der Ford Galaxy zunächst mit dem Heck des Tesla und wird anschließend vom Mercedes gerammt. Welche Kräfte hier im Spiel sind, lässt sich daran ablesen, dass der Tesla nach dem Zusammenstoß noch 124 Meter weit geschleudert wird.

Mirza erlitt einen Wirbelsäulenbruch

Esengül K. im Ford Galaxy erleidet eine Rippenfraktur, der zweijährige Mahir ein Schädelhirntrauma. Beide überleben. Für Mirza, den zweiten Zwilling, kommt jede Hilfe zu spät. Das Kind hat einen Wirbelsäulenbruch davongetragen. Der Junge wird am Unfallort wiederbelebt, stirbt dann jedoch später im Krankenhaus.

Acht Verletzte bei Verkehrsunfall in Hamburg
Das Ende eines illegalen Autorennens am Schiffbeker Weg: Der Familienvan ist ein Trümmerhaufen, ein zweijähriger Junge stirbt.

Der Prozess wird am kommenden Mittwoch ab 9.30 Uhr im Strafjustizgebäude am Sievekingplatz fortgesetzt. Der Angeklagte Haseeb K. hat angekündigt, an diesem Tag eine Erklärung abzugeben.

„Auch die infrastrukturelle Verantwortung muss in den Fokus rücken“

Die Eltern des getöteten Kindes treten als Nebenkläger auf. Ihre Anwälte verbreiteten am Donnerstag eine Presseerklärung, in der sie Behörden und Politik vorwerfen, nichts dagegen unternommen zu haben, dass der Schiffbeker Weg regelmäßig für illegale Autorennen genutzt wird. „Wir fordern die zuständigen Behörden auf, die Verkehrsplanung in diesem Bereich umgehend zu überarbeiten und dringend erforderliche Sicherheitsmaßnahmen einzuleiten“, heißt es in der Erklärung. Und weiter: „Neben der strafrechtlichen Verantwortung der Unfallverursacher muss auch die infrastrukturelle Verantwortung in den Fokus rücken. Dieser tragische Unfall hätte durch bessere verkehrssichernde Maßnahmen womöglich verhindert oder zumindest in seiner Schwere abgemildert werden können.“