Gericht

„Ich trage Mitleid für die Familien“: Angeklagter Todesraser ergreift erstmals das Wort

Angeklagter hält Mappe vor das Gesicht, neben ihm Justizbeamter und zwei Verteidiger im Gerichtssaal.
Der Angeklagte Mohammad S. mit seinen Anwälten Michael Koch (Mitte) und Wiebke Otto.

Der Unfall, bei dem die Hamburger Zwillinge Quang und Minh Nguyen starben, erschüttert 2025 ganz Deutschland. Jetzt steht der angeklagte Autofahrer vor Gericht und ergreift erstmals selbst das Wort.

Seit knapp einer Woche läuft in Frankfurt der Prozess gegen den 24-jährigen Mohammad S., der mit seinem Auto vor knapp einem Jahr die Hamburger Zwillinge Quang und Minh Nguyen sowie deren Freund Trung Hieu Hoang auf dem E-Scooter erfasste. Die 23-jährigen Brüder starben, Hoang wurde zum Pflegefall. Am Freitag ergriff jetzt erstmal der Angeklagte im Gerichtssaal selbst das Wort – und richtete sich auch direkt an die betroffenen Familien.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in den Knast komme“, sagt Mohammad S. an die Richterinnen und Richter gewandt. Er spricht sehr leise und stockend, zwischendurch muss auch mal die Dolmetscherin auf Arabisch aushelfen. „Ich trage Mitleid für die Familien“, fährt er fort und lässt einmal den Blick durch den vollen Saal schweifen. „Ich will mich entschuldigen. Ich wünschte, ich wäre an diesem Tag nicht zu Hause rausgekommen.“

Zwillinge aus Hamburg starben: Angeklagter soll Kontrolle über sein Fahrzeug verloren haben

Mit „diesem Tag“ ist der 6. Juni 2025 gemeint. Um 2.33 Uhr soll der 24-jährige Angeklagte damals auf der Mainzer Landstraße die Kontrolle über sein Auto verloren und auf den Radweg gefahren sein, wo zu diesem Zeitpunkt die Zwillinge und ihr Freund Hoang unterwegs waren. S. soll die Zwillinge mit dem Toyota seines Vaters mit 75 km/h „unvermittelt überfahren“ haben. Erlaubt sind dort nur 50 km/h. Die Brüder flogen durch die Luft und schlugen auf dem Asphalt auf. Einer starb noch vor Ort, der andere später im Krankenhaus.

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Nach dem Zusammenstoß soll der Angeklagte nicht gestoppt haben, sondern mit gleicher Geschwindigkeit weitergefahren sein. Dabei rammte er auch den 27-jährigen Hoang, der auf die Motorhaube des Fahrzeugs geriet und mitgeschleift wurde. Sein Kopf habe die Windschutzscheibe zerbrochen, anschließend sei er auf die Fahrbahn geschleudert und auf den Straßenbahnschienen liegen geblieben sein. Hoang überlebte schwer verletzt, fiel zeitweise ins Koma und verlor seinen rechten Unterschenkel. Sein Anwalt schilderte am ersten Prozesstag, wie schlimm es seinem Mandanten auch heute noch geht: „Er ist aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.“

Mann im gelb-schwarzen Trikot hält ein Baby auf einem Kunstrasenplatz, weitere Personen im Hintergrund.
Trung Hieu Hoang (27), das dritte Unfallopfer, lag zeitweise im Koma und verlor seinen rechten Unterschenkel.

Seit Juli 2025 sitzt S. in Untersuchungshaft in der JVA Frankfurt. Am Freitag fragt die Vorsitzende Richterin den Angeklagten, wie es ihm inzwischen gehe. „Ich habe immer Schlafstörungen“, antwortet der. „Mir geht es auf jeden Fall nicht gut.“ In der Unfallnacht soll er laut der Anklage nach dem Aufprall mit dem Auto weitergefahren sein, das Fahrzeug am Römerberg abgestellt und die Kennzeichen entfernt haben. Einige Stunden später stellte er sich am Unfallort an der Mainzer Landstraße der Polizei. Mit im Auto saßen noch drei Bekannte von ihm, die im Prozess als Zeugen auftreten, allerdings widersprechen sie sich teilweise mit ihren Aussagen.

Angeklagter Mohammad S. schildert sein Leben vor dem Unfall

Zu der Unfallnacht sagte S. in seiner jetzigen Einlassung noch nichts, dafür erzählte er seinen eigenen Werdegang. 2002 sei er in Syrien geboren, aufgewachsen in einem palästinensischen Flüchtlingslager. Seine Familie habe allerdings keine palästinensischen Wurzeln, betont er. In dem Flüchtlingslager, das eher an eine Stadt erinnere, lebten Palästinenser und Syrer nebeneinander.

2015 sei sein Vater zu Fuß über die Türkei und Griechenland nach Deutschland geflüchtet, er, seine Mutter und zwei kleine Schwestern seien 2018 nachgeflogen. Über ein Asylheim sei die Familie schließlich in eine Wohnung nach Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) gezogen. Der Vater arbeite als Reinigungskraft, eine seiner Schwestern mache eine Ausbildung, die andere gehe noch zur Schule.

S. schloss eine Ausbildung bei einem Friseur ab. Ab September 2025 hatte er vor, eine Meisterschule zu besuchen, um einen eigenen Laden zu eröffnen. Dann passierte der Unfall: S. und seine Bekannten sollen vor der Autofahrt Lachgas konsumiert haben.

Quang Nguyen und Minh Nguyen lächeln an ihrem Arbeitsplatz neben einem Blumenstrauß.
Zum 23. Geburtstag am 7. November 2024 finden die Zwillinge am Arbeitsplatz einen Blumenstrauß vor und freuen sich: Quang Nguyen (l.) und Minh Nguyen (r.)

Die getöteten Hamburger Zwillinge Quang und Minh Nguyen waren 2023 von Vietnam aus nach Hamburg eingewandert, und machten in der kieferorthopädischen Praxis in Altona eine Ausbildung. Die Eltern hatten sich verschuldet, um ihren Söhnen die Ausbildung in Deutschland zu ermöglichen. Im Gegenzug hatten Quang und Minh einen Teil ihres Gehalts nach Vietnam geschickt.

Ihr Freund Trung Hieu Hoang hatte vor dem Unfall als Pfleger gearbeitet. Ein Urteil in dem Prozess wird im September erwartet, dann wollen auch die Eltern der Getöteten aus Vietnam einfliegen.

Seit knapp einer Woche läuft in Frankfurt der Prozess gegen den 24-jährigen Mohammad S., der mit seinem Auto vor knapp einem Jahr die Hamburger Zwillinge Quang und Minh Nguyen sowie deren Freund Trung Hieu Hoang auf dem E-Scooter erfasste. Die 23-jährigen Brüder starben, Hoang wurde zum Pflegefall. Am Freitag ergriff jetzt erstmal der Angeklagte im Gerichtssaal selbst das Wort – und richtete sich auch direkt an die betroffenen Familien.

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