„Ich höre die Schreie immer noch“ – Todesraser von Billstedt den Tränen nahe
Ein illegales Autorennen auf dem Schiffbeker Weg in Billstedt endete im August 2024 in einer Tragödie: Der zweijährige Mirza kam bei einem durch das Rennen verursachten Unfall ums Leben. Einer der Angeklagten, Haseeb K., hat nun vor dem Landgericht über die Nacht gesprochen, die ihn seither nicht loslässt.
Der zweite Prozesstag am Landgericht Hamburg beginnt am Mittwoch mit hitzigen Debatten. Der Zuschauerraum ist gut gefüllt, viele wollen hören, was Haseeb K. zu sagen hat. Doch bevor der 25-Jährige zu Wort kommt, entbrennt eine juristische Auseinandersetzung zwischen Staatsanwaltschaft, Verteidigung und den Anwälten der Nebenklage.
Auslöser ist ein Antrag der Verteidigung von K.s Mitangeklagtem Moritz P. (23), der eine Aussetzung des Verfahrens fordert, bis ein noch ausstehendes Gutachten vorliegt. Die Diskussion wird hitzig, die Anwälte fallen sich ins Wort. Der Richter bittet um Ruhe, zieht sich zur Beratung zurück und verkündet schließlich: Der Antrag wird abgelehnt. Die Beweislage sei ausreichend, zudem werde das Gutachten früher fertig als erwartet.
Haseeb K.: „Ich weiß, ich kann mit Worten nicht helfen“
Dann darf Haseeb K. aussagen. Er wendet sich umgehend an die Familie des verstorbenen Kindes: „Ich möchte mein Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Ich weiß, ich kann mit Worten nicht helfen. Was passiert ist, was Ihnen passiert ist, tut mir schrecklich leid.“
Dann berichtet er von dem verhängnisvollen Abend. Er habe sich mit Moritz P. getroffen, um Marihuana zu kaufen. Nach dem Geschäft sei er mit seinem Mercedes auf dem Weg gewesen, eine Freundin in Billstedt abzuholen. An einer Ampel traf er zufällig erneut auf P. – die Fenster seines Wagens heruntergelassen, die Musik aufgedreht. „Hörst du die Soundqualität? Dahinter stecken 700 PS“, soll Moritz P. gerufen haben. Haseeb K. habe darauf geantwortet, sein Auto sei schneller. Doch das Rennen begann an dieser Stelle noch nicht. Erst als er wenig später im Rückspiegel sah, wie P. mit hoher Geschwindigkeit aufschloss, habe er selbst Gas gegeben.
„Es war, als würde ich von hinten geschoben werden“, erinnert er sich. Wie schnell er tatsächlich fuhr, wisse er nicht mehr. Dann überholte Moritz P. und zog auf die linke Spur. Die Straße vor ihnen schien frei – doch plötzlich tauchte der Ford der Familie K. auf.
Haseeb K.s Stimme beginnt zu zittern, als er von dem Aufprall spricht. Immer wieder muss er Pausen einlegen. „Der Wagen stand da wie eine Wand“, erinnert er sich an den Ford. Er habe keine Möglichkeit mehr gehabt, abzubremsen, krachte in das Fahrzeug. „Ich weiß noch dass mein Auto sich drehte, der Airbag platzte mir ins Gesicht“.
Mirza wurde am Unfallort wiederbelebt, starb jedoch später im Krankenhaus
Als die Fahrzeuge zum Stehen kamen, sei er aus dem Wagen gesprungen und zum Unfallauto geeilt. Er hörte die Fahrerin schreien, öffnete ihre Tür. Dann sah er auf die Rückbank. Dort saßen die zweijährigen Zwillinge Mirza und Mahir. Beim Versuch, die Kinder zu befreien, habe zunächst die Tür geklemmt.
Schließlich befreiten sie die Kinder aus dem Auto. Er hörte die Frau nach Decken schreien und rannte zurück zu seinem Mercedes, um den Erste-Hilfe-Kasten zu holen. Doch als er zurückkam, sei plötzlich alles anders gewesen. „Es lag ganz still. Ich konnte nicht glauben, wie es da so still lag“, sagt Haseeb K. leise. Die Mutter des Kindes, Esengül K., umklammert während der Aussage ein Taschentuch. Vater Ferhat K. schüttelt fassungslos den Kopf. Mirza wurde am Unfallort wiederbelebt, starb jedoch später im Krankenhaus.
Noch immer hört Haseeb K. die Schreie aus der Augustnacht
Haseeb K. sitzt seit sieben Monaten in Untersuchungshaft. Seit sechs Monaten nimmt er starke Medikamente, um überhaupt schlafen zu können, denn er habe starke Schlafstörungen seit dem Unfall. Er sagt: „Ich höre die Schreie immer noch.“ Es sind insgesamt 25 Verhandlungstermine geplant. Der nächste Termin ist am 4. April.