Hamburg

Gerichtsvollzieherin: „Da hieß es: Achtung, bloß nicht alleine hingehen!“

Person sitzt am Tisch vor großem Fenster mit Blick auf Bürogebäude; Essen und Utensilien liegen daneben.
Isabell Moritz ist Gerichtsvollzieherin in Wilhelmsburg.

Als Gerichtsvollzieherin erlebt Isabell Moritz schwere Schicksale. Im Interview erzählt sie, warum sie unterschätzt wird und weshalb gerade das ihre Stärke ist.

Sie klingelt, mal mit Schutzweste, mal mit polizeilicher Begleitung, aber meistens alleine. Dann öffnet sich die Tür und für Isabell Moritz (48) beginnt eine Arbeit, die abwechslungsreich, aber auch gefährlich sein kann. Moritz ist Obergerichtsvollzieherin. Sie holt Vermögensauskünfte ein, führt Zwangsräumungen durch oder muss Eltern und Kinder voneinander trennen. Im Interview erzählt sie von Reichsbürgern, Tupper-Tanten und einer immer größer werdenden Unberechenbarkeit der Schuldner.

MOPO: Frau Moritz, in Ihrem Job sind Sie meist die Böse. Die Leute, mit denen Sie es zu tun haben, freuen sich vermutlich selten über Ihre Anwesenheit, oder?

Isabell Moritz: Der Anlass, weshalb ich komme, ist natürlich nicht immer angenehm. Aber „die Böse“ würde ich nicht sagen. Ich lasse mich auf jeden Menschen wieder neu ein, und dann merken die Leute auch recht schnell: Mensch, die ist ja vielleicht gar nicht so schlimm.

Wie ist denn die erste Reaktion, wenn Sie bei den Leuten klingeln?

Früher wurde ich manchmal für die Tupper-Tante gehalten, weil die Leute keine Vorstellung davon hatten, wie Gerichtsvollzieher aussehen. Wenn ich in Zivil komme, wissen die Leute erst einmal nicht, wer ich bin, aber ich denke, das ist gar nicht schlecht. Ich bin 1,65 Meter groß. Das wirkt natürlich ganz anders, als ein männlicher Kollege auf zwei Metern. 

Gerichtsvollzieher in Hamburg

In Hamburg gibt es derzeit 94 aktive Gerichtsvollzieher. Rund 57 Prozent davon sind weiblich.

Würden Sie sagen, dass das für Sie ein Vorteil ist?

Das kann schon sein. Durch meine Körpergröße wirke ich nicht besonders bedrohlich, weshalb einige nicht direkt auf Abwehr gehen. Bei mir sind viele Leute so: Ich schaue erstmal, was die Frau möchte. Manche denken dann aber, wenn ich nett bin, man könne mich an der Nase herumführen. Das ist definitiv nicht so. Ich bin nett, aber bestimmt.

Gerichtsvollzieherin: Schuldner werden unberechenbarer

Ihr Job kann auch gefährlich sein. Im November 2025 wurde ein Gerichtsvollzieher bei einer Zwangsräumung in Bexbach (Saarland) mit einem Jagdmesser getötet. In Hamburg wurde gerade ein Mann verurteilt, der mit einer geladenen Waffe auf die Beamten gezielt haben soll. Hat die Gewaltbereitschaft über die Jahre zugenommen?

Ich bin der Meinung, es kam genauso zu gewalttätigen Übergriffen wie heute, nur fielen die insgesamt vielleicht etwas harmloser aus. Waffen, Messer und brennbare Gase oder Flüssigkeiten wurden da nicht benutzt. Da wurde es eher mal handgreiflich. Heutzutage ist das so unberechenbar. Die Leute sind viel unzufriedener, nicht mehr so gut einzuschätzen, und die psychischen Erkrankungen haben zugenommen. Auch die Gruppe der Reichsbürger gab es früher noch nicht so. Deswegen ist man heute durchaus vorsichtiger und feinfühliger in meinem Beruf.

Hatten Sie es auch schon mit einem Reichsbürger zu tun?

Ja. Der Mann hätte zu mir ins Büro kommen sollen, um eine Vermögensauskunft abzugeben. Er kam aber nicht, also erging ein zivilrechtlicher Haftbefehl gegen ihn. Bevor ich dort hin bin, habe ich eine Abfrage bei der Polizei gemacht und die meinten: „Achtung, bloß nicht alleine hingehen.“ Zum Schluss bin ich mit einem Sondereinsatzkommando in die Wohnung rein und er wurde fixiert. Meine Fragen hat er aber nicht beantwortet. Solche Leute erkennen uns nicht an.

Defintion: Reichsbürger

Reichsbürger bestreiten die Existenz der Bundesrepublik Deutschland und lehnen das Rechtssystem ab. In Hamburg gibt es rund 350 Reichsbürger – Tendenz steigend.

Sie sind für Wilhelmsburg und Teile von Georgswerder zuständig. Mit welchen Fällen haben Sie es da zu tun?

Mein Bezirk ist eher einfach gestrickt. Ein bisschen Gewerbe, also Bäcker, Cafés, Shishabars und Wohnviertel. Einige Schuldner sind einfach überfordert oder haben ihre Rechnungen vergessen. Und andere sind resigniert. Die kriegen nichts mehr hin. Mittlerweile bin ich in dem Bezirk seit vier Jahren. Man kennt sich, wir winken uns auf der Straße zu. Es ist ein lockerer Umgang geworden.

Geld ausgeben, das eigentlich nicht da ist – und plötzlich klingelt Frau Moritz

Weswegen, würden Sie sagen, geraten so viele Menschen in finanzielle Schwierigkeiten?

Die typische Geschichte ist: Man gönnt sich lauter Sachen, aber hat das Geld eigentlich gar nicht. Dann wird die Ratenzahlung als Bezahlmethode gewählt. Das kann gefährlich sein, weil die Leute anfangs noch denken, sie hätten den Überblick. Und plötzlich kommen immer mehr Schulden dazu. Einige unterschätzen auch die Selbstständigkeit und die steuerliche Seite ihrer Arbeit, und dann geht es plötzlich den Bach runter.

Ich wurde schon beleidigt und beschimpft, aber noch nie körperlich angegriffen.


Haben Sie sich bei einem Einsatz schon einmal um Ihre Sicherheit gefürchtet?

Ich bin jetzt seit 16 Jahren im Dienst und glücklicherweise muss ich sagen, dass ich noch nie solche Ängste hatte. Ich wurde schon beleidigt und beschimpft, aber noch nie körperlich angegriffen.

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Und Ihre Kollegen?

Da gab es durchaus Fälle, in denen sie körperlich angegangen oder bespuckt wurden. Es kommt auch darauf an, in welchem Bezirk man ist, welcher Mensch vor einem steht und um welchen Auftrag es geht. Es macht einen Unterschied, ob es um Geldschulden geht oder man jemandem die Kinder wegnehmen muss.

Mussten Sie das auch schon einmal machen?

Einmal. Am Anfang des Jahres. Das Mädchen war 12 und wurde wohl von seiner Mutter geschlagen, weshalb das Jugendamt dann den Auftrag gegeben hat, dass ich es aus der Familie hole.

Sie haben auch Kinder. Wie gehen Sie dann mit so einer Situation um?

Es ist natürlich eine schwierige Situation. Die Kinder wollen meist bei ihren Eltern bleiben, egal ob es ihnen da gut geht oder nicht. Da braucht man viel Verhandlungsgeschick und Ruhe. Ich habe mir viel Zeit genommen, um vor Ort alles friedlich erledigen zu können. Es war natürlich traurig und aufreibend, aber ich versuche in solchen Situationen einfach, den Auftrag so gut und ruhig wie möglich zu erledigen. 

Ich glaube nicht, dass den meisten Menschen bewusst ist, was ich alles sehe in meinem Job.

Erfahren Sie im Nachhinein, was weiter passiert?

Nein. Wir gehen und dann höre ich fast nie wieder etwas.

Wie ist das für Sie?

In Ordnung. Ich kann mich davon ganz gut distanzieren, das ist reiner Selbstschutz. Dinge, die für Freunde von mir vielleicht entsetzlich oder besonders schwierig sind, sind für mich im Laufe der Jahre normal geworden. Ich glaube nicht, dass den meisten Menschen bewusst ist, was ich alles sehe in meinem Job.

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