Fataler Behandlungsfehler bei Schüler (13): UKE muss Millionen zahlen
15 Jahre nach der OP hat das Landgericht nun geurteilt: Das UKE soll lebenslang für den jungen Patienten zahlen.
Was geschieht, wenn ein 13-jähriger Junge durch eine ärztliche Fehlentscheidung im UKE schwerste Behinderungen erleidet? Wenn er nie einen Beruf erlernen wird? Dann muss das Krankenhaus ihm jeden Monat das erstatten, was der junge Patient bis zur Rente hätte verdienen können. So hat das Hamburger Landgericht nun entschieden. Das UKE kann das Urteil anfechten. Aber wie wird geschätzt, welche Einkünfte der Schüler später einmal erzielt hätte?
Es war kurz vor Ostern 2011, als der damals 13-jährige Jakob (Name geändert) mit einer beängstigenden Diagnose in das UKE eingeliefert wurde: Hirntumor. Statt sofort zu operieren, wurde der Eingriff jedoch auf die Zeit nach den Feiertagen verschoben – eine fatale Fehlentscheidung: Das Kind erlitt in der Zwischenzeit schwerste Hirnblutungen. Heute ist Jakob 29 Jahre alt, an Beinen und Armen gelähmt, zu 100 Prozent behindert, wird von seinen Eltern gepflegt.
Zehn Jahre nach den fatalen Geschehnissen im UKE stellte das Landgericht Hamburg 2021 fest, dass Jakob bei einer rechtzeitigen OP mit hoher Wahrscheinlichkeit ein normales Leben hätte führen können: Der Tumor war gutartig und lag für eine Operation günstig. Acht Gutachter hatten Behandlungsfehler bestätigt, sieben davon gar „grobe Behandlungsfehler“.
UKE: Bereits 2021 zu Schmerzensgeld verurteilt
In dem ersten Prozess wurde das UKE 2021 zu einem Schmerzensgeld von 450.000 Euro verurteilt. Außerdem stellten die Richter damals fest: Darüber hinaus muss das Krankenhaus auch für die „materiellen Kosten“ aufkommen, also etwa den Verdienstausfall ausgleichen.
Einen „Etappensieg“ nennt Rechtsanwalt Malte Oehlschläger, renommierter Fachanwalt für Medizinrecht und Experte für Behandlungsfehler, das erste Urteil: „Das Schmerzensgeld stellt nur einen geringen Teil des Gesamtanspruches dar.“ Seine Kanzlei hat Standorte in Montabaur, Köln und Wiesbaden und er vertritt Jakob und seine Familie
Im zweiten Prozess ging es nun um deutlich höhere Summen: Wie viel hätte Jakob in seinem Leben verdient? Und wie viel höher sind seine Lebenskosten durch die ärztliche Fehleinschätzung? Wie teuer sind aufs ganze Leben gerechnet Umbauten und Fahrtkosten, Therapien und Rund-um-die-Uhr-Pflege? „Der Geschädigte muss wirtschaftlich so gestellt werden, wie er stünde, wenn es das schädigende Ereignis nicht gegeben hätte“, erklärt Oehlschläger: „Die Summen aller Beträge für Vergangenheit und Zukunft stellen ein Vielfaches des Schmerzensgeldes dar und werden deutlich oberhalb von 3,5 Millionen Euro liegen.“
Mit viel Mühe haben die Richter versucht, abzuschätzen, was wohl aus Jakob geworden wäre. Seine Noten in der Grundschule: viele Dreien. Jakob kam auf die Realschule, ist nach einem Jahr auf die Hauptschule gewechselt – möglicherweise bereits wegen des noch unerkannten Hirntumors – schrieb dort bessere Noten, stand in Englisch, Chemie und Sport sogar auf einer Zwei. Dann wurde der Tumor entdeckt und im UKE kam es zu der schicksalhaften OP-Verschiebung.
UKE-Prozess: Was hätte der Patient später verdient?
Was also hätte Jakob später wohl für einen Beruf ergriffen, wäre er rechtzeitig operiert worden? Was hätte er verdient? Der Vater arbeitete, bevor er zum Pfleger seines Sohnes wurde, bei Airbus. Der Bruder ist bei Beiersdorf. Gute Jobs.
Jakob habe davon geträumt, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, teilte Oehlschläger dem Gericht mit und rechnet detailliert vor: Angenommen, der Junge hätte 2013 eine Lehre als Werkzeugmechaniker angefangen, dann hätte er ab 2016 in dem Beruf arbeiten können. Alleine von Ausbildungsbeginn bis Juli 2022 wäre dann ein Verdienstausfall von fast 157.000 Euro entstanden. Für die Jahre danach sind monatlich 1800 Euro fällig, bis zu Jakobs Rentenalter, so die Rechnung des Anwalts.
Außerdem habe sein Mandant Anspruch auf Übernahme der Pflegekosten, und zwar rückwirkend in Höhe von 339.000 Euro und in Zukunft monatlich 8.800 Euro.
UKE wehrte sich gegen Klage
Das UKE beantragte die Abweisung der Klage. Niemals hätte der Junge mit seinen schlechten Noten später bei Airbus gearbeitet. Er hätte vermutlich nicht einmal die Mittlere Reife geschafft. Höchstens 100.000 Euro rückwirkender Verdienstausfall seien realistisch – diese Summe hatte die Allianz Berufshaftpflicht bereits überwiesen. Auch die Pflegekosten der Eltern setzt der UKE-Anwalt niedriger an.
Das Gericht urteilte nun: Wäre die OP damals ideal verlaufen, dann hätte Jakob schnell wieder zur Schule gehen können. Es sei auch wahrscheinlich, dass er mit seinen verbesserten Noten die Mittlere Reife und eine Ausbildung als Werkzeugmechaniker geschafft hätte. Von September 2015 bis Juli 2026, so die Rechnung des Gerichts, hätte Jakob in dem Beruf gut 185.000 Euro verdient. Die Berufshaftpflicht des UKE-Arztes muss also noch 85.000 Euro nachzahlen.
Und: Auch wenn Jakob wohl nicht bei Airbus gearbeitet hätte, steht ihm bis zur Rente ein monatlicher Verdienstausfall von 1800 Euro zu, mit jährlichem Inflationsausgleich, so das Urteil.
Außerdem geht das Gericht davon aus, dass Jakobs Eltern sich täglich 15,5 Stunden um ihren weitgehend hilflosen Sohn kümmern, der regelmäßig Krampfanfälle erleidet und ein Notfallmedikament braucht. Monatlich soll das UKE 5.036 Euro an Jakob für den Betreuungsaufwand zahlen – solange Jakob lebt. Macht zusammen mit dem Verdienstausfall gut 6.800 Euro monatlich. Auf die Beträge der Vergangenheit sind zudem Zinsen zu zahlen, was bei der Prozessdauer erheblich ist.
Nach dem Urteil 2021 hat die Allianz für das UKE knapp eine Million Euro überwiesen (450.000 Euro Schmerzensgeld, plus 100.000 Euro Verdienstausfall, plus 400.000 Euro Pflegeaufwand), zuzüglich Zinsen für die Vergangenheit, Gerichts- und Anwaltskosten.
Wird das zweite Urteil rechtskräftig, dann kommt ein Vielfaches dieser Summe dazu.
UKE: Gericht spricht Patienten Millionen zu
Warum wurden nicht bereits 2021 alle Ansprüche geklärt? Da hatte die Familie ja bereits zehn Jahre mit dem Schicksalsschlag gelebt? „Die Mandanten sind nicht rechtsschutzversichert“, erklärt Oehlschläger: „Wenn wir sofort in voller Höhe geklagt hätten, dann wären bei einem verlorenen Prozess hunderttausende Euro Prozesskosten auf die Mandanten zugekommen. Das Risiko war zu groß, darum haben wir in zwei Schritten geklagt.“
Der Kommentar des Anwalts zum Verhalten der Allianz: „Es ist die Tendenz zu beobachten, dass die Versicherungen immer mehr auf Zeit spielen. Ich bewundere die Familie meiner Mandantschaft, weil sie nie aufgegeben und bis zum Ende gekämpft hat.“
Das UKE kann gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen. Auf MOPO-Nachfrage wollte das Krankenhaus sich nicht zu dem laufenden Verfahren äußern.
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