Gericht

Ein Jahr Block-Prozess: Drama, Tränen und die Frage – wer lügt?

Christina Block und ihr Anwalt Ingo Bott sitzen im Hamburger Gerichtssaal vor Namensschild und Kopfhörern.
Christina Block und ihr Anwalt Ingo Bott.

Seit dem 11. Juli 2025 versucht das Hamburger Landgericht aufzuklären, wie es zu der brutalen Entführung der beiden jüngsten Block-Kinder gekommen ist – und welche Rolle die Mutter dabei spielt.

Familientragödie, Agenten-Thriller, ein Netflix-Drama um Selbstjustiz in Hamburgs besten Kreisen? Was wird da eigentlich aufgeführt, seit fast einem Jahr, im Hamburger Landgericht? Sehr einfach: ein Strafprozess, ausgefochten nach Recht und Gesetz. Und: mit einigen bemerkenswerten Besonderheiten. Zeit für einen Rückblick auf ein gefühlt unendliches Verfahren.

1. Der schillernde Verteidiger:

Der Prozess hatte schon begonnen, da präsentierte Christina Block überraschend einen neuen Verteidiger: Ingo Bott, Bart, halblanges Haar, Doppeldoktor und Ehren-Prof, nach Feierabend Krimiautor. Seit die israelischen Entführer als Zeugen aufgetaucht sind, hat Bott ein Problem: Die Männer schildern ein Treffen mit seiner Mandantin vor der Tat – was nicht zu seiner kämpferischen Freispruch-Verteidigung passt.

Die basiert auf dieser These: David Barkay, Kopf der israelischen Entführerbande, ist mit seiner eilig zusammengestellten Dilettantentruppe am Silvesterabend 2023 auf eigene Faust los, hat die Kinder in einer Chaos-Aktion nach Deutschland verschleppt und sie am Neujahrstag ihrer völlig ahnungslosen Mutter übergeben. Warum er das hätte tun sollen? Weil er sich erhofft habe, die dankbaren Blocks würden seiner IT-Firma danach lukrative Aufträge geben. So Bott.

2. Das ominöse Treffen:

Die israelischen Entführer schildern ein Treffen mit Christina Block in einem Konferenzraum des Hotel Elysée. Traurig habe sie gewirkt, den Männern Glück gewünscht und versichert, das Vorhaben sei von deutschem Recht gedeckt. Christina Block bestreitet, dass es ein solches Treffen gegeben hat. Tatsächlich unterscheiden sich die Aussagen der Israelis in Details, etwa, was den genauen Tag und die Maskierung angeht. Botts These dazu: Die Israelis haben sich das Treffen nur ausgedacht, um sich als heldenhafte Helfer einer verzweifelten Mutter darzustellen und mildere Strafen zu bekommen.

3. Der anständige Angeklagte:

Israeli Tal S. wird  an jedem Verhandlungstag aus der U-Haft in den Saal geführt, verbeugt sich stets in Richtung Kammer, bevor er Platz nimmt. Er ist der einzige Angeklagte, der ein Geständnis abgelegt und die Kinder sowie deren Vater um Verzeihung gebeten hat. Er ist Kampfsportler, Ex-Polizist und hat als staatlich geprüfter Elektriker in Israel Stromdiebe verfolgt. Das Gericht möge nur ihn verurteilen und die anderen freisprechen, hatte Tal S. die Kammer gebeten. Er war einer der Männer, die David Barkay in Israel rekrutiert hatte und die noch nie etwas mit Entführungen zu tun gehabt hatten. „Einfache Leute, die er leicht manipulieren konnte“, so das bittere Fazit eines anderen Entführers.

4. Die unterschiedlichen Interessen der Verteidiger:

Regelmäßig gerät Sascha Böttner, der Tal S. verteidigt, mit dem Kollegen Ingo Bott aneinander, besonders, wenn es um „das Treffen“ geht: Böttner ist sicher, dass sein Mandant und die anderen israelischen Entführer die Wahrheit sagen. Böttner möchte den Prozess möglichst zügig zu Ende bringen, damit sein geständiger Mandant aus der U-Haft kommt. Die anderen Verteidiger verfolgen ein anderes Ziel: Freisprüche – und wenn das nicht klappt, wenigstens so viele Revisionsgründe finden wie möglich. Bei vielen Anträgen ist Böttner der einzige, der sich nicht anschließt.

5. Die Eskalationen:

In diesem Verfahren scheint die Luft zwischen der Vorsitzenden und den Verteidigern an fast jedem Verhandlungstag zu brennen, aus dem Nichts wird es laut. Da meint etwa Ingo Bott, er habe bei einem seiner zahlreichen Anträge nicht die volle Aufmerksamkeit der Kammer, will „Blicke, die ins Leere gehen“ bemerkt haben. Die Vorsitzende Isabel Hildebrandt weist das mit scharfen Worten von sich. Ein andermal verliest Hildebrandt einen Beschluss, ohne sich um die Tränen der angeklagten Block-Cousine zu kümmern, was ihr von deren Anwalt den Vorwurf der „Empathielosigkeit“ einträgt.

6. Die Kollateral-Angeklagten:

Christina Blocks Cousine und deren Ehemann sitzen seit 61 Verhandlungstagen im Saal. Ihre „Beihilfe“ laut Staatsanwaltschaft: Die Cousine hatte Christina Block und die Kinder am Neujahrstag am Hamburger Stadtrand in Empfang genommen und die letzten Kilometer zum Haus gefahren. Ihr Ehemann hatte sie mit einer SMS zum Treffpunkt gelotst. Der Betreiber des Alpakahofes, der Mutter und Kinder hunderte Kilometer bis nach Hamburg gefahren hatte, wurde bislang nicht angeklagt, weil man ihm geglaubt hatte, dass er nicht eingeweiht war. Der Cousine und ihrem Mann hatte man das nicht geglaubt.

7. Der vermummte Angeklagte: 

Er eilt stets mit Schal und Sonnenbrille an den Fotografen vorbei. Das Phantom ist ein Ex-LKA-Fahnder, inzwischen Inhaber einer Sicherheitsfirma. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Beihilfe vor, weil seine Leute das Haus der Mutter bewacht haben, als die Kinder bei ihr waren. Sein Auftraggeber Eugen Bock blieb unbehelligt.

8. Die ständigen Plädoyers:

Eigentlich tragen Verteidiger erst am Prozessende ihre Plädoyers vor, in diesem Prozess aber hört das Publikum nach jeder Zeugenaussage ausführliche „anwaltliche Stellungnahmen“. Besonders Block-Verteidiger Ingo Bott und der Verteidiger des angeklagten Block-Anwalts Andreas Costard nutzen jede Gelegenheit, um darauf zu verweisen, dass auch diese oder jene Zeugenaussage erneut die Unschuld ihrer Mandanten bewiesen habe.

9. Der nicht angeklagte Eugen Block:

Die polizeiliche Ermittlungsführerin hatte in ihrem Schlussbericht auch den Patriarchen erwähnt. „Eugen Blocks Tatbeitrag dürfte in der Beauftragung und Bezahlung gelegen haben“, so die Einschätzung der Beamtin. Die Staatsanwaltschaft jedoch sah keinen hinreichenden Tatverdacht und stellte das Verfahren ein. Dagegen läuft eine Beschwerde, Eugen Block kann also doch noch angeklagt werden. 

10. Die Parallelverfahren:

Neben dem Prozess gegen die Mutter und sechs Mitangeklagte wegen der Entführung in der Silvesternacht 2023 gibt es zwei „Parallelverfahren“: eines gegen den Vater, weil er die Kinder im August 2021 rechtswidrig bei sich behalten hatte und eines gegen den Ex-BND-Chef August Hanning und dessen Geschäftspartner. Dass die Kammer diese Akten nicht „beiziehen“ will, sorgt immer wieder für Zoff mit den Verteidigern.

11. Die schiere Dauer:

Beim Start am 11. Juli 2025 waren 37 Verhandlungstage angesetzt, bis Weihnachten 2025. Nun sind Termine bis Weihnachten 2026 angesetzt.

12. Die Block-Demo:

An fast jedem Verhandlungstag steht ein Wandsbeker Rentnerpaar vor dem Gerichtsgebäude und hält Plakate hoch: „Gerechtigkeit für Christina Block“. Sie kennen die prominente Angeklagte nicht persönlich, betonen sie, finden aber, dass der Vater Schuld ist. Der hätte ihr die Kinder weggenommen. Im Saal tauchen sie nie auf.



Familientragödie, Agenten-Thriller, ein Netflix-Drama um Selbstjustiz in Hamburgs besten Kreisen? Was wird da eigentlich aufgeführt, seit fast einem Jahr, im Hamburger Landgericht? Sehr einfach: ein Strafprozess, ausgefochten nach Recht und Gesetz. Und: mit einigen bemerkenswerten Besonderheiten. Zeit für einen Rückblick auf ein gefühlt unendliches Verfahren.

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