Drogenkrieg in Hamburg? Zwei Fälle vor Gericht – wenn Täter zu Opfern werden
Der Schusswechsel am Steindamm soll nur die letzte Eskalationsstufe gewesen sein. Ein 15-Jähriger soll am 12. Januar 2025 in einem Restaurant auf einen 49-Jährigen geschossen haben, der wiederum habe die Verfolgung aufgenommen und zurückgeschossen: zwei Taten, zwei Prozesse. Zwei Täter, die gleichermaßen Opfer sein sollen und doch kaum unterschiedlicher sein könnten: Auf der einen Seite Rizvan A., ein 49-jähriger Ex-Soldat, der in beiden Tschetschenien-Kriegen gekämpft hat und vor Gericht ein ganzes Rudel an Unterstützern mitbringt, das ohne ihren Anführer direkt im Flur des Landgerichts aufeinander losgeht. Auf der anderen Seite Mike F., ein hagerer 15-Jähriger aus den Niederlanden, der im Gerangel im und vor dem Gerichtssaal fast untergeht.
Die Tür zum Untersuchungsgefängnis öffnet sich, dahinter das Opfer im aktuellen Prozess, das in einem Lokal am Steindamm angeschossen und verprügelt wurde: ein schmächtiger, blasser Junge mit blonden Locken, der zögerlich den Gerichtssaal 337 betritt. So unscheinbar, dass der Richter und Verteidiger ihn zunächst gar nicht bemerken, zu sehr in ihre Diskussion vertieft.
„Muss das sein?“, kritisiert ein Verteidiger die drei Polizisten, die trotz strengen Waffenverbots im Zuschauerraum Wache halten. Der Richter erklärt, dass das Vorgehen erforderlich sei, weil die Angehörigen der Angeklagten Rizvan A., Adam A. und Adam N. im Flur plötzlich aufeinander losgegangen seien und von der Polizei getrennt werden mussten.
Der Junge folgt der Diskussion mit aufgerissenen Augen. Sein Blick wandert verloren durch den Saal, bis sein Anwalt und die Dolmetscherin kommen und ihm zeigen, wo er sich hinsetzen soll. Es wird still, die Aufmerksamkeit richtet sich jetzt auf ihn.
Mike F., 15 Jahre alt, Schüler aus den Niederlanden, so bestätigt er es auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters mit schwachem Nicken. Mehr sagt er nicht. Am Freitag ist er nur als Zeuge geladen. Das Verfahren gegen ihn beginnt erst Anfang Juli unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Denn der kleine, unschuldig aussehende Junge ist nicht nur Opfer, sondern wohl auch Täter. Darauf weisen Videos hin, die am Nachmittag vor Gericht gezeigt werden, auf denen zu sehen ist, was am 12. Januar in St. Georg passierte.
Videoaufnahmen zeigen, wie in St. Georg geschossen wurde
Die erste Überwachungsaufnahme stammt aus einem Restaurant am Steindamm. Rund ein Dutzend Männer sitzen verteilt an verschiedenen Tischen. Dann schlendert eine schmale, maskierte Gestalt in den Laden, streckt den Arm aus und zielt direkt auf Rizvan A.s Bein. Mike F. rennt los, die Männer hinterher.
Der nächste Film zeigt dann ein Lokal am Steindamm, in dem der Junge zunächst versucht, sich hinter einer Mauer zu verstecken. Doch mehrere Männer stürmen herein, schlagen, treten auf ihn ein, schießen ihm in die Beine. Und die Gesichter auf dem Bildschirm kommen einem nicht nur von der Anklagebank bekannt vor. Auch im Zuschauerraum sitzen Männer, die dem Rollkommando im Video erstaunlich ähnlich sehen. Das Video hat keinen Ton, doch alle Beteiligten sollen den Jungen immer wieder gefragt haben: „Wer schickt dich? Wer schickt dich?“
Hintergründe der Schießerei am Steindamm unklar
Die genauen Hintergründe der Tat sind allerdings bislang unklar. Laut Medienberichten handelt es sich bei Rizvan A. um ein hochrangiges Mitglied der tschetschenischen Mafia. Der niederländische Junge soll von der „Mocro-Mafia“ engagiert worden sein und auch in Nordrhein-Westfalen bereits Straftaten in ihrem Namen verübt haben.
„In der Akte geistert die Aussage umher, dass die Angehörigen Zahlungen aus Drogengeschäften eintreiben“, so der Richter. Eine Ermittlerin des LKA 65, zuständig für Delikte im Rotlichtmilieu, kann das allerdings nicht sicher bestätigen. Auch für eine Verbindung zur tschetschenischen Mafia oder der „Mocro-Mafia“ würden die Beweise nicht ausreichen, aber es gebe Ansätze.
Laut der Ermittlerin könnte die Auseinandersetzung schon deutlich länger andauern. Es könnte einen milieuinternen Zusammenhang zwischen einem Streit vor einem Tattoo-Studio in der Talstraße im September 2023, einer Messerattacke im Dezember 2023 und einem weiteren Angriff im Dezember 2024 geben. „Es gibt Spuren, dass das vielleicht aus der Richtung kommen könnte“, erklärt die Polizistin.
Rizvan A. bestreitet Verbindungen zur Drogen-Mafia
Rizvan A. wies diese Vorwürfe schon im Vorhinein im Rahmen einer Einlassung entschieden zurück, wollte zum jetzigen Zeitpunkt allerdings auch noch nicht erklären, wie er in diesem Fall an eine scharfe Schusswaffe kam. Seine Verteidigerin versicherte, dass sie sich diesbezüglich zu einem späteren Zeitpunkt äußern werden. Dafür erzählt er energisch: „Das war nicht das erste Mal“. In den Monaten zuvor sollen Unbekannte bereits zwei Mal versucht haben, ihn umzubringen. Warum, das wisse er „wirklich nicht“. Dass der Schütze vom Steindamm tatsächlich erst 15 Jahre alt ist, könne er nicht glauben.
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Und doch sitzt Mike F. am Freitagnachmittag da, wie ein Kind im Büro des Schulleiters, umringt von Anwalt und Übersetzerin. Nach seiner Aussage, die nur wenige Minuten dauert, muss er dann aber wieder alleine zurück in die Jugendhaftanstalt. Er ist jetzt kein Schüler mehr, sondern ein Angeklagter. Einer, der genauso lautlos hinter der Tür verschwindet, wie er gekommen ist – ganz im Gegensatz zu seinem Gegenüber und den Menschen dahinter auf den Zuschauerbänken.