Chef der Entführer packt aus: Warum es jetzt richtig eng für Block wird

Christina Block
Christina Block soll von David Barkay belastet worden sein.

Wäre der Block-Prozess eine Pokerrunde, dann hätte die Staatsanwaltschaft gerade ein Super-Blatt auf die Hand bekommen: die Aussage von David Barkay, dem lange gesuchten Kopf der Entführer-Bande. Seine Schilderungen zu der Entführung der Block-Kinder Theo (damals 10) und Klara (damals 13 Jahre alt) könnten die Verteidigungsstrategien ins Wanken bringen – und sogar komplett zusammenbrechen lassen. So entscheidend ist seine Aussage, dass der Prozess wochenlang unterbrochen wird, damit die Verteidiger sich einlesen können. Welche Wege bleiben den Anwälten nun noch? Die sechs wichtigsten Fragen:

1. Warum darf ein mutmaßlicher Kindesentführer nach seiner Aussage das Land wieder verlassen?

David Barkay hat „freies Geleit“ ausgehandelt, das heißt: Er machte eine Aussage und durfte danach zunächst wieder in seine Heimat Israel zurückkehren. Die Fahndung wurde aufgehoben, der internationale Haftbefehl aber bleibt bestehen. Barkay hat umfangreich ausgesagt (das Protokoll umfasst 329 Seiten) und zwar als Beschuldigter, nicht als Zeuge. Ihm steht also in der Zukunft ein eigenes Verfahren wegen Kindesentführung vor dem Hamburger Landgericht bevor. Sollte er sich dem entziehen, dann würde die Fahndung wieder aufgenommen. Wären er und seine Komplizen nach der Tat nicht nach Israel ausgereist, dann wären sie zusammen mit Christina Block, Gerhard Delling und den anderen fünf Mitangeklagten vor Gericht gestellt worden. Nur, weil sie damals nicht greifbar waren, wurden ihre Verfahren abgetrennt.

2. Was hat David Barkay davon, sich jetzt zu stellen?

Der Mann wurde mit internationalem Haftbefehl gesucht – und was das bedeutet, konnte er bei Tal S. sehen, dem einzigen aus der Entführer-Bande, der derzeit in Hamburg vor Gericht steht. Tal S. hatte Israel verlassen, um Urlaub zu machen und wurde prompt auf Zypern verhaftet. Sich nicht zu stellen, hätte für David Barkay bedeutet, sein Land für den Rest seines Lebens nicht mehr verlassen zu können.

3. Warum wurde David Barkay erst jetzt vernommen?

Dahinter steht eines der größten Rätsel des ganzen Prozesses: Christina Block hatte seine Handynummer bereits Wochen vor der Entführung an die Hamburger Polizei weitergeleitet. Grund: Barkay habe ihr „Beweise“ für pädophile Aktivitäten ihres Ex-Mannes und dessen Anwalt übergeben. Das Material wurde von den Ermittlern als gefälscht eingestuft, der mutmaßliche Rufmörder aber nie kontaktiert – ein fatales Versäumnis, das die Staatsanwaltschaft nie erklärt hat.

4. Welche Rolle spielt Barkays Aussage im Prozess gegen Christina Block?

Christina Block hatte mit der Entführung ihrer beiden jüngsten Kinder nichts zu tun, die israelischen Kidnapper sind ohne ihr Wissen losgezogen, sie selbst sei überrascht gewesen, Theo und Klara plötzlich wieder bei sich zu haben – so die Verteidigungsstrategie ihres Anwaltes Ingo Bott. Warum Barkay und sein Team die aufwendige und gefährliche Operation ohne Auftrag und Bezahlung hätten durchführen sollen, bleibt dabei unklar, zumal in seinem Notizbuch etwa die Schuladressen der Kinder gefunden wurden – in der Handschrift von Christina Block. Nach ersten Berichten soll David Barkay in seiner Aussage Christina Block belastet haben.

5. Wie reagiert die Verteidigung auf den plötzlich aufgetauchten Zeugen?

Ungehalten. Barkays Vernehmung während der laufenden Verhandlung sei „hoch rechtsverletzend“, ätzte Block-Verteidiger Ingo Bott. Die Staatsanwaltschaft verhalte sich „wie die Axt im Wald.“ Alle Verteidiger beantragten die Unterbrechung des Prozesses, um das Aussageprotokoll durchzuarbeiten. Die Karten wurden neu gemischt und wenn Barkay in seiner Aussage tatsächlich mit dem Finger auf Christina Block und den Familienanwalt als seine Auftraggeber zeigt, bleibt deren Verteidigern nur noch eine Chance: Sie müssen Barkay als unglaubwürdigen Manipulator darstellen, der ihre Mandanten fälschlich beschuldigt, um seinen eigenen Kopf zu retten.

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6. Was ist mit den anderen Entführern?

David Barkay und seine Komplizin Keren Tenenbaum sollen wenige Tage vor der Entführung einige kampfsporterfahrene Israelis abgeheuert haben, die wie ein Rollkommando nach Dänemark fuhren und die Kinder gewaltsam über die Grenze nach Deutschland verschleppten. Nur Tal S. wurde später erwischt und hat vor dem Hamburger Landgericht umfangreich ausgesagt: Er war in dem Glauben losgezogen, die Kinder müssten vor ihrem pädophilen Vater gerettet werden. Er bat Vater und Kinder um Verzeihung. Zwei weitere Mittäter haben sich im israelischen Fernsehen geäußert: Auch ihnen sei gesagt worden, die Entführung der Kinder sei eine Heldentat. Wie ihr Anwalt der MOPO bestätigt, wird derzeit auch für sie „freies Geleit“ ausgehandelt. Einer der Männer hat bereits geschildert, sie seien nach der Entführung ins Hotel Elysée zurückgekehrt und hätten mit Christina Block angestoßen. „Schön wie Prinzessin Diana“ habe er sie damals gefunden. Nach Keren Tenenbaum wird weiter gefahndet. Sie war laut Christina Block zu einer engen Freundin geworden.