Balkonsturz in Wilstorf: 250 Euro für das Leben eines 15-Jährigen
Etwa sechs Sekunden dauerte es, hieß es im Prozess: vom Klammern an der Balkonbrüstung im achten Stock bis zum Aufschlag im Hinterhof. Sechs Sekunden, die Saif Ibrahim (†15) das Leben kosteten – ausgelöst durch einen Streit um 250 Euro, an dem er nicht einmal direkt beteiligt war. „War es das wert?“, fragt der Anwalt der Familie.
„Waren 250 Euro und die Ehre des Herrn K. das alles wirklich wert?“ Dieser Frage müsse sich jeder Angeklagte selbst stellen, sagt Patrick Purbacher, der die Angehörigen als Nebenklagevertreter vertritt. Saif ist tot. „Egal, was passiert, nichts wird meinen Sohn zurückbringen“, sagte der Vater Ali Ibrahim der MOPO vor Prozessbeginn im Dezember.
Wochenlang wurde der Fall hinter verschlossenen Türen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, verhandelt. Erst zu den abschließenden Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Nebenklage wurden wieder Zuschauer zugelassen. Sie geben erstmals Einblicke in Motiv, Ablauf und Rollenverteilung der Angreifer. Vor der Urteilsverkündung können sich auch die zehn syrischen Angeklagten (19 bis 24) noch einmal äußern.
Rangordnung der Angreifer: „Anführer“, „Auslöser“ und „rechte Hand“
Die Sitzordnung im Gerichtssaal gleicht laut Purbacher der Rangordnung innerhalb der Gruppe: In der ersten Reihe sitzen „der Anführer“, seine „rechte Hand“ und „der Auslöser“ der Auseinandersetzung. Dahinter die „einfachen Soldaten“ – und in der letzten Reihe diejenigen, die draußen warten mussten. Diejenigen, die sie nicht dabeihaben wollten, als sie am 14. April zu siebt bewaffnet die Wohnung am Soltauer Ring stürmten.
Einer der Männer schlug gegen 1 Uhr die Zwischentür ein. Die vier Geschädigten flüchteten auf den Balkon, darunter auch Saif. Eines der Opfer kletterte über die Balkonbrüstung und rettete sich in den siebten Stock. Saif wollte hinterher – doch er stürzte ab.
Während der 15-Jährige im Hinterhof vergeblich um sein Leben kämpfte, flüchteten die Angreifer. Dabei sollen sie eine Gucci-Tasche mit 1000 Euro Bargeld sowie ein Magazin und ein Handy mitgenommen haben, sagt der Staatsanwalt.
Die Gruppe habe die Wohnung laut Staatsanwaltschaft wegen eines Streits mit dem Geschädigten Taha A. gestürmt. Zuvor soll der angeklagte Ahmed Q. versucht haben, eine Schreckschusswaffe für 250 Euro zu kaufen. Dann soll Taha A. aufgetaucht sein, den Angeklagten geschlagen und ihm das Geld abgenommen haben.
Angeklagte tragen Verantwortung für den Tod des 15-Jährigen
Keinem der Angeklagten wird vorgeworfen, bei Saifs Sturz nachgeholfen zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Großteil der Männer schweren Raub, gefährliche Körperverletzung und fahrlässige Tötung vor – niemandem Totschlag oder Mord.
Trotzdem tragen die jungen Männer laut Staatsanwaltschaft die Verantwortung für Saifs Tod: „Dass Ihr Verhalten Angst und Panik auslösen würde, war vorhersehbar.“ Durch Bewaffnung, Überzahl und das Eindringen bei Nacht hätten die Angeklagten „wissentlich eine hochgefährliche Situation geschaffen“.
Staatsanwaltschaft fordert lange Haftstrafen
Die Staatsanwaltschaft fordert für den ältesten Angeklagten sieben Jahre und zehn Monate Haft. Für einen Angeklagten mit frühem ausführlichem Geständnis beantragt sie zwei Jahre auf Bewährung. Die anderen Männer, die in der Wohnung waren, sollen zwischen drei Jahren und zwei Monaten und vier Jahren und zehn Monaten Haft bekommen. Die drei Männer, die unten warteten, sollen wegen Beihilfe vier Wochen Jugendarrest und ein Anti-Aggressionstraining bekommen. Bei einigen Angeklagten kritisierte der Staatsanwalt späte Einlassungen, die nur über die Verteidiger verlesen wurden, ohne Nachfragen zuzulassen.
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Nebenklagevertreter Purbacher bezeichnet die Forderungen der Staatsanwaltschaft als „äußerst maßvoll“. Mit ihrem Verhalten hätten die Angeklagten einen „unfassbaren Schaden“ angerichtet. Seine Mandanten müssen für immer mit dem Verlust ihres Kindes, ihres Bruders leben – wegen eines Streits um 250 Euro.