„Ach, du Scheiße!“ Zeugen schildern den Crash der Hadag-Fähre

Die Angeklagte sitzt vor Gericht und verdeckt ihr Gesicht mit einer Mappe.
Die 47-Jährige (mit Mappe vor dem Gesicht) ist wegen Gefährdung des Schiffverkehrs und Körperverletzung vor Gericht.

Die Kappe tief ins Gesicht gezogen, betritt die Angeklagte den Saal 142 des Hamburger Landgerichts. Achtet darauf, nicht in die Kameras der Fernsehteams und Fotografen zuschauen. Der Schiffsführerin wird fahrlässige Gefährdung des Schiffverkehrs und Körperverletzung in 19 Fällen vorgeworfen: In den Morgenstunden des 20. Januars soll die angeklagte Kapitänin der Hadag-Fähre „Övelgönne“ bei starkem Nebel das Radar des Schiffes ignoriert und trotz bestätigter Sichtung eines Binnenschiffes eingelenkt haben, woraufhin dieses die Fähre rammte. Ein Fahrgast half ihr bei der Rettung des Schiffes. Jetzt steht sie vor Gericht.

Leger gekleidet, mit Sweatshirtjacke und in sich gekehrt sitzt die 47-jährige Leonie B. (Name geändert) neben ihrem Verteidiger. Ihre Blicke wandern zwischen Richter, Zeugen, Staatsanwältin, Decke und ihrem Tisch hin und her. Sie wirkt bedrückt, manchmal runzelt sie die Stirn. Sie selbst wird nicht aussagen, sondern ihren Verteidiger sprechen lassen.

Zeugin berichtet: „Es war einfach ein Schock“

Die Staatsanwaltschaft wirft der Angeklagten fahrlässige Gefährdung des Schiffverkehrs und Körperverletzung in 19 Fällen vor. Leonie B. fuhr die Fähre „Övelgönne“ gegen 6.40 Uhr durch den Hamburger Hafen. Die Sicht? Mies. Keine 200 Meter waren mehr möglich. Zwischen Neumühlen und dem Anleger „Dockland“ kollidierte die Hadag-Fähre auf halber Strecke mit einem Schubverband. Die Scheiben der Fähre zersprangen, Fahrgäste schleuderten durch den Innenraum und der Schrei einer Frau hallte durch das Schiff. Ein Mann lag bewusstlos am Boden. Ein heute 60 Jahre alter Mann wurde lebensgefährlich verletzt, ist seit dem Unfall arbeitsunfähig.

Ein Blid vom Äußeren der Fähre zeigt die zersprungenen Fenster und Schrammen am Schiff.
Die Fähre wurde bei dem Unfall stark beschädigt.

„Es war einfach ein Schock“, berichtet eine Zeugin. Sie erzählt, wie ein anderer Passagier plötzlich „Ach, du Scheiße“ rief, bevor der Blick aus dem Fenster verriet, dass eine Kollision unvermeidlich war. Die Zeugin berichtet von einem lauten Knall und einem Ruck, den sie verspürt habe. Leonie B. hätte nicht alleine auf der Brücke stehen dürfen, so die Verteidigung. Bei diesen Wetterbedingungen hätte mindestens ein weiteres Besatzungsmitglied anwesend sein müssen. Seine Mandantin habe nicht nur steuern, sondern parallel auch den Funkverkehr leiten müssen. Zu viel?

Fahrgast rettet Hadag-Passagiere nach Kollision

Ein Foto des Innenraums der Fähre zeigt die Verwüstung.
Nach der Kollision herrscht Verwüstung an Board der Hafenfähre.

Glück im Unglück: An Bord befand sich auch ein Fahrgast, der selbst jahrelang bei der Hadag gearbeitet hatte. Der erfahrene Mann wies alle Gäste an, ihre Schwimmwesten anzulegen, und eilte dann nach draußen. Wie er im Zeugenstand berichtete, wollte er wissen, ob die Kollision ein Loch in die Seite des Schiffes gerissen hatte. Anschließend eilte er zur Brücke und half Leonie B., die Hafenfähre zum nächsten Anleger „Dockland“ zu manövrieren. Dort warteten bereits die von Leonie B. gerufenen Rettungskräfte.

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Vier weitere Verhandlungstage sind angesetzt. Am 20. Oktober geht es weiter.