Ein Leben mit 5000 Torten und Uwe Seeler: Spurensuche mit der „Glücksschreiberin“
Mehr als 5000 Torten hat Günther Locker (73) im Café Meyer in Niendorf gebacken. Die hat auch Stammgast Uwe Seeler dort mit Begeisterung verputzt. Heute ist Locker lange in Rente und erinnert sich bei einer ganz besonderen Aktion des ASB namens „Glücksgeschichten“ an sein Leben. Denn im Alter haben viele Menschen niemanden mehr, mit dem sie ihre Erinnerungen teilen können, und sind einsam – oft leise und unbemerkt. Wie so ein Treffen abläuft, zeigt der Besuch bei einer „Glücksschreiberin“.
Einsamkeit beginnt oft leise – mit Tagen, an denen niemand anruft, und Erinnerungen, die nur noch im eigenen Kopf stattfinden. Gerade im Alter wird das für viele Menschen zur Belastung. Am Küchentisch von „Glücksschreiberin“ Annette Dinkels soll das anders sein: Kaffee dampft, Fotos von bunten Torten werden ausgebreitet. Ihr gegenüber erzählt der 73-jährige Günther Locker von seinem Leben als Konditor – und sie schreibt aufmerksam mit.
Die Einsamkeit in Hamburg nimmt zu
Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) beklagt immer wieder, dass die Einsamkeit auch in Hamburg seit der Corona-Pandemie wieder auf dem Vormarsch ist. Ältere Menschen sind besonders betroffen: Fast 14 Prozent fühlen sich laut Sozialverband allein. Wenn Partner sterben oder die Mobilität nachlässt, geht das oft schnell. Genau dort setzen Projekte wie die ASB-Aktion „Glücksgeschichten“ an – mit Zeit, Gesprächen und echter Begegnung.
Ehrenamtliche „Glücksschreiber“, wie Annette Dinkels, besuchen ältere Menschen, sprechen mit ihnen über prägende Momente und halten Erinnerungen fest. Aus den Erzählungen entsteht ein kleines Buch. Es geht nicht um große Heldengeschichten, sondern um das, was ein Leben ausmacht: kleine Momente, unerwartete Wendepunkte, positive Erfahrungen.
Torten als Glücksmoment eines Niendorfer Konditors
Bei Günther Locker sind das seine Torten. Mehr als 5000 hat er im Café Meyer, einer richtigen Institution in Niendorf, gebacken. Gemeinsam mit Dinkels arbeitet er seine „Glücksmomente“ heraus. Gar nicht so einfach, denn der Rentner hat viel erlebt: Konditoralltag, Arbeit in der Kirchengemeinde und beim Niendorfer Bürgerbus – und eine Freundschaft mit Café-Stammgast Uwe Seeler.
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Während er erzählt, bringt sie Struktur hinein, fragt nach, lenkt zurück. „Wir sind ja hier, um über Sie zu sprechen“, sagt Dinkels lachend, wenn er abschweift. Aus Erzählen und Zuhören wird Teamarbeit – und Stück für Stück eine neue Sicht auf das eigene Leben.
Einsamkeit mit Aufmerksamkeit bekämpfen
Wie schnell Menschen in die Einsamkeit rutschen können, erlebt Dinkels, die eigentlich als Physiotherapeutin arbeitet, immer wieder. „Viele Senioren verlassen das Haus nur selten“, erzählt sie. Die Treffen helfen ihnen, aus dem Gedankenkarussell herauszukommen. Der Fokus liegt dabei nicht auf einer kompletten Biografie, sondern darauf, jene kleinen glücklichen Momente zu finden, die einem Menschenleben seine einzigartige Form geben.
Das Eintauchen in die Vergangenheit ist nicht immer angenehm, sagt sie. Aber wenn man miterlebt, wie aus einer furchtbaren Erfahrung trotzdem ein positives Ereignis hervorgegangen ist, „da kommen dann wirklich die Tränen“. Manche Erzähl-Tandems werden nach diesen gemeinsamen Erfahrungen sogar zu Freundschaften.
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Für Locker haben die Gespräche etwas verändert: Erinnerungen kommen zurück, vieles wird wieder wach. Er hat angefangen, sein Leben zu sortieren. Nach den Treffen gehe er oft mit einem guten Gefühl nach Hause. Und das Buch, das am Ende entstehen soll, sei „schön für meinen Sohn eines Tages“.
Hilfe gegen Einsamkeit bieten in Hamburg unter anderem Besuchs- und Gesprächsangebote von Organisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz oder dem ASB, Seniorentreffs oder das Silbertelefon für ältere Menschen. In den meisten Stadtteilen gibt es mehrere Anlaufstellen.
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