Gefährlicher Rad-Boom: Darum braucht es eine Helmpflicht für E-Bikes
„Oh Gott“, entfuhr es mir. „Wie ist das denn passiert?!“ Meine Schwiegermutter (70), sportlich, hatte einen Oberschenkel in den wildesten Blau- und Grüntönen. Kaum eine Stelle ohne Hämatome. Sie habe an einem Berg mit ihrem E-Bike anhalten müssen, erzählte sie. Das Rad, knapp 30 Kilogramm schwer, sei umgekippt. Sie gleich mit. Dabei fiel es auf den Oberschenkel. Von allein habe sie sich nicht aus der Lage befreien können, erinnerte sie sich. Zu schwer. Zu klobig. Sie sah aus wie verdroschen.
Meine Schwiegermutter ist kein Persönchen, sondern hat Power. Sie hat ihr Leben lang Kampfsport gemacht, ist raderprobt, auch auf längeren Strecken. Allerdings wohnt sie in einer recht bergigen Region. Irgendwann war klar: Mit dem normalen Fahrrad werden die Touren mühsamer. Sie kaufte sich ein E-Bike, weil sie gerne in der Natur ist und das Auto nicht ständig nutzen will.
Damit ist sie eine von vielen Senioren, die mobil bleiben wollen. Der Markt für motorisierte Räder ist gigantisch – und wächst kontinuierlich. Laut einer aktuellen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Civey, bei der 30.000 Deutsche über 18 Jahre im Auftrag von „Eon“ befragt wurden, fahren 28 Prozent ein E-Bike. Das sind rund vier Prozent mehr als im Jahr davor.
Hamburg hinkt beim E-Bike-Boom hinterher
Hamburg hinkt anteilsmäßig mit 19,8 Prozent hinterher, aber auch hier zeigt die Kurve nach oben. Deutlich höher ist die Quote beispielsweise in Schleswig-Holstein (29,5) oder Niedersachsen (34,9). Aktuelle Zahlen des Zweirad-Industrie-Verbands belegen: Von 3,85 Millionen verkauften Rädern in Deutschland hatten 2024 53 Prozent einen Motor. Wer mal am Deich von Büsum unterwegs war, weiß: Auf dem Land sind es vor allem ältere Leute, die die Dinger benutzen.
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Die Kehrseite der verbesserten Mobilität sehen vor allem die Rettungskräfte. 441 Radfahrer sind laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr im Straßenverkehr gestorben. Ein Zuwachs um 11,4 Prozent im Vergleich zu vor zehn Jahren. Und das, obwohl die Zahl der Verkehrstoten seit 2014 deutlich rückläufig ist.
In dem Bericht heißt es: „Der Anstieg ist vor allem auf die steigende Zahl an getöteten Pedelec-Nutzenden zurückzuführen.“ 192 der 441 verstorbenen Radfahrer waren mit einem E-Bike unterwegs (43,5 Prozent). In Hamburg hat sich laut Polizei die Anzahl der Verkehrsunfälle mit Fahrradbeteiligung seit 2020 reduziert (2020: 3434; 2024: 3249), die E-Bike-Beteiligung sich aber mehr als verdoppelt: von 278 (2020) auf 719 (2024).
Also Motor aus und alles ist gut? So leicht ist es natürlich nicht. E-Bikes sind nicht per se gefährlicher als andere Räder. Die entscheidenden Punkte sind dabei aber das deutlich höhere Gewicht, die schwierigere Handhabung, die ungewohnte Beschleunigung und, ja, auch das Alter der Nutzer.
Die E-Bikes haben eine Beschleunigung, die viele unterschätzen
Schaut man sich die Angaben führender E-Bike-Hersteller wie Riese & Müller an, werden die Unterschiede deutlich: Im Vergleich zu einem normalen Cityfahrrad, das bei etwa 17 Kilogramm Gewicht liegt, wiegen E-Bikes mindestens 27 Kilo.
Grund dafür sei neben den schweren Akkus die robuste Bauweise, erklärt Benjamin Wenz, stellvertretender Pressesprecher bei Riese & Müller. Bei der Entwicklung der Räder liege der Fokus „vor allem auf Komfort, Stabilität und Sicherheit im Alltag“. Dafür, so erklärt er, brauche es einen robusten, hochwertig gefertigten Rahmen, große Reifen für Fahrkomfort und Grip sowie ein Fahrwerk mit Federelementen oder einer Vollfederung für Tourentauglichkeit.
„Aber auch der starke Motor und der große Akku für hohe Reichweite tragen natürlich zum Gewicht bei.“ Ein Beispiel: Das Modell „Charger 5“ von Riese & Müller hat ein Drehmoment von 85 Newtonmetern und kann sogar auf 100 erweitert werden. Damit kommt man ohne Tempoverlust steile Berge von zehn Prozent und mehr hoch. Und das bei einem Gewicht von etwa 30 Kilogramm plus Fahrer und Gepäck. Noch Fragen?
Helmpflicht? Der Verband der Rettungskräfte hat eine eindeutige Meinung
Der Deutsche Berufsverband Rettungsdienst fordert eine Helmpflicht für E-Bike-Fahrer. Ich halte das für sinnvoll – und vor allem für nicht ausreichend. Ich habe eine „Rad-Fahrprüfung“ in der Grundschule abgelegt. Damals wurden die Verkehrsregeln eingeimpft und ’ne kleine Tour durchs Viertel unter polizeilicher Aufsicht unternommen. Wer durchfiel – und das waren in meinem Jahrgang mehrere Kinder –, durfte trotzdem aufs Rad und auf die Straße. Damals hatten die Fahrräder keine Motoren, geschweige denn gab es motorisierte Lastenräder.
Heute ballern einem in Ottensen motorisierte Mütter mit vollbeladenen Fahrrad-SUVs auf zu engen Radwegen entgegen. Oder wahlweise auf Bürgersteigen, wenn sie die letzten Meter zur Kita in Angriff nehmen. Oder Senioren fahren mit 25 Sachen, denn das geht dank 85 Newtonmetern völlig problemlos, an einem vorbei. Puh!
ADFC: „Helmpflicht verkompliziert das Radfahren“
Ich bin froh über jeden Radfahrer, der das Auto stehen lässt. Ich finde es großartig, wenn Menschen bis ins hohe Alter mobil sind und sich aufs Rad trauen. Für die Sicherheit im Stadtverkehr ist dies aber eine Herausforderung.
Der Hamburger ADFC schiebt es auf die schlechte Infrastruktur der Stadt. Noch gruseliger sei es auf dem Land. Dirk Lau, Pressesprecher des ADFC in Hamburg, argumentiert: „Eine Helmpflicht verkompliziert das Radfahren, das naturgemäß den Vorteil hat, eine smarte, jederzeit verfügbare und niedrigschwellige Verkehrsart zu sein.“ Er ist sich sicher: „Wer einen Helm tragen muss, wenn er auf ein Rad steigen will, der lässt es im Zweifel sein und steigt ins Auto. Nicht zuletzt etwa bei Leihrädern.“
Rad-Lobbyist: Verkehr ist auf Autos ausgerichtet
Für Lau ist vor allem die Straßenaufteilung in Städten das Problem. Dem Auto werde viel zu viel Platz eingeräumt, sagt er. Radfahren werde so „gefährlich gemacht“. Der Schutz der unmotorisierten Verkehrsteilnehmer, also Radfahrer und Fußgänger, stehe nicht an oberster Stelle, dafür der Kfz-Verkehrsfluss, so Lau.
Der Fahrrad-Lobbyist spricht einen wichtigen Punkt an. Auf deutschen Straßen hat das Auto Priorität. Daran konnte auch Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) in Hamburg recht wenig ändern. Abgetrennte Fahrbahnen für Fahrräder, nicht nur die rot hervorgehobenen, gibt es hier kaum. Viele Gehwege sind zu schmal. Seit dem Parkraum-Moratorium liegen zahlreiche Umbauten auf Eis und werden neu bewertet. Ein klares Zeichen: Eine wirkliche Verkehrswende in der Stadt scheint nicht gewollt. Über flächendeckendes Tempo 30 wird schon lange nicht mehr gesprochen.
MOPO-Reporter: E-Bikes müssen langsamer werden!
Gleichzeitig boomen E-Bikes, steigen die Zahlen verunglückter Radfahrer. Helme retten im Zweifel Leben, sagen die, die es wissen müssen. Natürlich können wir weiterhin auf Freiwilligkeit setzen, aber wer verändert schon freiwillig feste Gewohnheiten? Solange die Verkehrspolitik so ist, wie sie nun mal ist, müssen andere Stellschrauben gedreht und trotzdem Druck auf die Entscheider ausgeübt werden.
Warum müssen E-Bikes so schnell sein? Reichen für Senioren und E-Lastenräder nicht auch 15 km/h? Warum darf jeder motorisierte Räder fahren, ohne dass geschaut wird, ob die Person das überhaupt (noch) kann?
So positiv der (E-)Bike-Boom für Mensch und Umwelt auch ist, so gefährlich bleibt er, wenn wir nicht bereit sind, auch über unbequeme Maßnahmen zu sprechen. Ich bin überzeugt, dass wir aufhören sollten, so zu tun, als wäre ein Helm eine Zumutung. Meine Schwiegermutter hat einen getragen. Vor den blauen Flecken konnte er sie nicht bewahren. Geholfen hat er ihr in dieser Situation nicht, ein leichteres Rad dagegen schon. Mich erinnert die Debatte aber an die 70er Jahre, als der Gurt im Auto Pflicht wurde …