Gefährliche Kälte: Soll ich schlafende Obdachlose aufwecken ?
Draußen ist es kalt, gerade hat die Stadt die erste Frostnacht des Winters erlebt. Während ein Großteil der Hamburger und Hamburgerinnen es sich drinnen gemütlich macht, haben rund 3000 Menschen keine Unterkunft. Sie sitzen auf der Straße, sind Minusgraden ausgesetzt. Wie kann man den betroffenen Menschen am besten helfen? Sollte ich Geld oder Decken spenden? Schlafende aufwecken? Wie gut ist Hamburg eigentlich aufgestellt, um Obdachlosen im Winter zu helfen? Diese Fragen hat die MOPO im Interview mit dem Geschäftsführer des „Hinz&Kunzt“-Magazins, Jörn Sturm (59) geklärt.
MOPO: Herr Sturm, was brauchen die Menschen auf der Straße jetzt am meisten?
Jörn Sturm: Eine Wohnung. Das klingt absurd, weil wir uns mit dem Zustand vom Leben auf der Straße täglich so abfinden. Aber das langfristige Ziel muss immer eine Wohnung sein. Kurzfristig brauchen die Menschen Aufmerksamkeit. Insbesondere, wenn es ihnen nicht gut geht.
Wie können wir den Leuten am besten Aufmerksamkeit entgegenbringen?
Grundsätzlich sollte man sich immer fragen: Wie will ich selbst behandelt werden? Wenn Sie sich in die Situation versetzen, dass Sie in einem U‑Bahnhof schlafen und dann werden Sie geweckt und es schaut jemand von oben auf Sie herab, das fühlt sich nicht gut an.
Sollte man die Leute überhaupt aufwecken, wenn sie schlafen?
Am besten lässt man sie immer schlafen. Wenn einem die Situation allerdings komisch vorkommt, zum Beispiel, wenn jemand verletzt ist oder man nur schwache oder keine Atmung feststellen kann: intensiv ansprechen und den Notarzt rufen.
Und wenn die Leute ansprechbar sind?
Ich würde immer empfehlen: nicht von oben herab. Knien Sie sich hin, und sprechen Sie auf Augenhöhe miteinander. Dann kann man die Menschen fragen, was sie brauchen. Wenn man ihnen dann zum Beispiel einen Tee ausgibt oder mit ihnen einen Schlafsack kaufen geht, dann hat das immer gleich eine doppelte Wirkung. Man gibt ihnen in den Momenten nicht nur ein warmes Getränk, sondern auch zwischenmenschliche Nähe. Das spüren sie natürlich.
Gibt es Sachspenden, die besonders gebraucht werden?
Alles, was im Winter das Leben auf der Straße besser macht. Thermohosen, Schlafsäcke, Handschuhe, Mützen. Hierfür kann man sich prima an „Hanseatic Help“ wenden. Die wissen genau, was gebraucht wird. Mit denen kooperieren wir von „Hinz&Kunzt“ auch.
Wie sieht es mit direkten Geldspenden aus?
Mit Geld können die Menschen am freiesten selbst entscheiden, was sie damit machen. Manche entscheiden sich natürlich auch dazu, mit dem Geld ihre Sucht zu befriedigen. Damit muss man sich als Spender:in abfinden. Auch Sie und ich können selbst entscheiden, ob wir uns ein Bier kaufen oder nicht.
Gibt es Situationen, in denen man nicht auf eigene Faust eingreifen sollte?
Immer wenn Ihnen das eigene Gefühl sagt‚ hier könnte es gefährlich werden, dann Abstand wahren. Man muss immer aufpassen, dass man sich nicht selbst gefährdet. Helden und Märtyrer können wir nicht gebrauchen. Was wir brauchen, sind Aufmerksamkeit und Respekt.
Wie gut ist Hamburg aufgestellt, was Hilfsprogramme bei der Kälte angeht?
Neben dem Kältebus und dem Nachtbus haben wir das Winternotprogramm der Stadt. Da gibt es rund 1000 Schlafplätze, allerdings auf rund 3800 obdachlose Menschen. Viele von ihnen haben dort schlechte Erfahrungen gemacht und möchten dort nicht wieder hin.
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Welche schlechten Erfahrungen waren das?
Wenn man gegen 17.30 Uhr dort aufschlägt, wartet man in einer Schlange mit 200 Leuten. Die schniefen, husten, haben schlechte Laune und suchen Konflikte. Menschen mit Hunden werden generell abgewiesen. Da die Tiere allerdings ihre wichtigsten Lebensgefährten sind, schlafen die Menschen dann lieber auf der Straße, als ihren Hund allein zu lassen. Paare werden auch meist getrennt und dann schläft man mit zwei fremden Personen in einem Zimmer. Die Waschräume teilt man sich ebenfalls. Mehrere Obdachlose haben uns schon berichtet, dass ihnen während ihres Aufenthalts ihr Hab und Gut geklaut wurde. Dann haben sie am nächsten Morgen keine Schuhe mehr und müssen auf Socken zurück in die Kälte.