Gedenkaktion nach U-Bahn-Mord: „Nicht Geflüchtete töten Frauen, sondern Männer“
Orangefarbene Zettel liegen im Schnee am U-Bahnhof Wandsbek. Auf jedem steht ein Fall – eine Frau, die getötet wurde. Dazwischen rote Schuhe, Blumen, ein Transparent und Grablichter. Knapp 50 Menschen haben sich hier gegen 18 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung des Anti-Feminizid-Netzwerks versammelt, um der getöteten Fatemeh Z., genannt „Asal“, zu gedenken.
„Wir stehen heute hier, weil zwei Menschen tot sind“, sagt eine Rednerin vom Anti-Feminizid-Netzwerk. „Eine Frau, die gelebt hat, gehofft hat, Schutz gesucht hat. Und ein Mann, der entschieden hat, nicht alleine zu sterben, sondern eine fremde Frau mit in den Tod zu reißen.“
Asal wartete am 29. Januar gegen 22 Uhr am Bahnsteig, als Ariop A. sie plötzlich mit sich auf die Gleise riss, direkt vor einen einfahrenden Zug. Beide starben noch am Tatort.
Täter und Opfer sollen sich nicht gekannt haben
Die Polizei geht davon aus, dass Opfer und Täter sich nicht kannten. Das mache die Tat doch nicht weniger geschlechtsspezifisch, sagt eine Rednerin. Ariop A. habe sich gezielt eine Person gesucht, die körperlich unterlegen war. Auch Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) hatte die Tat bei einer Sitzung in der vergangenen Woche als Femizid bezeichnet.
Bereits zwei Tage vor dem U-Bahn-Mord verursachte Ariop A. auf dem Kiez einen Polizeieinsatz, weil er in einem Bordell randalierte. Danach soll er Polizisten mit einem Handy angegriffen haben, mutmaßlich unter Drogeneinfluss. Der 25-Jährige kam 2024 über ein Flüchtlingsprogramm nach Deutschland. Zuvor lebte er in einem kenianischen Flüchtlingslager. In Hamburg wurde er mehrfach auffällig und flog aus verschiedenen Unterkünften, vorbestraft war er allerdings nicht.
AfD rief nach Tat zur Mahnwache auf
Die AfD rief am Tag darauf zu einer Mahnwache auf, behauptete wahrheitswidrig, der Täter sei ein ausreisepflichtiger Straftäter gewesen. Auch die Hamburger CDU forderte nach dem Fall schärfere Abschieberegelungen.
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„Der Mord an Asal darf nicht instrumentalisiert werden“, sagt die Rednerin. Die Antwort auf die schreckliche Tat dürfe nicht Spaltung sein. „Er hat sie nicht getötet, weil er Südsudanese war, sondern, weil er ein Mann war.“
Asal floh mit ihrer Familie aus dem Iran
Auch Asal hatte eine Fluchtgeschichte. Mit ihrer Familie floh sie zunächst vor dem Regime im Iran. In Deutschland musste sie dann vor einem gewalttätigen Familienmitglied flüchten.
Die junge Frau lebte nach MOPO-Informationen mit Mutter und Bruder in einem Frauenhaus. Etwa einen Monat vor ihrem Tod musste sie wegen ihres Alters in eine Jugendeinrichtung umziehen. Mutter und Tochter wollten sich an ihrem Todestag zum ersten Mal seit dem Auszug wiedersehen – dann traf sie am Gleis auf Ariop A.
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Sein genaues Motiv wird sich nach seinem Tod nicht mehr feststellen lassen. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen inzwischen eingestellt. Fest steht jedoch, dass eine 18-jährige Frau am 29. Januar viel zu früh starb – weil ein Mann sie mit in den Tod riss.
Hilfe in schweren Stunden
Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Hier finden Sie Beratungs- und Seelsorgeangebote:
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Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Viele sprechen Türkisch. mutes.de
Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Unter suizidprophylaxe.de gibt es eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland.
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