Fußgänger gegen Rüpel-Radler: „Manche trauen sich nicht mehr aus dem Haus“

Kampf um die Gehwege: Immer mehr Fußgänger haben Angst, von rücksichtslosen Radfahrern über den Haufen gefahren zu werden.
Kampf um die Gehwege: Immer mehr Fußgänger haben Angst, von rücksichtslosen Radfahrern über den Haufen gefahren zu werden.

Im Januar kam ein 21-jähriger Lieferdienstfahrer in Finkenwerder ums Leben, nachdem er mit einem Auto kollidiert war. Der junge Mann war ohne Helm auf einem E-Bike unterwegs. Gerade Fahrer unter Zeitdruck und mit wenig Ortskenntnis bringen sich selbst – und andere, vorwiegend schwächere Verkehrsteilnehmer – zunehmend in Gefahr. Doch auch der wachsende Radverkehr insgesamt hat Schattenseiten: Die Räder werden immer größer, schwerer und vielfach von E-Motoren angetrieben, Senioren und Eltern haben Angst auf den Straßen. Die MOPO hat mit einem Taxifahrer, dem Fußgängerverband Fuss e.V. und Lieferdiensten gesprochen – und gefragt: Was muss sich ändern?

„Früher fing mein Verkehrsproblem an der Straßenecke an, jetzt an der Haustür“, sagte ein älterer Herr kürzlich zu Roland Stimpel, Vorstandsmitglied und Pressesprecher von Fuss e.V., dem Fachverband für Fußverkehr. Der Mann fasst damit zusammen, was viele Fußgänger – vor allem Senioren, aber auch Eltern mit Kindern oder Hundehalter – über eine unschöne Folge des Fahrradbooms denken. Stimpel wird noch konkreter: „Manche trauen sich wegen der Räder auf Gehwegen nicht mehr aus dem Haus.“

720 schwer verletzte Fußgänger im Jahr 2022

Es ist eine bedauerliche Entwicklung, das findet auch Stimpels Hamburger Mitstreiterin Sonja Tesch. „Eigentlich waren Fahrradfahrer die natürlichen Verbündeten von Fußgängern“, sagt sie. „Das hat sich drastisch verändert.“

Laut einer Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) wurden bei Kollisionen zwischen Radfahrern und Fußgängern im Jahr 2022 bundesweit mehr als 720 Fußgänger schwer verletzt, 13 starben. Verursacher ist demnach meist der Radfahrer, in einem Viertel der Fälle flohen diese vom Unfallort. Diese Situation wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen, denn: „Fahrräder nehmen zahlenmäßig und nach Fahrleistung deutlich zu und mit E-Bikes und Lastenrädern werden sie auch schneller und schwerer“, so UDV-Chef Siegfried Brockmann.

Die Stimmung zwischen den Verkehrsteilnehmern ist aggressiver geworden, sagt Sonja Tesch. Sie, Stimpel und Brockmann sind sich einig, dass die Missachtung von Verkehrsregeln durch Radfahrer eines der größten Probleme ist. „Einerseits freuen wir uns über jedes Rad auf der Fahrbahn: Es ist frei von Lärm und Abgasen, es ist langsamer und ungefährlicher als ein Auto, wenn wir über die Fahrbahn müssen, und es braucht viel weniger Raum“, sagt Roland Stimpel. „Andererseits hat das Fahrrad aus unserer Sicht einen großen Nachteil: Es rollt auch auf Gehwegen und Grünwegen, auf denen wir vor dem Auto Ruhe haben.“ So sei vielerorts der entspannte Erholungsraum zum angespannten Verkehrsraum geworden.

Lieferdienste auf Rädern unter hohem Zeitdruck

Für Radfahrer sind vor allem unaufmerksame Auto- und Lasterfahrer an vielen Stellen der Stadt lebensgefährlich. Die katastrophale Bilanz von sechs toten Radfahrern allein in diesem Jahr spricht Bände. Aber auch viele Autofahrer sehen das Fahrverhalten mancher Radler kritisch – insbesondere die Lieferdienstfahrer von Wolt, Uber Eats und Co. stehen im Verdacht, sich und andere mit ihrem schnellen und unvorsichtigen Fahrstil in Gefahr zu bringen. Auf Finkenwerder kostete wohl die Missachtung der Vorfahrt einen 21-jährigen Lieferdienstfahrer im Januar das Leben. Er fuhr ein E-Bike und trug keinen Helm.

Holger Brandt (64), seit 40 Jahren Taxifahrer für Hansa-Taxi, beobachtet: „Die meisten Lieferdienstfahrer haben keine Stadtkenntnisse und sind daher sehr aufs Navi fokussiert. Noch dazu stehen sie unter hohem Druck und fahren sehr schnell.“

Holger Brandt (64) ist seit 40 Jahren als Taxifahrer unterwegs und kennt Hamburgs Straßen wie seine Westentasche.
Holger Brandt (64) ist seit 40 Jahren als Taxifahrer unterwegs und kennt Hamburgs Straßen wie seine Westentasche.

Das sieht auch Ronald Stimpel vom Fußverband so: „Lieferanten sind eine besondere Problemgruppe. Ihre Firmen setzen sie unter hohen Zeitdruck und klären sie über grundlegende Verkehrsregeln nicht genug auf, was vor allem bei migrantischen Fahrern oft nötig wäre“, sagt er. Und: „Auch bei den Betreibern und Fahrern großformatiger Lastenräder fehlt oft der Respekt. Durch ihre Größe behindern sie den Fußverkehr besonders stark.“

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In Foren beklagen Lieferdienstfahrer ihre prekäre Lage. Einer schreibt auf „Reddit“: „Der Job ist sicher einer, auf den viele keinen Bock hätten. Man bekommt das Wetter komplett ab und er ist körperlich nicht ohne.“ Es gebe keinen Tarifvertrag und viele Kollegen seien schon schwer gestürzt. Wolt und Lieferando bestätigen auf MOPO-Anfrage eine zunehmende Spannung zwischen den Verkehrsteilnehmern, streiten aber ab, dass ihre Mitarbeiter besonders gefährlich fahren würden, und berichten von regelmäßigen Schulungen in dem Bereich sowie vorgeschriebenen Pausen und Arbeitsschutzmaßnahmen.

Das fordern Taxifahrer, Fußgängerverband und Versicherer

Taxifahrer Holger Brandt ist ein ruhiger Typ, fährt laut eigener Aussage stets defensiv und lässt sich selten aus der Ruhe bringen. Dennoch sagt er: „Die Stadt ist extrem belastet. Im Vergleich zu den 70er Jahren sind viel mehr Autos und Fahrräder unterwegs. Ich habe immer häufiger Fahrgäste, die sich beschweren, dass es nicht vorangeht. Aber so ist die Situation.“ Er wünscht sich primär eins von den Radfahrern: „Bitte verzichtet im Straßenverkehr aufs Musikhören oder Telefonieren. Kopfhörer sind ein großes Sicherheitsrisiko, und sie werden immer häufiger verwendet.“

Der Fuss e.V. hat ebenfalls einen klaren Wunsch: „Wir fordern für Radfahrer Zuckerbrot und Peitsche. Das Zuckerbrot sind gute Bedingungen auf der Fahrbahn – Tempo 30 oder eigene Radwege. Die Peitsche sind härtere Bußen für Regelverstöße. In Frankreich kostet Gehwegmissbrauch mit Autos, Fahrrädern und E-Scootern 135 Euro. In die Richtung müssen wir in Deutschland auch gehen.“

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Brockmann schließt sich der Forderung nach mehr Polizeikontrollen an – besonders an Bushaltestellen.

„Radfahrer, die hier mit hoher Geschwindigkeit einfach durchfahren, gefährden konkret Leib und Leben anderer“, sagt er. Gleichzeitig müssten aber auch Fußgänger besser auf herannahende Radfahrer achten.