Hamburg

Früher war er Unternehmer, heute sammelt er Pfandflaschen und kämpft mit dem Sozialamt

Älterer Mann greift in eine Mülltüte voller leerer Dosen.
Damit er keinen Freunden und Nachbarn begegnet, ist Flaschensammler Hans S. (75, Name geändert) immer nachts unterwegs, und auch abseits seines eigenen Wohngebiets. Das Bild ist KI-generiert.

Hans S. war einst Unternehmer. Heute lebt der 75-Jährige von Grundsicherung, sammelt Dosen – und fordert Würde und Gerechtigkeit.

Die Geschichte sorgte bundesweit für Empörung und ungläubiges Staunen: Ein 75-jähriger Rentner sammelt Dosen und Flaschen, meldet die Einnahmen wie vorgeschrieben dem Sozialamt – und wird für seine Ehrlichkeit bestraft. Ihm wird der Pfanderlös vollständig von der Grundsicherung abgezogen. Aus Sicht von Hans S. (Name geändert) ein Beispiel für den herzlosen Umgang der Behörden mit armen Rentnern. Er wehrt sich und führt seinen Kleinkrieg mit dem zuständigen Sozialamt in Altona weiter.

Der Fall machte über Wochen Schlagzeilen, doch der Mensch dahinter blieb unsichtbar. Mit Journalisten hatte Hans S. bislang nur telefoniert. Nun hat die MOPO ihn persönlich getroffen, in Altona, wo er lebt. Ein Porträtfoto lehnte er weiterhin ab; nur seine Hände durften fotografiert werden.

Zwei Hände liegen übereinander auf grauem Untergrund.
Hans S. (75) möchte nicht erkannt werden, deshalb dürfen nur seine Hände Fotografieren. Mit ihnen sammelt er jede Nacht Pfandflaschen – der Erlös wurde ihm dann jedoch von der Grundsicherung abgezogen.

Sein Auftreten erinnert daran, dass er einmal ein Leben in großem Wohlstand führte: der Chronograf am Handgelenk, die sorgfältig ausgewählte Kleidung, die aufrechte Haltung, ein gepflegtes Äußeres. Hans S. wirkt wie jemand, dem es einmal richtig gut ging. Man könnte ihn sich gut vorstellen in einer Eppendorfer Altbauwohnung – und genau so hat er mal gewohnt, und ein Mercedes-Cabrio fuhr er auch.

Früher Unternehmer mit Mercedes-Cabrio, heute bleiben ihm nur 400 Euro zum Leben

Hans S. war früher Unternehmer – die Branche möchte er nicht nennen, weil er fürchtet, sonst identifizierbar zu sein. Er erwähnt, dass er einmal eine fünfstellige Steuernachzahlung leisten musste, erzählt von einem Kreta-Urlaub, bei dem er für 2500 Euro pro Woche ein Haus mietete – nur für sich. Aber das ist alles Vergangenheit.

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Heute bekommt er eine karge Rente von etwas mehr als 500 Euro und aufstockend Grundsicherung. Sind alle laufenden Kosten beglichen, bleiben ihm nach eigenen Angaben rund 400 Euro für Lebensmittel, Kleidung und alles andere. Dafür, dass er staatliche Hilfe bezieht, schämt er sich nicht: Er habe in seinem Leben so viele Steuern gezahlt, da gehe das schon in Ordnung.

Der Konflikt mit dem Altonaer Sozialamt begann nach seiner Darstellung im Sommer 2025. Während er im Krankenhaus und anschließend in der Reha war, seien seine Bezüge um gut 100 Euro monatlich gekürzt worden, weil er versäumt hatte, Strom- und Wasserabrechnungen einzureichen.

Weil das Sozialamt seine Bezüge kürzte, begann Hans S. nachts Dosen und Flaschen zu sammeln

Flaschensammler schieben in Hamburg auf der Reeperbahn einen Einkaufswagen voller Pfandflaschen.
Tausende arme Hamburger leben davon, Pfandflaschen zu sammeln: Flaschensammler schieben in Hamburg auf der Reeperbahn einen Einkaufswagen voller Flaschen und Dosen.

Hans S. ist noch heute empört über diese „Ämterwillkür“, wie er sagt: „Man hätte mich zunächst informieren und mir Gelegenheit geben müssen, die Unterlagen nachzureichen.“ Weil das unterblieben sei, schrieb er Dienst- und Fachaufsichtsbeschwerden und verlangte, dass die Behörde einen Fehler einräumt. Das geschah nicht. Von da an war Krieg.

Um die entstandene Lücke zu schließen, begann Hans S., Dosen und Flaschen zu sammeln. Den ersten Erlös von 58,25 Euro meldete er dem Sozialamt, weil er, wie er sagt, „alles ganz korrekt“ machen wollte. Umso überraschter sei er gewesen, als der Betrag vollständig von der Grundsicherung abgezogen wurde. „Den Verkauf zweier Jacken bei Ebay für zusammen 36 Euro hatte ich im Jahr davor ebenfalls gemeldet, was nicht zu einer Anrechnung geführt hatte“, sagt er.

Hans S. vermutet ein persönliches Motiv: Die zuständige Mitarbeiterin habe ihm aus Rache den Pfanderlös angerechnet, glaubt er. Das Bezirksamt jedoch führt die Anrechnung auf die gesetzlichen Vorschriften zurück.

Er meldete jeden Cent ehrlich – und bekam den gesamten Pfanderlös von der Grundsicherung abgezogen

Aber handelte das Amt damit wirklich korrekt? Nach Paragraf 82 des SGB XII gelten grundsätzlich alle Einkünfte als Einkommen. Eine ausdrückliche Ausnahme für Pfanderlöse gibt es nicht. Trotzdem ist die Rechtslage nicht eindeutig: Gegenüber dem Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“ erklärte das Bundesministerium für Arbeit, geringe und unregelmäßige Pfanderlöse könnten anrechnungsfrei bleiben, wenn sie keinen nennenswerten Beitrag zum Lebensunterhalt darstellten. Eine feste bundesweite Freigrenze gibt es nicht.

Hans S. vertritt den Standpunkt, dass es sich bei Pfanderlösen um Spenden und nicht um Einkommen handele – und sie deshalb nicht angerechnet werden dürften. „Ob ich in der Fußgängerzone die Hand aufhalte und jemand legt mir 25 Cent hinein oder ob er eine Pfandflasche neben den Mülleimer stellt – das ist doch genau das Gleiche“, sagt er. Einem armen alten Menschen den Erlös von der Grundsicherung abzuziehen, sei deshalb eine bodenlose Gemeinheit.

Wie aber konnte es überhaupt so weit kommen, dass der frühere Unternehmer auf Grundsicherung und Dosenpfand angewiesen ist? Den Tod seiner Frau erwähnt Hans S. nur knapp; vertiefen möchte er das Thema nicht. Er erzählt von jahrzehntelangem Stress, schlechtem Schlaf, Zigaretten, Alkohol und „drei oder vier Burn-outs“. „Ich konnte einfach nicht mehr.“

2017 gab er seine Firma auf. Staatliche Hilfe beantragte er zunächst nicht; sechs Jahre lebte er von seinen Ersparnissen. Dass das Geld irgendwann aufgebraucht wäre, habe er geahnt. Er beschreibt es mit einem Bild: Er habe sein Schiff sehenden Auges auf eine Klippe zusteuern lassen – weil er nicht mehr die Kraft hatte, den Kurs zu ändern.

Mit Haferflocken, Tiefkühlgemüse und seltenem Duschen versucht der 75-Jährige, seine Kosten zu senken

Überraschend ist, wie Hans S. sein heutiges Leben beschreibt: „Ich war noch nie so zufrieden und so glücklich wie seit dem Zeitpunkt, da ich Grundsicherung bekomme.“ Früher habe er selbst im Urlaub noch die Börsenkurse verfolgt. Wenn die Aktien fielen, sei der Urlaub vorbei gewesen; dann habe er im Liegestuhl Wertpapiere verkauft.

Mann sammelt Pfandflaschen im Einkaufswagen vor dem HSV-Stadion, im Hintergrund Besucher.
Bei Heimspielen des HSV lohnt sich für Flaschensammler der Gang rund ums Stadion.

Auch das Mercedes-Cabrio vermisse er nicht. Seine Frau habe das offene Fahren wegen ihrer Frisur nicht gemocht und darauf bestanden, für Ausflüge an die See ihren Kleinwagen zu nehmen – „und ich habe genervt danebengesessen“. Solche Probleme habe er nicht mehr, sagt er. „Denn ich habe kein Auto. Und Ausflüge an die See gibt’s auch keine.“ Heute öffne er zu Hause die Fenster, spiele auf dem Computer Meeresrauschen ab und sitze einfach da und entspanne sich.

Sein Alltag ist von Verzicht geprägt. Um zu sparen, habe er die Zahl seiner Mahlzeiten auf zwei reduziert. Gegen 11 Uhr isst er zum Frühstück Haferflocken mit Wasser, am späten Nachmittag zum Abendessen Tiefkühlgemüse mit Salz, Pfeffer und Albaöl. Gelegentlich gibt es Spaghetti: „Und wenn ich es richtig krachen lassen will: Parmesan.“

Nach eigener Aussage duscht er selten, um Wasserkosten zu sparen. Vergangenen Winter lief er länger mit einem Loch im Schuh herum, bis er im Frühjahr ein Paar für 19 Euro fand. Von früheren Freunden habe er sich getrennt, mit deren Lebensstil könne er nicht mehr mithalten. „Mal eben essen gehen für 80 oder 100 Euro, das ist nicht mehr drin.“ Kino, Theater auch nicht. „Aber macht nichts. Ich kenne das ja.“

„So viel, wie ich heute mit Ihnen geredet habe, habe ich das ganze letzte Jahr nicht geredet“

Auch sein soziales Leben ist fast zum Erliegen gekommen. Freunde trifft er kaum noch, gemeinsame Unternehmungen gibt es praktisch nicht mehr. Wie einsam es um ihn geworden ist, wird am Ende des rund dreistündigen Gesprächs deutlich. „So viel wie heute mit Ihnen habe ich das ganze letzte Jahr nicht geredet.“

Die Lebenshaltungskosten seien in den vergangenen Jahren so stark gestiegen, dass er ohne das Pfandsammeln nicht über die Runden käme, sagt Hans S. Für einen 75-Jährigen sei das harte körperliche Arbeit. Glasflaschen lasse er inzwischen liegen, weil sie ihm zu schwer geworden seien; er sammle fast nur noch Dosen. Damit ihm weder Nachbarn noch frühere Bekannte begegnen, fahre er erst bei Dunkelheit in Stadtteile, die weit von seiner Wohnung entfernt liegen. Für 15 Euro brauche er bis zu sechs Nächte mit jeweils drei Stunden Suche. Ungefährlich sei das nicht: Einmal sei ein Mann aus einem Gebüsch gekommen und habe ihm die volle Tasche aus der Hand gerissen.

Hans S. weiß: Das Einfachste wäre, die Pfanderlöse dem Sozialamt zu verschweigen. Dann könnte die Behörde sie nicht anrechnen. Doch diese Option kommt für ihn nicht infrage. Es sei eine Frage der Würde: Ein Rentner, der Flaschen sammelt, um über die Runden zu kommen, dürfe nicht gezwungen sein, zwischen Ehrlichkeit und dem Geld zu wählen, das er zum Leben braucht.

Bis zu 50 Euro darf er nun behalten – doch seinen Kampf gegen das Amt will Hans S. trotzdem fortsetzen

Ganz ohne Erfolg blieb der medienwirksame Protest des 75-jährigen Altonaers nicht: Das Bezirksamt traf die Entscheidung, dass Hans S. künftig monatlich bis zu 50 Euro Pfanderlös behalten darf, wenn er die entsprechenden Pfandbons einreicht. Um eine grundsätzliche Kehrtwende handelt es sich dabei allerdings nicht. Die Regelung gilt ausschließlich für seinen Einzelfall; eine allgemeine Freigrenze gibt es weiterhin nicht. Ob Hans S. auch die bereits abgezogenen Beträge zurückbekommt, ist noch offen. Das Bezirksamt hält die frühere Anrechnung zwar für rechtmäßig, schließt eine nachträgliche Auszahlung aber nicht aus, falls seinen Widersprüchen stattgegeben wird.


Ob er mit dieser Regelung zufrieden sei? „Zufrieden?“, fragt Hans S. zurück. „Nein!“ Die Grenze von 50 Euro hält er für willkürlich, die Pflicht, jeden einzelnen Pfandbon vorzulegen, für Schikane. Er verlangt einen rechtsmittelfähigen Bescheid, schreibt Beschwerden, kündigt weitere Klagen an. Die Genugtuung darüber, die Behörde mit ihren eigenen Regeln immer wieder zum Handeln zu zwingen, ist ihm anzumerken. Früher habe er Schach gespielt, sagt er: „Ich denke immer schon fünf Züge im Voraus.“

„Ich bin Schachspieler, denke immer schon fünf Züge im voraus“

Die Genugtuung darüber, die Behörde mit ihren eigenen Regeln immer wieder zum Handeln zu zwingen, ist ihm anzumerken. Früher habe er Schach gespielt, sagt er: „Ich denke immer schon fünf Züge im Voraus.“

Der Konflikt kostet ihn Zeit und Kraft. Aufgeben will Hans S. trotzdem nicht. „Ich kämpfe nicht in erster Linie für mich“, sagt er. Sein Kampf gelte den vielen anderen armen Menschen, die sich schlechter wehren könnten als er. Sein Ziel formuliert er so: „Ich möchte, dass das Sozialamt einen höflichen, respektvollen Umgang mit den alten armen Leuten pflegt. Wenn ich weiß, dass das gewährleistet ist, ist die Sache für mich erledigt.“

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