Familie entsetzt: Hilfe, wir sollen unser Haus abreißen!
Riesige Aufregung in einer kleinen Siedlung in Marmstorf: Viele Bewohner dort haben Meldeadressen, Postkästen, Strom, Abwasser, Straßenlaternen und mehr – eigentlich alles, was es zum Wohnen so braucht. Teilweise leben sie hier seit Jahrzehnten. Doch damit ist nun Schluss, denn laut Bezirksamt ist das Wohnen dort gar nicht erlaubt. Etliche Familien müssen um ihre Wohnhäuser fürchten, es drohen Zwangsrückbau, Abriss und Obdachlosigkeit.
„Hiermit wird die Versiegelung des unzulässigen Gebäudes angekündigt.“ So heißt es in nüchternem Verwaltungsdeutsch in einem Schreiben des Bezirksamts Harburg an Erhan Balat (37). Am 17. November um 14 Uhr ist es soweit, dann dürfen der Friseur, seine Frau Ayse Ercelik (38) und die drei Kinder Yüsra (11), Emir (6) und Yesda (6) ihr Häuschen im Nymphenweg 30 in Marmstorf nicht mehr betreten.
Wohnen in Marmstorfer Siedlung: Abriss droht
Balat und seine Frau Ayse sind verzweifelt. Seit einigen Jahren bauen sie an ihrem Traum vom eigenen Haus mit großem Garten. Ihre Kinder fühlen sich auf dem großen Grundstück wohl und können toben und laut sein, ohne jemanden zu stören. Das Flachdachhaus aus Holz ist allerdings erst zum Teil fertig. Denn das Bauamt hat den Weiterbau untersagt und fordert den Teil-Abriss: Balat soll das Häuschen (68 Quadratmeter) auf eine Größe von 24 Quadratmetern zurückbauen – die maximale Größe für Gartenlauben.
Mit einem Abriss hatte das Ehepaar nicht gerechnet. „Wieso soll unser Haus zu groß sein? In der ganzen Siedlung gibt es Häuser, die noch größer sind“, sagt Balat, der einen Friseurladen in Harburg hat. Die Familie hatte sich zwei Grundstücke am Nymphenweg gekauft, sie zusammengelegt und die dort stehenden Häuschen abgerissen und etwas Neues gebaut. Nun droht der Abriss.
Abriss angeordnet: Nymphenweg 30 nur eine Kleingartenkolonie?
Balats sind tatsächlich nicht die Einzigen, die am Nymphenweg größere Häuser gebaut haben. Wie viele Familien und Einzelpersonen wirklich in der Kolonie südlich des Außenmühlenteichs leben, das ist nicht bekannt. Es gibt mehr als 100 kleine Grundstücke und laut Bezirksamt sind mehr als 82 Personen dort unter der Adresse Nymphenweg 30 gemeldet. Wie sich unschwer erkennen lässt – auch beim Blick auf Google Maps – stehen auf sehr vielen der Grundstücke ziemlich große Häuser.
Das Bezirksamt Harburg erklärt gegenüber der MOPO, im Bebauungsplan sei die Fläche komplett für Dauerkleingärten ausgewiesen, Wohnen sei überhaupt nicht zulässig. Dann fragt sich allerdings, wieso dort seit Jahrzehnten die Post in Briefkästen gesteckt, der Müll abgefahren und die Klärgruben abgepumpt werden, ohne dass der Bezirk in größerem Umfang dagegen tätig geworden wäre.
Bezirksamt Harburg lässt Adresse löschen
Wer bei Familie Balat zu Besuch ist, fühlt sich jedenfalls nicht, wie in einem Schrebergarten. Es gibt eine moderne Küchenzeile mit Spüle, Herd und Kaffeemaschine – und im Bad eine Dusche, Toilette und Waschmaschine. Das Abwasser wird regelmäßig von einem Entsorgungsunternehmen abgepumpt. So wie es bei vielen Häusern in der Siedlung passiert. Auch der Postbote wirft die Briefe hier direkt in die Postkästen. Auf Erhan Balats Personalausweis steht als Wohnadresse „Nymphenweg 30/Parzelle 15/16“. Wieso darf er dann dort nicht wohnen?
Auf MOPO-Nachfrage beim Bezirksamt heißt es, dass alle Installationen, die über eine „Gartennutzung“ hinausgehen, nicht zulässig sind. Das bedeutet: 82 Personen leben plötzlich illegal dort und sind nun von Obdachlosigkeit bedroht.
82 Bewohner in Marmstorf verlieren ihre Melde-Adresse
Als ersten Schritt hat das Bezirksamt Harburg zum 1. September einfach die Meldeadresse Nymphenweg 30 löschen lassen, unter der alle 82 Bewohner gemeldet sind. Sie sei „irrtümlich erteilt worden“, heißt es lapidar in einer Pressemitteilung. Offenbar hat das Bezirksamt über Jahrzehnte weggeschaut und will nun einen harten Schnitt machen.
Alle Bewohner haben so auf einen Streich ihre Meldeadresse verloren – die Folgen dürften weitreichend sein. „Die Adress-Löschung ist erforderlich, um weiteres baurechtswidriges Verhalten zu unterbinden“, heißt es der MOPO gegenüber als Erklärung von der Bezirkssprecherin.
Matthias Kessler ist Verwaltungsvorstand der Eigentümergemeinschaft in der Siedlung. Er hat einen Anwalt beauftragt, der gegen die Löschung der Meldeadresse vorgehen soll. Außerdem gibt es noch eine kleine Gruppe von Personen, die in 12 Behelfsheimen auf dem Gelände wohnen, die noch aus der Zeit des 2. Weltkriegs stammen. Sie dürfen nach der Rechtsauffassung des Anwalts dort wohnen.
Manche Parzellen werden nur als Garten genutzt
Ein Teil der Grundstückseigentümer ist gar nicht betroffen, da sie ihre Parzellen nur als Garten nutzen. Aber für alle anderen dürfte es eng werden. Insider schätzen, dass etwa 60 Dauerbewohnern die Obdachlosigkeit droht. Darunter viele, die seit mehr als zehn Jahren dort leben. Neben Balats Häuschen sind noch zwei weitere Baustellen stillgelegt worden.
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Für Familie Balat und etliche andere eine ziemliche Katastrophe, denn sie haben viel Geld in ihre Grundstücke und Häuser gesteckt. Anders als bei typischen Hamburger Kleingärten sind die Parzellen hier am Nymphenweg nicht nur gepachtet, sondern gekauft. Wer im Internet sucht, findet sie zu enormen Preisen von 115.000 Euro für 400 Quadratmeter. „Bei einigen Menschen steckt das ganze Vermögen da drin“, so Kessler. Deshalb hofft er, dass es für diese Leute zumindest eine großzügige Übergangslösung gibt und sie nicht kurzfristig ausziehen müssen.
„Wir hatten die Hoffnung, dass wir hier mit unseren Kindern ruhig und sicher wohnen können“, sagt Erhan Balat. Vorher hatte die ganze Familie in Harburg in einer Dreizimmerwohnung im 3. Stock gewohnt. „Es war viel zu eng und die Kinder mussten immer leise sein. Wo sollen wir jetzt hin? In Hamburg gibt es einfach nicht genug Wohnungen, erst recht keine großen.“