Experten warnen: Handys erst ab 14!

Zwei Mädchen mit Smartphones
Hamburg sieht bisher noch keinen Regelungsbedarf für die Handynutzung an Grundschulen. (Symbolbild)

Diese Leute müssen es wissen: Ausgerechnet im US-amerikanischen Silicon Valley, der Wiege der IT-Industrie, gehört es inzwischen zum guten Erziehungsstil, Kinder so lange wie möglich vor einem gefährlichen Spielzeug zu bewahren – dem Smartphone. Die Eltern-Initiative „Wait until 8th“ (Warten bis zur 8. Klasse) warnt vor den Risiken einer zu frühen Handy-Nutzung. Nun gibt es auch in Hamburg eine ähnliche Bewegung. Die MOPO sprach mit Verena Holler von „Smarter Start ab 14“.

Warum ist ein Smartphone für Kinder unter 14 Jahren nicht geeignet?

Es ist kein Zufall, dass das deutsche Jugendschutzgesetz die Altersgrenze von 14 Jahren gewählt hat, um zwischen Kindern und Jugendlichen zu unterscheiden. Weil Kinder schutzbedürftiger sind, gelten für sie strengere Schutzvorschriften als für Jugendliche. Kinder dürfen weder Alkohol noch Zigaretten kaufen, keine Nachtclubs oder Spielhallen betreten und müssen vor bestimmten Inhalten geschützt werden. In der digitalen Welt gibt es all diese Verbote nicht. Es gibt keinen funktionierenden Kinder- und Jugendschutz im Internet.

Warum ist das gefährlich?

Ein Kind unter 18 darf sich z.B. kein Rubbellos kaufen. Aber auf dem Smartphone kann es spielen und dort mit echtem Geld über In-App Käufe Dinge kaufen, die nicht unter das Glücksspielverbot fallen. Der Kinder- und Jugendschutz ist noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen. Kinder erhalten über das Smartphone Zugang zu Inhalten, die im realen Leben für sie verboten wären. Wenn uns Erwachsenen abstruse Links vorgeschlagen werden, ignorieren wir sie. Kinder klicken drauf. Sie sind neugierig und arglos.

Aber Eltern können doch am Smartphone Einschränkungen für bestimmte Seiten vornehmen.

Das ist ein Trugschluss. Viele Kinder laden sich WhatsApp herunter. Eltern halten das für einen harmlosen Nachrichten-Messenger. Doch über WhatsApp schicken sich Kinder Videos und Links zu, über die sie bei YouTube oder TikTok landen. Dort sehen sie leider viel zu oft Gewaltvideos oder Porno-Clips. Über Messenger erhalten Kinder Zugriff auf Inhalte, die die Eltern vermeintlich gesperrt haben. Auch das Versenden von Stickern ist alles andere als harmlos. Viele sind rassistisch, frauen- oder behindertenfeindlich. Das prägt das Gedankengut unserer Kinder. Sie können sich durch das Versenden sogar strafbar machen.

Eltern könnten ja stattdessen nur Telegram als Messenger erlauben.

Was viele Eltern nicht wissen: Sowohl WhatsApp als auch Telegram ermöglichen den Zugang zu öffentlichen Gruppen. Über diese Gruppen werden heutzutage Prostitution und Drogenhandel organisiert. Jeder 15-Jährige weiß, dass er über WhatsApp einen Treffpunkt mit einem Dealer ausmachen kann. Das ist Schulhofwissen!

Was sind die gesundheitlichen Folgen einer zu frühen Handy-Nutzung?

Unser Motto lautet: „Die Kindheit ist zu kurz, um sie an ein Smartphone zu verschwenden“. Wichtige Kindheitserfahrungen kommen zu kurz, sobald ein Smartphone da ist. Kinder brauchen z.B. Zeit, um sich viel zu bewegen und frei zu spielen. Für die Entwicklung einer hohen kognitiven, sozialen, emotionalen und motorischen Kompetenz müssen Kinder viel lernen. Damit ist nicht Lesen und Schreiben gemeint, sondern körperliches Lernen – Mimik, Gestik, Motorik, Kommunikation, sich beruhigen, eigene Gefühle und die anderer zu erkennen, streiten, verhandeln, Kompromisse finden, Frustrationstoleranz. All das lernt es im freien Spiel und in der Interaktion mit realen Menschen. Ein Smartphone verhindert das. Es bannt Kinder zu Reglosigkeit.

Macht das Smartphone süchtig?

Unsere Initiative wird von Prof. Rainer Thomasius, Leiter der Suchtklinik am UKE, unterstützt, weil für digitale Medien wie für Alkohol und Tabak gilt: Je später das Einstiegsalter und je kontrollierter der Zugang, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer späteren problematischen Nutzung. Egal ob WhatsApp-Chats, Instagram oder E-Learning-Apps wie Anton: All diese Tools setzen auf das Prinzip der Belohnung in Form von Likes, Followern, Sternen etc. Dabei springt im Hirn das Belohnungszentrum an. Andere Tätigkeiten verlieren ihren Reiz, weil man gewohnt ist, eine sofortige Belohnung zu bekommen. Kinder, die auf Belohnung getrimmt werden, verlernen es, sich Inhalte anzueignen, die weniger Spaß machen. So wie es in der Schule nun mal normal ist. Für einen erfolgreichen Schulabschluss ist es aber wichtig, langfristig auf einen Erfolg hinarbeiten zu können.

Rechtsanwältin Verena Holler
Warnt vor den Gefahren von Smartphones für Kinder: Verena Holler vom Verein „Smarter Start ab 14“. Die Rechtsanwältin hat selbst drei Kinder und wohnt mit ihrer Familie in Hamburg.

Das heißt, ein starker Smartphone-Konsum hat auch eine Auswirkung auf die schulische Leistung?

Ganz klar. Studien beweisen die Auswirkungen von Smartphones auf die Lernfähigkeit: Je näher das eigene Smartphone, desto geringer die Konzentrationsfähigkeit.

Welche körperlichen Folgen sind bekannt?

Lange Nutzungszeiten führen zu Übergewicht, Konzentrationsstörungen, Kreativitätsverlust, Schlafmangel und Kurzsichtigkeit. Auch eine erhöhte mentale Belastung, geringere Sozialkompetenz und Anfälligkeit für Depressionen wurden festgestellt. Unter Umständen sogar ein höheres Suizid-Risiko.

Es gibt Eltern, die meinen, das Smartphone sei wichtig, um möglichst früh digitale Kompetenzen zu entwickeln.

Medienkompetenz beschränkt sich nicht auf das Wissen, wie man die Geräte bedient. Ein Smartphone ist ein reines Konsumgerät. Kein Lerngerät. Selbst Dreijährige wissen, wie man über den Touchscreen wischt. Das zeigt: Mit Cleverness hat das nichts zu tun.

Viele Eltern nehmen den Schulwechsel zur 5. Klasse zum Anlass, um ihr Kind mit einem Smartphone auszustatten. Der falsche Zeitpunkt?

Wir finden den Zeitpunkt problematisch, weil rund um den Schulwechsel so viel passiert: neue Schule, neue Freunde, Abschied von Puppen und Playmobil. Da ausgerechnet ein Spielzeug einzuführen, das die Gefahr birgt, alles zu ersetzen, ist genau das falsche! Der Zeitpunkt ist zudem völlig willkürlich. In der Schweiz z.B. findet der Schulwechsel erst zur 7. Klasse statt. Dort bekommen Kinder meist erst zur 7. Klasse ein Smartphone. In Deutschland haben 75 Prozent der Kinder in der 5. Klasse ein Smartphone.

Wenn 75 Prozent ein Handy haben, gehe ich dann nicht die Gefahr ein, mein Kind auszuschließen?

Die Frage ist, welche Gefahr größer ist: Das Ausschließen oder all die Risiken für Körper, Geist und Seele. Unser Verein hat das Ziel, Eltern miteinander zu vernetzen. Natürlich weist das Kind ständig darauf hin, dass „alle anderen“ ein Handy haben. Wenn sich Eltern aber zusammentun und gemeinsam entscheiden, dass sie mit dem Smartphone noch warten, entsteht der Gruppendruck erst gar nicht. Der Austausch hilft einem auch selbst, um Kraft für den eigenen Weg zu schöpfen.

Wann ist ein guter Zeitpunkt, sich zu vernetzen?

Am besten schon in der Grundschulzeit. Wenn man bis zur 5. Klasse wartet, ist es schon zu spät. Dann haben viele Kinder schon ein Handy versprochen bekommen. Man schafft das nicht allein. Es geht auch nicht darum, auf Biegen und Brechen bis zum 14. Geburtstag zu warten. Jedes Kind ist unterschiedlich. Manche sind früher reif, andere später. Es geht nur darum, das Smartphone und damit den unkontrollierten Zugang zu digitalen Medien so lange wie möglich rauszuzögern, um den Spieltrieb zu erhalten und die negativen Folgen zu vermeiden.

Welche Ziele haben Sie über die Vernetzung von Eltern hinaus?

In den USA ist der Druck auf die Tech-Industrie durch Bewegungen wie „Wait until 8th“ so stark, dass Geräte entwickelt wurden, die aussehen wie ein iPhone, aber echten Kinderschutz bieten, indem sie nur Telefonieren, SMS und Fotografieren zulassen. „GabbWireless“ heißt das eine Gerät ohne Internet-Zugang und Apps. Das „Light Phone“ richtet sich auch an Erwachsene, die ihren digitalen Konsum reduzieren möchten. In Deutschland gibt es diese Geräte leider noch nicht. Je stärker das Interesse hier wird, desto eher wird es sie auch bei uns geben.