Exklusiv: Der Sadist aus dem Kinderzimmer – jetzt spricht der Vater von „White Tiger“

Rechtsanwältin Dr. Christiane Yüksel vertritt den Beschuldigten. Im Vordergrund der Vater (52), der nicht erkannt werden möchte. Das Foto des Sohnes hat die MOPO zur Verfügung gestellt bekommen.
Rechtsanwältin Dr. Christiane Yüksel vertritt den Beschuldigten. Im Vordergrund Gholamreza J., der Vater (53), der nicht erkannt werden möchte. Das Foto des Sohnes hat er der MOPO zur Verfügung gestellt.

In der Haut dieses Mannes möchte niemand stecken: Gholamreza J. ist der Vater des 20-jährigen Hamburgers, der sich „White Tiger“ nennt und als Teil der Internetsekte „764“ furchtbarste Verbrechen begangen haben soll. Erstmals seit der Verhaftung seines Sohnes hat Gholamreza J. ein Interview gegeben – exklusiv der MOPO.

Wir treffen den 52-Jährigen in der Kanzlei der Hamburger Anwältin Dr. Christiane Yüksel in der Neustadt. Der Beschuldigte Shahriar J. ist ihr Mandant. Der junge Mann soll Kopf einer pädokriminellen Gruppe im Internet sein, seine Opfer in Foren gezielt ausgesucht und sie dazu gebracht haben, sich selbst zu verletzen – bis zum Suizid.

White Tiger: Sein Vater bricht im Interview in Tränen aus

Unsere erste, unsere wichtigste Frage: Glauben Sie, dass Ihr Sohn das alles getan hat, was ihm vorgeworfen wird? Oder glauben Sie, er ist unschuldig? Gholamreza J., der Vater, bricht sofort in Tränen aus, kann kaum reden. „Er ist so ein intelligenter junger Mann, ist an allem interessiert, ist unglaublich gebildet. Er war immer schon wissbegierig. Er weiß beispielsweise alles über Afrika. Sie können ihm jede Frage stellen. Zu Israel und dem Judentum weiß er auch alles.“ Ob er schuldig ist, oder nicht? Der Mann weint nur, statt eine Antwort zu geben.

Vater Gholamreza J., ein Iraner, zog Ende 2013 mit seiner Familie nach Hamburg, gründete eine Medizintechnik-Firma, er besitzt ein dreistöckiges Haus in Marienthal. Seine Firma musste er aufgrund des über den Iran verhängten US-Embargos aufgeben – der Im- und Export von medizinischen Geräten war nicht mehr möglich.

Beide Söhne – Shahriar J. ist der jüngere – sind im Iran geboren. Shahriar besuchte die Stadtteilschule Winterhude, machte dort Abitur. 2020 begann die Corona-Zeit – und die tat dem Jungen wohl überhaupt nicht gut. „Er hat dann nur noch in seinem Zimmer gesessen und war im Internet unterwegs“, erzählt der Vater. „Von morgens bis abends.“ Er weiß, dass sein Sohn Online-Spiele wie „Call of Duty“ gespielt hat. „Was er da sonst noch gemacht hat – ich weiß es nicht. Ich kann doch nicht immer daneben stehen und das kontrollieren.“

Hatte sein Sohn auch Hobbys in der analogen Welt?

Wieder bricht Gholamreza J. in Tränen aus und beklagt sich darüber, dass in Deutschland das Internet völlig frei sei, alles zugänglich. „Im Iran ist das anders. Da sind böse Seiten abgeschaltet, weil es eine islamische Republik ist. Hier ist alles frei zugänglich. Und das ist so gefährlich. So gefährlich.“ Er wiederholt es noch ein paar Mal.

Sein Vater zeigt ein Bild von Shahriar J. – dem 20-Jährigen, der aus seinem Jugendzimmer heraus einen Mord begangen und Jugendliche psychisch gequält haben soll.
Sein Vater zeigt ein Bild von Shahriar J. – dem 20-Jährigen, der aus seinem Jugendzimmer heraus einen Mord begangen und Jugendliche psychisch gequält haben soll.

Obwohl muslimischer Herkunft, habe Shahriar mit dem Islam überhaupt nichts im Sinn. „Interessiert ihn nicht“, so der Vater. „Die einzige Religion, für die er sich begeistert, ist das Judentum.“ In diesem Moment meldet sich Anwältin Dr. Christiane Yüksel zu Wort: „Dazu passt, dass er fragte, ob ich ihm nicht auch noch einen jüdischen Anwalt besorgen könnte, das seien die klügsten. Dann habe ich ihm gesagt, dass ich selbst einen jüdischen Hintergrund habe …“

Hat Shahriar J. Freunde, wollen wir vom Vater wissen. „Jede Menge. Laufend besuchen ihn junge Leute, um mit ihm am Computer zu spielen.“ Hat er auch noch Hobbys in der realen Welt? „Ja, er spielt Schach, außerdem Tennis. Und das sogar sehr gut“, so der Vater. Aber dazu habe er zuletzt nicht mehr so viel Zeit gehabt, denn er habe begonnen, an einer privaten Uni in Hamburg Medizin zu studieren. „Er blühte im Studium regelrecht auf, lernte so viele Menschen aus aller Welt kennen, die Professoren lobten ihn“, so der Vater. „Stolz kam er nach Hause und erzählte, dass er eine Präsentation hatte – und er von allen der Beste war.“

2022 kam die Polizei das erste Mal – aber Shahriar sagte seinem Vater nichts

Wann er zum ersten Mal mitbekommen habe, dass sein Sohn ins Visier der Ermittler geraten ist? „Das war 2022. Da stand plötzlich die Polizei vor der Tür, hat mit meinem Sohn geredet, allerdings hinter verschlossenen Türen. Die Polizei hat mir nicht gesagt, worum es geht – mein Sohn war gerade 18 geworden. Und Shahriar hat mir auch nichts gesagt. Es habe mit dem Internet zu tun – sonst nichts.“

Knapp drei Jahre später, im März 2025, wurde die Privat-Uni von der Staatsanwaltschaft über die Vorwürfe gegen Shahriar informiert, was zur Folge hatte, dass er von heute auf morgen exmatrikuliert wurde – er flog raus. Seinen Freunden erzählte Shahriar J. allerdings, er wolle nicht mehr Medizin studieren – er wechsele demnächst zu den Rechtswissenschaften. Dazu allerdings kam es nicht mehr.

White Tiger: Als das SEK kam, schrie er um Hilfe

Am Dienstag verschaffte sich die Polizei morgens um drei Uhr Zugang zur Wohnung von Shahriar J., die sich im dritten Stock des elterlichen Hauses befindet. „Er schrie laut um Hilfe, dachte wohl zuerst, dass es Einbrecher sind“, erzählt sein Vater unter Tränen.

Wir fragen noch mal: „Glauben Sie, Ihr Sohn ist schuldig?“ Der Mann ist nicht in der Lage, zu antworten. „Warum ist das Internet in Deutschland für jedermann frei? Das ist doch so gefährlich“, sagt er wieder. Dann steht er auf, verabschiedet sich und kehrt zurück zu seiner Frau, die nur noch zu Hause sitzt und weint.