Ex-Miamedes-Angestellte: Wer zahlt uns nun unser Geld?
Monatelang hatte der Skandal um das in finanzielle Schieflage geratene Unternehmen Miamedes mit zahlreichen Arztpraxen Hamburg erschüttert. Nach dem Verkauf Ende September und der Übertragung von Kassensitzen im Dezember keimte Hoffnung auf. Doch nun zeigt sich: Geändert hat sich fast nichts. Die Probleme gehen weiter.
Sandra B. ist stinksauer. Die ehemalige Miamedes-Angestellte der Urologie Bergedorf wartet noch immer auf die 12.914 Euro, die ihr zustehen. Die Summe setzt sich aus mehreren Gehältern zusammen, die der 56-Jährigen im ablaufenden Jahr nicht bezahlt worden waren. Sie hatte zuerst freundlich gebeten, dann Mahnungen geschrieben, gekündigt und schließlich vor Gericht geklagt – und Recht bekommen. Trotzdem geschieht nichts.
Ex-Miamedes-Angestellte in Hamburg warten noch immer auf ihr Geld
Das Problem: Zwar hatte die Medizinische Fachangestellte das Urteil mit der Zahlungsaufforderung an Miamedes-Geschäftsführer Sekander Scherzai (anders als einige Kollegen) noch an die Unternehmenszentrale im Mundsburgtower zustellen können. Doch das Büro existiert nicht mehr, der Geschäftsführer hat sich nach Dubai abgesetzt und der neue Eigentümer Hekmatullah Afzali, der den Schuldenberg aus nicht gezahlten Gehältern, Mieten, Dienstleistungen, IT-Verträgen geerbt haben dürfte, ist nicht greifbar.
Bei der Ex-Miamedes-Ärztin Annalena N. (Name geändert) sind die offenen Rechnungen noch deutlich höher als bei Sandra B. Sie wartet auf die Auszahlung von Gehaltsrückständen in Höhe von 56.493 Euro – plus Zinsen! Auch sie hat geklagt und ein Versäumnisurteil erwirkt. „Mein Anwalt hat versucht, sämtliche Konten zu pfänden – ohne Erfolg“, sagt sie frustriert. Entweder waren die Konten kurz zuvor aufgelöst worden oder sie waren so sehr im Minus, dass es nichts zu pfänden gab.
Neue Miamedes-Eigentümer sind nicht greifbar
Sowohl die Ärztin als auch Sandra B. und zahlreiche weitere Angestellte (32 Personen verfügen laut Gericht über Versäumnisurteile) haben versucht, von Afzali eine Auskunft zu erhalten. Ihre Anrufe werden nicht angenommen, ihre Briefe nicht beantwortet. Auch die MOPO war nur einmal durchgekommen und vertröstet worden. Seitdem laufen alle Anrufe ins Leere, Rückrufbitten werden ignoriert.
Auch in den Praxen, die von Miamedes an Afzali übergegangen sind, geht das Chaos weiter. An der Tür der Arztpraxis Steilshoop hängt ein Zettel mit der Aufschrift: „Liebe Patienten, leider können wir weiterhin aufgrund eines PC-Ausfalls nicht arbeiten“. Genau der gleiche Wortlaut war schon zu Miamedes-Zeiten an die Türen gepinnt worden. Hintergrund waren damals nicht gezahlte Rechnungen für die Software. Gilt das noch immer?
Ex-Miamedes-Praxen in Bergedorf, Jenfeld und Steilshoop sind geschlossen – droht nun ein Kassensitz-Entzug?
Auch die Urologie Bergedorf ist seit Wochen geschlossen. Der Briefkasten quillt über. Ebenso außer Betrieb ist die Ex-Miamedes-, jetzt Afzali-Praxis Jenfeld. Bei letzterer nennt der Zettel an der Tür „Weihnachtsurlaub“ und „Renovierungsarbeiten“ als Begründung. Die Folgen sind fatal: Die Patienten in diesen ohnehin medizinisch unterversorgten Hamburger Stadtteilen wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Sie kommen nicht einmal an ihre Patientenakten.
Und es könnte noch schlimmer kommen: Sollten die Praxen dauerhaft geschlossen bleiben, droht ein Entzug des Kassensitzes durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Ein „Entziehungsgrund ist die Nichtaufnahme der vertragsärztlichen Tätigkeit, wobei damit gemeint ist, dass der Arzt seine Tätigkeit zu keinem Zeitpunkt ausgeübt hat und dies auch in angemessener Frist nicht zu erwarten ist“, heißt es in einer Stellungnahme der KV. Und an anderer Stelle wird erklärt, dass der Entzug möglich ist, wenn die Gründungsvoraussetzungen für ein MVZ „länger als sechs Monate nicht mehr vorliegen“.
Gesundheitsversorgung im Hamburger Osten betroffen: Ex-Miamedes-Angestellte fühlen sich allein gelassen
Sollte es dazu kommen, ist nicht einmal mehr garantiert, dass die Kassensitze in den betroffenen Stadtteilen wie Steilshoop oder Jenfeld, wo sie dringend benötigt werden, verbleiben. Sandra B., die sich ihr ganzes Leben um kranke Menschen gekümmert hat, bringt die Situation an den Rand des Erträglichen. Sie hat noch immer viel Kontakt zu ehemaligen Patienten, die jetzt verzweifeln und ihr ihr Leid klagen.
„Wo ist Herr Scherzai? Wie kann es sein, dass er einfach so davonkommt und einen Scherbenhaufen hinterlässt? Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit“, schimpft Sandra B. Es gehe ihr nicht nur um ihre Gehälter. „Ich verhungere schon nicht“, sagt sie, erwähnt aber beiläufig, dass sie gezwungen war, sich von einer Freundin Geld zu leihen, um Einkäufe und Miete zu bezahlen.
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B. fühlt sich alleingelassen. Von der KV, der Ärztekammer, der Staatsanwaltschaft, der Politik und all den Organen, die mit dem Skandal betraut sind. „Ich habe so viele schlaflose Nächte gehabt und so viel Energie verloren. Das geht nicht spurlos an einem vorüber“, sagt sie stellvertretend für sich und all ihre mitbetroffenen Kolleginnen und Kollegen. „Irgendwie sind wir alle Opfer, auch wenn uns keine direkte Gewalt angetan wurde.“