Erster Schultag in Hamburg: So viel Vorwissen wird von Kindern erwartet
17.599 Jungen und Mädchen werden am 29. August in Hamburg eingeschult – fast 800 mehr als im Vorjahr. Doch nicht nur die Kids sind aufgeregt, auch die Eltern werden nervös – und fragen sich vorab: Kann mein Kind eigentlich genug? Lesen, rechnen, schreiben – wie viel muss es mitbringen? Schulexpertin Carolin Eller, stellvertretende Schulleiterin der Grundschule Wielandstraße in Eilbek, erklärt, wie viel Erstklässler am ersten Schultag schon können sollten.
MOPO: Es gibt Eltern von Erstklässler:innen, die jetzt schon mit ihren Kindern Zahlen und Buchstaben üben. Gute Idee?
Carolin Eller: Grundsätzlich ist die Vorbereitung auf den Schulanfang nichts Schlechtes, aber jedes Kind ist sehr individuell und somit ist auch die Vorbereitung auf die Schule äußerst individuell. Wichtig ist, das Kind emotional zu fördern und positiv zu bestärken. Und natürlich sollte man überlegen: Wo sind die Stärken meines Kindes? Wo liegen die Interessen? Und welche Bereiche kann ich konkret noch unterstützen?
Wie zum Beispiel?
Das muss dann nicht gleich Bis-100-Zählen sein, sondern kann ganz einfach im Alltag passieren: Beim Einkaufen das Kind bitten, sechs Bananen oder acht Zwetschgen zu holen. Oder beim Tischdecken jeweils vier Gläser, vier Teller und vier Paar Besteck heraussuchen lassen. Integrieren Sie das Lernen in den Alltag.
Ist es denn schlimm, wenn mein Kind schon mit Vorschulheften übt?
Wenn das Kind so ein Heft fordert, ist das auch völlig in Ordnung. Aber das ist nicht für alle Kinder im Vorschulalter geeignet. Deshalb plädiere ich für Alltagssituationen. Wenn sich ein Kind zum Beispiel für Dinosaurier interessiert, dann kann man mit dem Gewicht oder der Geschwindigkeit der Tiere auch schon alltagsnah die großen Zahlen üben. Solange das im Fähigkeitsbereich meines Kindes liegt
Aber grundsätzlichesAuswendiglernen, ohne Verständnis dahinter, das ist in keinem Bereich sinnvoll.Dann hat das Kind die Zahlen zwar auswendig gelernt, aber es weiß nichts mit der 99 anzufangen. Da fehlen die Vorläuferfähigkeiten.
Und solche Vorläuferfähigkeiten sind …
Dazu gehört zum Beispiel, Mengen zu unterscheiden. Einzuschätzen, das sind sechs und das sind vier Äpfel, dann sind die sechs Äpfel zwei mehr. Aber auch mit den eigenen Gefühlen umgehen und die Meinung oder Bedürfnisse kommunizieren können.
In den Bereich sprachlicher Vorläuferfähigkeiten fallen zum Beispiel Reime. Eltern können mit ihren Kindern kleine Gedichte erfinden, oder Reimketten bilden. Es gibt da viele Möglichkeiten. Und motorisch kann man sein Kind durch Kneten, Lego bauen oder Perlen auffädeln vorbereiten.
Was sollten Kinder also vor dem ersten Schultag schon können?
Bei der Entwicklung gibt esverschiedene Bereiche: Die Kognition, die emotionale Entwicklung, die Motorik mit Fein- und Grobmotorik, sowie die körperliche Entwicklung.
In der Kognition sollten Kinder schon flüssig bis zehn und mit Hilfe auch bis 20 zählen können, vielleicht auch schon ein bisschen rückwärts. Und natürlich eine Vorstellung von Mengen haben, also mehr oder weniger einschätzen können. Auch sollten sie leichte Reime bilden können, wie eben beschrieben. Außerdem liegt die Aufmerksamkeitsspanne eines Grundschulkindes zwischen zehn und 20 Minuten, in der es sich auf eine Sache fokussieren können sollte. Bei der Konzentration sowie beim Erlernen fachlicher Kompetenzen können zum Beispiel Gesellschaftsspiele helfen.
Und motorisch?
Da ist es wichtig, dass ein Kind sich selbst umziehen kann. Sowohl in der Pause die Jacke mit Reißverschluss an- und ausziehen, als auch auch im Sportunterricht die Kleidung wechseln. Besonders Strumpfhosen sind dabei knifflig. Den Stift schon richtig zu halten, im sogenannten Pinzettengriff, und die Schleife binden zu können, ist auch super. Und körperlich sollte ein Kind schon balancieren, auf einem Bein stehen und rückwärts laufen können. Darauf achten ja auch schon Kinderärzte oder Erzieherinnen und Erzieher in der Kita.
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Was sind die typischen Fehler von Eltern?
Viele Kinder, die in die Schule kommen, kennen die Buchstabennamen schon, nicht immer die Laute. Also „Be“, „Ka“, „eL“ oder „eM“.Aber wir fokussieren uns natürlich auf den Laut „B“ oder „M“, der gemacht wird, weil dann das Schreiben nach Gehör leichter ist.
Wenn wir zum Beispiel das Wort „Kamel“ schreiben und das Kind die Buchstabennamen kennt, dann notiert es vielleicht die Vokale nicht und schreibt „Kml“. Denn das „A“ ist ja beim „Ka“ dabei und das „E“ beim „eL“. Viele Eltern machen das, aber natürlich nicht alle. Auch, weil sie sich selbst nicht daran erinnern oder weil sie selbst anders schreiben gelernt haben.
Eigene Schulerinnerungen der Eltern sind also nicht förderlich?
Eltern sollten die eigenen Schulerfahrungen nicht in den Fokus rücken. Viele hatten vielleicht keine tolle Schulzeit, aber das muss man nicht mit dem Kind besprechen. Wenn Eltern Sorgen oder Ängste haben, können sie mit Bezugspersonen im Bekannten- und Freundeskreis oder später mit den Lehrkräften sprechen. Mit ihnen können sie beraten, wie sich das Kind einlebt, oder ob es individuelle Bedürfnisse hat. Schließlich möchten wir Lehrkräfte den Kindern ja auch den bestmöglichen Start verschaffen.
Wie kann ich mein Kind dann am besten beim Schulanfang unterstützen?
Wichtig ist die emotionale Vorbereitung, um seinem Kind den Übergang zu erleichtern. Beispielsweise den Schulweg zusammen gehen und die Schule schon einmal anschauen. Auch den Ranzen und die Materialien gemeinsam aussuchen und die Einschulung planen, ist da hilfreich. Das Kind einfach mit einbeziehen. Und vorher viel mit dem Kind sprechen und auch zuhören, das ist ganz wichtig.
Insgesamt sollten Eltern ihren Kindern Selbstvertrauen mitgeben, sie neugierig machen und positiv sein. Sagen: „Ich freue mich für dich, dass du in die Schule gehen kannst und viele tolle Kinder kennenlernst!“ Und: „Ich bin total gespannt darauf, was ihr für Ausflüge macht!“
Und nie vergessen: Die Kinder müssen nicht mit fertigen Fähigkeiten in die Schule kommen, sondern haben dort die Zeit und Möglichkeit, alles zu lernen.