Er saß 15 Jahre wegen Mordes – und führt nun Jugendliche durch den Knast

Teyfik Sahin vor dem Gefängnis in Fuhlsbüttel:
Teyfik Sahin vor dem Gefängnis in Fuhlsbüttel: Hier saß er wegen Mordes 15 Jahre lang.

Die Tür fällt zu. Der Schlüssel klirrt. Das Schloss klackt einmal. Dann sind sie eingesperrt. Sechs Jugendliche aus einer Berufsschule allein in einer Zelle. Vor der fleckigen Fensterscheibe geht die Sonne auf, ein orangefarbener Schleier über dem Gefängnis in Fuhlsbüttel.

Auf der anderen Seite der Tür steht Teyfik Sahin im Flur des alten Gefängnistrakts und schaut auf seine Armbanduhr. Er lebte als Häftling in „Santa Fu“. Wenn er jetzt zurückkommt, dann nur, um Jugendlichen einen Einblick in sein früheres Leben zu geben – und zu zeigen, warum hier niemand landen will.

Nach 15 Jahren in Santa Fu: „Zeit spielt im Knast keine Rolle“

Nach sieben Minuten lässt Teyfik die 16- bis 18-Jährigen wieder raus. „Das waren die längsten Minuten meines Lebens“, sagt einer der Jungen, als er in Jogginghose aus der Zelle schlurft. Teyfik schmunzelt nur. „Zeit spielt im Knast keine Rolle“, sagt er. Die ersten Sekunden zählt man noch. Doch aus Sekunden werden Minuten, Stunden, Tage, Jahre. 15 Jahre, im Fall von Teyfik.

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1998 erschoss er mit zwei weiteren Männern einen Braunschweiger Bordellbesitzer in seinem Auto – bei einem Überholmanöver mitten auf der Autobahn. Im Juli 2000 wurde er dafür zu lebenslanger Haft verurteilt, mit erst 21 Jahren.

Jugendliche lernen kriminelles Verhalten von Vorbildern

„Jugendliche lernen kriminelles Verhalten immer von irgendwem“, erklärt Teyfik. „Sie suchen sich Vorbilder.“ Teyfiks Vorbild war sein älterer Bruder. Sie wuchsen gemeinsam in Wandsbek auf. Mutter alleinerziehend, den Vater lernten sie erst spät kennen. Sein Bruder rutschte in die Drogenkriminalität ab. Teyfik hinterher. „Es war ganz normal, dass unsere Freunde Messer oder Schusswaffen dabeihatten.“

Damals wie heute ein Problem: Bei einem der Jugendlichen gab es erst wenige Tage zuvor eine Hausdurchsuchung. Die Polizei entdeckte eine Schreckschusswaffe, erzählt er, während die Gruppe von dem verlassenen Zelltrakt zum Haupteingang des Gefängnisses geht. Einer der Mitschüler klopft ihm auf die Schulter, als sie drinnen sind. „Viel Glück, hier kommst du nicht mehr raus“, stichelt er.

Häftlinge erzählen von ihren Erfahrungen

Kurz darauf sitzen die Schüler in einem Stuhlkreis mit denjenigen, die wirklich nicht mehr herauskommen: Fünf Häftlinge sind da, um von ihren Erfahrungen aus dem Gefängnis zu erzählen. Die Jugendlichen schauen zu Boden, rutschen auf ihren Stühlen umher, trauen sich zunächst kaum, Fragen zu stellen.

„Warum sitzt ihr?“, fragt einer schließlich. „Ich hab’ jemanden erstochen“, „bandenmäßiger Drogenhandel“, beginnen die Häftlinge reihum. Es entwickelt sich ein Gespräch. Die Jugendlichen erzählen, wie unsicher sie sich manchmal selbst fühlen. Einer spricht über einen „Kollegen“, der vor zwei Jahren in Billstedt erstochen wurde. Er erzählt auch von seinen eigenen Erfahrungen aus dem Jugendgefängnis. Eineinhalb Monate, wegen einer Schlägerei. „Du schadest mit so was nicht nur dir selbst“, sagt ein Gefangener, „sondern deiner ganzen Familie.“

„Haft macht einen Jugendlichen nicht besser“

Das weiß auch Teyfik. Während er im Gefängnis saß, starben seine Eltern, sein Bruder beging Selbstmord. Er konnte von der anderen Seite der Mauer nur zusehen, wie seine Familie verschwand. Auch zwei seiner Mithäftlinge brachten sich um. Teyfik merkte: So geht es nicht weiter. Schon als Gefangener beteiligte er sich an dem Präventionsprojekt, machte eine Tischlerlehre und stieg nach der Entlassung voll bei dem Aufklärungsverein „Gefangene helfen Jugendlichen“ ein. Inzwischen ist er Geschäftsführer.

„Der Knast ist voll mit Jungs wie euch“, sagt Teyfik. Irgendwann müsse jeder selbst entscheiden, welchen Weg er einschlägt. Teyfik änderte die Richtung erst nach seiner Gefängnisstrafe. Heute weiß er: „Haft macht einen Jugendlichen nicht besser.“

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Diesmal können die Jungen einfach wieder herausspazieren, durch die Kontrolle, zurück ins Freie. Nicht bei allen Schülern wird von dem Ausflug etwas hängenbleiben, das weiß auch ihre Lehrerin, aber bei ein paar. Das reicht. Vor den Gefängnismauern verabschiedet Teyfik sich von den Jugendlichen. Ein letzter Handschlag, eine letzte Warnung: „Ich will euch hier nie wiedersehen.“

Die Tür fällt zu. Der Schlüssel klirrt. Das Schloss klackt einmal. Dann sind sie eingesperrt. Sechs Jugendliche aus einer Berufsschule allein in einer Zelle. Vor der fleckigen Fensterscheibe geht die Sonne auf, ein orangefarbener Schleier über dem Gefängnis in Fuhlsbüttel.