Elterntaxi-Irrsinn, Angst und Egoismus – Schulleiter-Chef mit dringendem Appell
80 Poller hat die Stadt vor einer Schule in Eißendorf (Bezirk Harburg) aufgestellt, um Passanten vor den sogenannten „Elterntaxis“ zu schützen – die Bilder machten in ganz Deutschland die Runde. „Lasst die Kinder los“, appelliert jetzt Sascha Luhn, Chef des Verbands der Hamburger Schulleiter. In seinem Arbeitsalltag erlebt er, was passiert, wenn egoistische „Helikoptereltern“ es übertreiben. „Wie haben wir als Kinder denn früher überlebt?“, fragt er kopfschüttelnd. Die MOPO hat Eltern auf einem Spielplatz gefragt, wie sie sich selbst einschätzen, und mit dem Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort darüber gesprochen, woran Eltern erkennen, dass sie sich überfürsorglich verhalten.
„Das Thema Rücksicht aufeinander nehmen nimmt ab, es geht in der Gesellschaft immer mehr um die individuelle Bequemlichkeit und Sicherheit“, sagt Sascha Luhn. Der Verbandschef ist selbst Schulleiter an der Grundschule Schwanenbrook in Meiendorf.
Manchmal steht er persönlich am Lehrerparkplatz und muss Eltern davon abhalten, dort morgens ihre Kinder abzusetzen, erzählt Luhn. Sonst kämen die anderen Lehrer nicht rechtzeitig zum Unterricht. Vor einer Schule in Eißendorf sind vor Kurzem sogar Poller gegen Elterntaxis errichtet worden.
Manche Kinder kennen den eigenen Schulweg nicht
„So lernen es die Kinder nicht. Man muss mit ihnen den Schulweg üben, sie loslassen und großwerden lassen“, sagt Luhn über die sogenannten „Elterntaxis”. Einige würden am liebsten neben ihren Kindern bis zum Abitur im Klassenraum sitzen, berichtet er. „Ich sehe Kinder, die tragen schon in der Grundschule Smartwatches, damit ihre Eltern immer wissen, wo sie sind.“
Als ein Viertklässler an seiner Schule einmal nicht abgeholt wurde, hätte der Junge eigentlich in zehn Minuten nach Hause laufen können – aber er kannte den Weg nicht. „Wie haben wir denn früher überlebt?“, fragt sich Luhn. Mit seinen Appellen für mehr Selbständigkeit erreiche er den Großteil der Eltern allerdings kaum.
Spielplatz-Umfrage: So schätzen sich Hamburgs Eltern ein
Wie schätzen Eltern sich selbst ein? Die MOPO hat sich auf einem Spielplatz in Planten un Blomen umgehört. „Elterntaxis finde ich ganz schlimm“, sagt Katharina Sommer (39), die auf der Uhlenhorst lebt. Die Mutter einer Vierjährigen ist selbst Lehrerin: „Ich versuche mein Kind so selbständig wie möglich zu erziehen. Wir fahren zum Beispiel regelmäßig ICE und da gibt es einen Bereich für Kinder, in dem sie viel erkunden kann. Ich schaue dann nur von der Seite zu.“
„Der Druck auf Eltern ist heutzutage schon hoch, aber man darf sich davon nicht fertig machen lassen“, findet Christiane Schurwanz (38) aus Farmsen. Die Inhaberin eines Fitnessstudios hat zwei Kinder im Alter von acht und vier Jahren.
Ihr Sohn Maxi (8) geht in die zweite Klasse. „Morgens bringe ich ihn hin, weil er sich unterwegs leicht ablenken lässt und sonst zu spät kommt“, sagt Schurwanz. Am Nachmittag geht Maxi aber allein nach Hause. Vor Kurzem hat er zum Geburtstag eine Smartwatch bekommen. „Die hat er zur Sicherheit, wenn er allein zu Hause ist oder bei Freunden übernachtet“, sagt die 38-Jährige. „Ansonsten ist sie ausgeschaltet.“
Natalie Jebsen (41) aus Geesthacht erzählt, dass ihre Familie nur zwei Straßen von der Schule ihres Sohnes entfernt wohnt. „Ein halbes Jahr haben wir unseren Sohn hingebracht und abgeholt, aber jetzt geht er allein“, sagt sie.
Familienministerium: Druck auf Eltern ist hoch
Als „Helikoptereltern“ würde sich auf dem Spielplatz an diesem Tag niemand bezeichnen. Warum gibt es Eltern, die ihre Kinder extrem kontrollieren? „Viele Eltern verspüren einen gesellschaftlichen Druck, dem Ideal aufopfernder Eltern zu entsprechen. Dies erschwert auch die nötige Balance zwischen Kontrolle und Autonomieförderung der Kinder“, heißt eine Erklärung im aktuellsten Bericht des Bundesfamilienministeriums zur Elternschaft in Deutschland (Stand: 2021).
Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort spricht anstatt von „Helikoptereltern“ lieber von „Überfürsorglichkeit“. „Wenn sich Eltern überfürsorglich verhalten, dann kann das verschiedene Gründe haben. Es kann sein, dass sie in großer Sorge um ihr Kind oder selbst eher ängstlich sind“, sagt Schulte-Markwort.
Psychologe: So erkennen Eltern, ob sie „helikoptern”
Helfen könne es, sich im direkten Kontakt mit anderen Eltern abzugleichen und sich etwas vom Kind zu distanzieren. „Eltern sollten sich immer die Frage stellen: Ist das, was ich mit meinem Kind mache, angemessen oder hat es mehr mit einer eigenen Angst zu tun?“, erklärt er.
Als Arzt sei er grundsätzlich froh, wenn Eltern sich eher zu früh als zu spät mit ihrem Kind bei ihm melden. „Eltern fahren ihre Kinder auch zur Schule, weil sie dann noch Zeit gemeinsam verbringen und sich sonst so selten sehen. Man muss immer genau gucken, ob es überfürsorglich ist oder gute Fürsorge fürs Kind“, sagt er.
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Ein ausreichend psychisch gesundes Kind wehre sich auch gegen zu viel Fürsorge: „Mama, das kann ich auch allein, sagen schon die Kleinen“, so Schulte-Markworth. „Erst, wenn die Eltern darüber hinweggehen und das Kind sich das irgendwann gefallen lässt, dann sind das Kinder, die etwas lebensunfähiger werden.“