„Elterntaxi“-Alternative: Hier rollt morgens ein ganz besonderer „Schulbus“
Viele Hamburger Eltern setzen ihre Kinder morgens fix mit dem Auto vor der Schule ab, damit die lieben Kleinen sicher dorthin gelangen. Doch die sogenannten Elterntaxis verstopfen die Straßen, werden selbst zum Verkehrsrisiko und sind der Polizei schon lange ein Dorn im Auge. Gleichzeitig haben viele Eltern Angst, ihre Kinder im Straßenverkehr alleine zur Schule zu schicken. Was hilft? In einem Hamburger Stadtteil ist seit einigen Jahren ein ganz besonderer „Schulbus“ unterwegs.
„Und los geht’s!“ Um Punkt 7.30 Uhr gibt Jens Deye vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) das Signal zum Aufbruch. Dann setzt sich der „Bicibus“ an der Max-Brauer-Schule langsam in Bewegung. „Bici“ kommt vom spanischen Wort „bicicleta“ und bedeutet Fahrrad. Dahinter steckt eine Radkolonne für Schulkinder, die jeden Freitagmorgen eine Runde durch Ottensen dreht und dabei mehrere Grundschulen abklappert. Mit dabei sind neben Deye und ein paar Eltern auch Polizisten auf Fahrrädern, da der „Bicibus“ als Versammlung angemeldet ist.
„Bicibus“ in Ottensen als Alternative zum Elterntaxi
Unterwegs schließen sich immer mal wieder ein paar neue Kinder an. Ist ihre Schule erreicht, verabschieden sie sich mit einem fröhlichen Winken. Damit die circa 25-köpfige Gruppe auch immer zusammen über Ampeln und andere Kreuzungen kommt, blockieren öfter mal die Polizisten oder Eltern für ein paar Minuten den Verkehr. „Ein echter Bus kann sich ja auch nicht teilen“, sagt Deye. So geht keiner verloren und es schafft mehr Sicherheit. Auf der Linksabbiegespur ordnen sich alle Erwachsenen möglichst weit rechts ein, damit die Grundschulkinder nicht zu nah an den vorbeirauschenden Autos entlangfahren müssen.
Für Deye ist der „Bicibus“ das umweltfreundliche Gegenmodell zum Elterntaxi. Nach Schätzung der Schulbehörde wird bis zu ein Drittel der Hamburger Grundschulkinder mit dem Auto zur Schule gefahren. „An diversen Schulen ist eine Art Teufelskreis in Gang gekommen“, sagt Michaela Christ, Verkehrsforscherin vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). „Der Straßenverkehr wird von vielen Eltern oft als zu gefährlich wahrgenommen, als dass sie ihre Kinder alleine losschicken wollen. Sie bringen deshalb ihre Kinder mit dem eigenen Auto, was wiederum die Straße vor der Schule gefährlicher macht für diejenigen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind.“
Hamburger Polizei appelliert immer wieder an Eltern
Dem stimmt die Hamburger Polizei zu: „Beispielhaft sind hier das Rangieren und/oder Wenden, Geschwindigkeitsüberschreitungen oder die Sichtbehinderung der Kinder durch (nicht selten verbotswidrig) haltende oder parkende Fahrzeuge erwähnt“, sagte eine Sprecherin bereits der MOPO. In Eißendorf wurde in den Sommerferien 2024 zu einer besonders drastischen Maßnahme gegriffen und rot-weiße Poller vor der Elisabeth-Lange-Schule aufgestellt. Immer wieder appelliert die Hamburger Polizei an Eltern, ihre Kinder nicht bis vor die Schule zu fahren, sondern sie fit zu machen, damit sie den Schulweg selbstständig schaffen.
Auf der anderen Seite kann der Hamburger Straßenverkehr für Kinder aber eben auch gefährlich sein: Tempo 30 gilt oft nur direkt vor der Schule, Laster donnern auf Hauptverkehrsstraßen entlang und gute Radwege sind vor allem in den äußeren Bezirken Mangelware, während Schulweg-Konzepte jahrelang in Bezirksversammlungen versauern.
„Das Elterntaxi mag individuell verständlich sein, man muss nicht schimpfen oder mit dem Finger auf andere zeigen“, mahnt Verkehrsforscherin Christ. „Aber wenn sich dieser Trend nicht noch weiter verstärken soll, muss rund um Schulen etwas passieren, um die Sicherheit und Gesundheit aller Kinder zu schützen.“
Hier soll Hamburgs erste Schulstraße entstehen
In der Rellinger Straße in Eimsbüttel soll immerhin bald Hamburgs erste Schulstraße entstehen: Im Detail ist geplant, den Abschnitt zwischen Grädenerstraße und Spengelweg für Autos komplett zu sperren. In diesem Bereich sollen 25 der 28 Parkplätze wegfallen. Dort wäre dann Platz für Sitzgelegenheiten, Hochbeete und Spielmöglichkeiten.
Das Projekt des „Bicibusses“, das ursprünglich aus Barcelona stammt, habe laut Christ gleich mehrere Vorteile: „Die Kinder lernen das Verhalten im Straßenverkehr, sind morgens schon aktiv, treffen Freunde und kommen wach und angeregt in der Schule an.“ Für die Mitfahrt im Ottenser „Bicibus“ ist vorher keine Anmeldung nötig, nach den Sommerferien startet dieser wieder jeden Freitag um 7.30 Uhr an der Max-Brauer-Schule. Mehr Infos zu den einzelnen Stops gibt es auf der Website des VCD (www.vcd.org/bicibus) oder per Mail an bicibus@vcd-nord.de.
Der „Bicibus“ ist für andere Stadtteile derzeit (noch) nicht in Planung. Laut den Verantwortlichen läge eine solche Organisation vor allem in den Händen der Eltern potenziell mitfahrender Kinder.