Elbtower-Museum: Hat der Senat da rumgetrickst?
Mit großem TamTam verkündete der Senat Mitte Oktober: In den heute noch halbfertigen Elbtower soll einmal das Naturkundemuseum einziehen und anschließend fast die Hälfte des künftigen Gebäudekomplexes einnehmen. Dafür nimmt die Stadt insgesamt 595 Millionen Euro in die Hand. Doch jetzt stehen neue Vorwürfe im Raum – hätte es doch noch günstigere Alternativen gegeben? Der Senat widerspricht dem vehement. In der Opposition fordert man indes Akteneinsicht.
„Unter allen Varianten zeichnet sich der Elbtower als qualitativ bester und wirtschaftlichster Standort ab“, mit diesen Worten begründete der Senat vor zwei Monaten seine Entscheidung. „Uns ist klar, dass die neue städtische Positionierung zu diesen Projekten für viele Menschen in der Stadt erklärungsbedürftig ist“, ergänzte Finanzsenator Andreas Dressel (SPD). „Aber ich bin als Finanzsenator verpflichtet, die jeweils wirtschaftlichste Option einer Projektrealisierung anzustreben.“
Naturkundemuseum soll in den Elbtower in der HafenCity ziehen
Die Kernaussage: Ein Neubau für das Museum würde weit über 800 Millionen Euro kosten, so könnte die Stadt also Geld sparen. Deshalb entschloss man sich, die insgesamt 46.000 Quadratmeter im Elbtower zu kaufen.
Dabei war auch mal ein anderer Kandidat als Museumsunterkunft im Rennen: Das ehemalige Verlagsgebäude von Gruner & Jahr am Baumwall, das mit seinen runden Fenstern, Außenbalkonen und der Kommandobrücke an einen Ozeandampfer erinnert. 2020 wurde es an den US-Immobilienentwickler Tishman Speyer verkauft, es steht unter Denkmalschutz.
Hätte es auch noch eine günstigere Alternative gegeben?
Wie NDR Panorama 3 jetzt berichtet, habe es von Tishman Speyer eine 38-seitige Präsentation gegeben, warum das Gebäude am Baumwall den Anforderungen der Stadt ebenso genüge. Auch bezüglich des Denkmalschutzes gab es wohl gute Signale: „Im Rahmen einer Vorprüfung hat das Denkmalschutzamt grundsätzlich signalisiert, dass eine Nutzung des Gebäudes für das Naturkundemuseum möglicherweise denkmalschutzrechtlich denkbar wäre“, heißt es aus der Kulturbehörde. „Es wurden jedoch nicht alle Fragen abschließend geklärt und konkrete Prüfungen zu baulichen Änderungen, die eine Genehmigung des Denkmalschutzes erfordern, wurden nicht geführt.“
Laut NDR hatte Finanzsenator Dressel den Standort am Baumwall in einer Sitzung des Haushaltsausschusses Anfang November unter anderem auch deshalb aussortiert, weil der Denkmalschutz den Plänen im Weg stehe.
Noch brisanter: Laut der Präsentation soll in dem Anforderungsprofil der Stadt von einer Gesamtfläche von 27.700 Quadratmetern die Rede sein. Warum also der Kauf von insgesamt 46.000 Quadratmetern? Dem NDR zufolge soll Tishman Speyer zudem 8000 Euro pro Quadratmeter verlangt haben, deutlich günstiger als das Elbtower-Angebot.
Das sagt die Stadt zu den Naturkundemuseum-Vorwürfen
Senatssprecher Christopher Harms argumentiert, dass es sich bei den Flächen um völlig verschiedene Angaben handelte: Die 27.700 Quadratmeter bezögen sich auf die reinen Nutzflächen. „Ein funktionsfähiges Gebäude erfordert aber auch weitere Flächen wie Flure, Treppen, Technik- oder Konstruktionsflächen, aus denen sich die Gesamtfläche von rund 46.000 Quadratmetern für das Naturkundemuseum ergibt“, sagt er der MOPO. Und im Gegensatz zum Quadratmeterpreis des Elbtowers seien bei den 8000 bis 10.000 Euro von Tishman Speyer die Ausbaukosten des Museums nicht enthalten.
Senatssprecher Harms betont noch einmal, dass der Elbtower der qualitativ beste und wirtschaftlichste Standort sei. Beim Gebäude am Baumwall müssten Forschung, Sammlung und Ausstellung auf drei unterschiedliche Gebäude verteilt werden. „Dadurch entstehen lange Wegebeziehungen, zum Teil durch den Außenraum, die viele Arbeitsprozesse, insbesondere des wissenschaftlichen Betriebs, deutlich erschweren.“ Die Unterbringung der wissenschaftlichen Sammlungen wäre dort aufgrund der Gebäudestruktur zudem mit höherem Risiko für Schädlingsbefall verbunden.
Opposition fordert Akteneinsicht zum Naturkundemuseum
In der Opposition kann man die Argumentation wiederum überhaupt nicht nachvollziehen. „Koste es, was es wolle, dieser Eindruck entsteht derzeit beim Elbtower“, sagt Hamburgs CDU-Chef Dennis Thering. „Bis zur nächsten Bürgerschaftssitzung am 14. Januar erwarten wir vollständige Transparenz über eine Entscheidungsgrundlage und die tatsächlichen Kosten. Wer nichts zu verbergen hat, kann auch jetzt sofort reinen Tisch machen.“
Heike Sudmann, Co-Vorsitzende der Hamburger Linken, schlägt in die gleiche Kerbe: „Die uns verweigerte Akteneinsicht nährt die Zweifel an der wirtschaftlichen Lösung für das Naturkundemuseum. Für uns steht angesichts des Lavierens des Senats rund um Elbtower und Naturkundemuseum ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss im Raum.“
Der Elbtower und seine lange Geschichte in Hamburg
Der Elbtower am Rande der HafenCity war bis Oktober 2023 ein Prestigeprojekt des österreichischen Immobilieninvestors René Benko, dessen Signa-Firmen eine nach der anderen in die Insolvenz schlitterten. Am Mittwoch musste sich Benko erneut vor Gericht verantworten. Nach einer ersten Verurteilung im Oktober geht es nun darum, ob der „Wunderwuzzi“ im Rahmen der Insolvenz Wertgegenstände beiseitegeschafft hat.
Den Elbtower in Hamburg ließ er halb fertig zurück. Inzwischen hat ein Konsortium, unter anderem bestehend aus Multimilliardär Klaus-Michael Kühne und Investor Dieter Becken, das Projekt übernommen. Sie wollen den Turm zu Ende bauen – allerdings nur bis zu einer Höhe von 199 statt wie geplant 245 Metern.