Eingeladen als Ehrengast: Der Mann, der sagt, dass er den Terrorchef der Hamas liebt

Yahya Sinwar
Der ehemalige Hamas-Anführer Yahya Sinwar: Er war Drahtzieher der Anschläge vom 7. Oktober 2023 auf Israel. Er starb am 16. Oktober 2024 im Gaza-Streifen nach einem Feuergefecht mit israelischen Soldaten.

Stellen wir uns vor, irgendeine Hamburger Kirchengemeinde hätte zu ihrem Sommerfest als Gastredner zum Thema „Frieden in unserer Welt“ Björn Höcke eingeladen, den AfD-Nazi. Die Empörung wäre riesig. Der Pastor würde gefeuert, der Gemeinderat wohl auch … Am vergangenen Wochenende ist in Hamburg etwas ganz Ähnliches passiert. Allerdings bei einer islamischen Gemeinde.

Die empfing einen türkischen Islamisten als Ehrengast. Einen Mann, der den toten Hamas-Chef Yahya Sinwar einen „Märtyrer“ nennt. Unglaublich, oder? Wer aber denkt, dass das harte Konsequenzen nach sich zieht, irrt. Hamburgs Politik stellt sich nämlich bislang auffallend schützend vor die Gemeinde.

Der zweifelhafte Gast, um den es geht, ist Professor Enbiya Yildirim. Er ist hoher Funktionär der türkischen Religionsbehörde Diyanet, die selbst schon häufiger durch antisemitische Reden aufgefallen ist. Funktionär Enbiya Yildirim aber geht noch einen Schritt weiter: Auf seinem X-Account macht er keinen Hehl daraus, Anhänger der militant-islamistischen Terrororganisation Hamas zu sein, also genau der Terrortruppe, die den Gaza-Krieg ausgelöst hat.

Prof. Dr. Enbiya Yildirim
Nennt Hamas-Terroristen einen „Märtyrer“: Prof. Dr. Enbiya Yildirim, hoher Funktionär der türkischen Religionsbehörde Diyanet.

Es sind regelrechte Liebeserklärungen an die Adresse der Hamas, die Yildirim da postet. Unter einem Foto, das den getöteten Hamas-Führer Yahya Sinvar zeigt, also den Mann, der den Terrorangriff vom 7. Oktober auf Israel zu verantworten hat, steht folgender Kommentar: „Er verkörpert die Ehre der Palästinenser und wird deshalb sehr geliebt. Ich liebe ihn so sehr.“

Aber das ist lange nicht alles. Im Gegenteil. Es finden sich noch viele solcher Posts. In einem zeigt Yildirim ein Foto des Hamas-Gründers Ahmad Yasin und nennt ihn einen „Märtyrer“ und „tapferen Mann“.

Liebeserklärung an den Mann, der den 7. Oktober plante: „Ich liebe ihn so sehr“

Wie es denn sein kann, dass dieser Yildirim in Hamburg Reden hält? Gastgeber war das „Bündnis der islamischen Gemeinden Norddeutschlands“ (BIG). Deren Mitgliedsgemeinden gehören übrigens größtenteils dem Religionsverband Schura an und sind damit seit Inkrafttreten des Islamstaatsvertrags vor 13 Jahren Vertragspartner der Stadt. Damals haben sie sich verpflichtet, das Grundgesetz zu achten.

Das könnte Sie auch interessieren: „Mich widert an, dass Islamisten durch unsere Straßen laufen“

Das hindert das BIG nicht daran, Yildirim immer wieder einzuladen. Im Februar 2025 war er beispielsweise bei einer Veranstaltung im CCH mit dabei. Weil er damals „so gut geredet“ habe, so der stellvertretende BIG-Vorsitzende Sacit Dizman zur MOPO, wurde er nun erneut aus der Türkei eingeflogen.

BIG
Das Plakat der BIG-Veranstaltung am Sonntag – die dann aber ausfiel. In der Mitte zu sehen: Gastredner Enbiya Yildirim.

Der Besuch am vergangenen Wochenende lief dann allerdings anders ab als erwartet. Am Samstag wohnte Yildirim noch wie geplant einer Veranstaltung bei, die in einer Moschee am Nobistor stattfand. Am Sonntag aber ging alles drunter und drüber. Vorgesehen war, dass Yildirim in der Friedrich-Ebert-Halle in Heimfeld zu Hunderten Gläubigen spricht – Thema: Bildung und Familie. Doch dazu ist es nicht gekommen.

Wieso nicht? Weil Eren Güvercin, ein angesehener türkischstämmiger Buchautor und Journalist aus Berlin den Besuch Yildirims via Social Media öffentlich machte. Güvercin ist selbst Muslim, aber ein Feind des Islamismus – und deshalb ließ er alle Welt wissen, was für einen Gastredner das BIG sich da eingekauft hatte.

Journalist Eren Güvercin kritisierte den Besuch Yildirim via Social Media – und löste einen Tsunami aus

Kaum ging Güvercins Post viral, glühten bei den BIG-Funktionären in Hamburg wohl die Telefone. Kann gut sein, dass auch ein Anruf aus dem Rathaus dabei war – vielleicht im Auftrag eines anderen gern gesehenen Gastes des BIG, nämlich Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Der besucht den Verein regelmäßig zum Fastenbrechen. Wäre doch peinlich, wenn jetzt ausgerechnet der Verein, dem er jedes Jahr seine Aufwartung macht, in Verruf geriete.

Das könnte Sie auch interessieren: Als Ausländer auf Hamburgs Straßen um ihr Leben fürchteten

Das BIG hatte also gar keine andere Wahl: Yildirim durfte am Sonntag auf keinen Fall auftreten. Aber nicht nur seine Rede wurde abgesagt, sondern die komplette Veranstaltung. Der Gast aus der Türkei musste unverrichteter Dinge wieder in die Heimat zurückkehren.

Am Montag folgt dann eine dürre Presseerklärung des BIG: „Die nun bekannt gewordenen problematischen Äußerungen des Referenten waren uns nicht bekannt“, heißt es darin. „Selbstverständlich teilen wir seine Ansichten nicht.“ So beteuert der BIG-Vorstand.

Enbiya Yildirim
In diesem Post von Enbiya Yildirim ist das Foto von Yahya Sinwar zu sehen, dem Anführer der Hamas im Gazstreifen. Er gilt als Drahtzieher der Anschläge vom 7. Oktober. Die Israelis töten ihn am 16. Oktober 2024 im Gaza-Streifen. Yildirim schreibt hier: „Sinvar verkörpert als Charakter die Würde des palästinensischen Volkes und wird deshalb sehr geliebt – ich liebe ihn sehr. In einer so schweren Zeit zu versuchen, ihn und sein Engagement zu diffamieren, zeugt von einem äußerst niedrigen Maß an Verständnis. Alles Weitere weiß nur Gott.“

Ob die Verantwortlichen beim BIG tatsächlich so ahnungslos waren, wie sie jetzt tun? Haben sie wirklich gar nichts gewusst von Yildirims Ansichten? Kaum zu glauben, wo doch dessen X-Account laut Güvercin „aussieht wie der Propaganda-Account der Hamas“.

BIG entschuldigt sich: „Wir wussten davon nichts!“

Der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft reicht die Entschuldigung jedenfalls nicht. „Dass eine Organisation wie das BIG, die zur Schura gehört und damit Vertragspartner der Stadt Hamburg ist, solchen Personen wiederholt eine Bühne bietet, ist nicht hinnehmbar“, so Fraktionschef Dennis Thering. Der CDU-Politiker fordert seit Langem, die Islamverträge auszusetzen und einer gründlichen Prüfung zu unterziehen – zumal immer wieder antisemitische und israelfeindliche Äußerungen islamischer Gemeindevertreter aus Hamburg öffentlich werden. Vor wenigen Wochen erst hatte die MOPO solch einen Fall aufgedeckt.

Ali Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland und Hamburger CDU-Politiker, erinnert gegenüber der MOPO daran, dass das BIG zur Millî Görüş-Bewegung gehört. Dabei handele es sich um die „größte islamistische und antisemitische Bewegung aus der Türkei“. Toprak weiter: „Nicht umsonst kritisiere ich seit Jahren die Teilnahme der demokratischen Parteien mit ihrem Spitzenpersonal in Hamburg bei den Empfängen des BIG.“

Yildirim
Einer der Skandal-Posts von Enbiya Yildirim. Zu sehen ist in der Mitte der Gründer der Terrororganisation Hamas, Ahmad Yasin. Yildirim schreibt: „Ich lasse für Suraya das Foto eines tapferen Mannes hier, eines Mudschaheddin, eines aufrechten, unbeugsamen Menschen, eines Märtyrers – mit anderen Worten: des Lehrmeisters von Ismail Haniyya, nämlich Ahmad Yasin.“

Toprak wirft der Hamburger Politik vor, islamistische Organisationen zu „hofieren“. Er sagt, „der politische Islam ist eine zutiefst rechtsextremistische Ideologie. So muss sie endlich von der hiesigen Politik auch behandelt werden. Wer Islamisten hofiert und salonfähig macht, braucht sich nicht darüber zu wundern, wenn die dritte und vierte Generation der deutschen Muslime sich nicht an unseren Werten orientiert, sondern an den Werten der Erdogan-Türkei.“

Eine ähnliche Position vertritt Necla Kelek, eine türkischstämmige Soziologin und Publizistin aus Hamburg: „Was Herr Yildirim in Sachen Israel/Palästina von sich gibt, ist die offizielle Politik der Türkei, der Diyanet, des Präsidenten Erdogan. Die offizielle Türkei ist an der Seite der Hamas. Diese Position wird mittlerweile hier in Moscheen, an der Uni und auf Veranstaltungen widerspruchlos propagiert.“ Kelek, die den Verein „Säkularer Islam Hamburg“ leitet, weiter: „Mich verwundert und erstaunt, dass der Senat in dieser Sache nachhaltig schweigt und weiter mit diesen Organisationen und Vertretern zusammenarbeitet, statt den Staatsvertrag auf Eis zu legen. Das macht die offiziellen Bekundungen des Senats, der SPD und der Grünen zu Israel zur Farce.“

Ali Toprak: „BIG gehört zur größten islamistischen Bewegung aus der Türkei“

Zum verhinderten Auftritt Enbiya Yildirims hat die MOPO den Senat und die Parteien in der Bürgerschaft um eine Stellungnahme gebeten. Ergebnis: Mit der Entschuldigung des BIG ist die Sache für SPD und Grüne offenbar erledigt. Man sei zufrieden, dass sich das BIG „klar von der Haltung des Gastredners distanziert und eine weitere geplante Veranstaltung abgesagt“ habe, so SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf. Grüne, SPD und die Senatskanzlei betonen, wie wichtig der Dialog zwischen Stadt und Religionsgemeinschaften „und wie wirksam die Verständigung auf gemeinsame demokratische Werte“ (Kienscherf) sei.

Ali Toprak
Ali Toprak ist Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland und Hamburger CDU-Politiker.

Michael Gwodsz, Fraktionschef der Grünen: „Von allen Religionsgemeinschaften erwarten wir, dass sie bei der Auswahl ihrer Referenten größte Sorgfalt walten lassen und sich deutlich von menschenfeindlichen Positionen distanzieren.“ Und die Linksfraktion schreibt: „Wer nun reflexhaft den Staatsvertrag infrage stellt, nimmt diesen Gemeinschaften die Pflicht zur Klärung – und schwächt die Möglichkeit, ihnen klare Standards aufzuerlegen.“

Unterdessen meldet sich auch noch der türkisch-deutsche Jurist und Publizist Murat Kayman zu Wort, früher Justiziar des türkischen Religionsverbandes DITIB, heute ein scharfer Kritiker aller Islamverbände. Er bemängelt, dass die Entschuldigung, die das BIG am Montag veröffentlichte, nur in deutscher Sprache herausgegeben worden sei.

Er schreibt: „Nun sollten die eigenen Mitglieder auch in türkischer Sprache erfahren, welche konkreten Ansichten des Referenten ,selbstverständlich‘ nicht geteilt werden.“ Und weiter: „Wenn den Partnern in Hamburg eine ,klare Haltung‘ des BIG versichert wird, sollte diese Klarheit auch nach innen, den eigenen Mitgliedern gegenüber verständlich, also auch in türkischer Sprache, kommuniziert werden. Nur so wird diese Erklärung glaubwürdig. Ich halte diesen Schritt für unverzichtbar, um dem Eindruck entgegenzuwirken, dass solche Erklärungen nur für die kritische Öffentlichkeit bestimmt sind und nach innen die Problematik der radikalen Ansichten des Referenten nicht aufgearbeitet wird oder diese Ansichten gar inhaltlich mit den Überzeugungen des BIG und seiner Mitglieder übereinstimmen.“