Eine Hamburgerin über ihr Leben als „Geruchsblinde“ – und was ihr am meisten fehlt

Frau riecht an Blume
Den Duft einer Blumenwiese aufsaugen? Für Menschen wie Christina K. unmöglich.

Wie ist es, die Welt nur geruchlos zu kennen? Und nicht differenziert schmecken zu können? Christina K. kennt das nicht anders. Ihr fehlt von Geburt an der Riechkolben im Gehirn. Das macht den Alltag oftmals kompliziert: Einen Job schmiss sie deshalb direkt nach zwei Tagen wieder hin. Sie würde zu gern wissen, wie der Wald riecht. Aber eines noch viel, viel mehr.

Sie war zwölf, als sie merkte, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Christina K. lebte mit ihrer Familie in Unterlüß, einem Dorf in der Lüneburger Heide. An einem Nachmittag spielte sie mit Gleichaltrigen im Gemeindesaal der Kirche. Ein Tuch verdeckte ihre Augen und Christina musste raten, was ihr die anderen unter die Nase hielten: eine Banane? Oder vielleicht einen Apfel?

Mit 12 Jahren entdeckte sie, dass etwas nicht stimmt

Als sie das Tuch abnahm, ohne etwas geraten zu haben, schauten sie ratlose Augen an. Daran erinnert sie sich noch heute, rund 25 Jahre später. Weder die anderen Kinder noch sie selbst konnten verstehen, was da eigentlich geschah. Vor ihr lag eine duftende Zitrone.

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Etwa fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland können nicht riechen, so der Verband der Hals-Nasen-Ohrenärzte in Deutschland. Das sind über vier Millionen Menschen. Sie haben Anosmie, wie der medizinische Fachbegriff für den Verlust des Geruchsinns lautet – oder sie kamen, wie Christina K., ganz ohne olfaktorische Wahrnehmung zur Welt. Sie kennen die Welt nur geruchlos.

Riechstörungen sind vor allem als Folge einer Corona-Infektion bekannt geworden. Doch auch Kopfverletzungen, neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer, Autoimmunerkrankungen und selbst das Älterwerden können solche Störungen auslösen.

Es gibt keine Vorsorgeuntersuchung für den Geruchssinn

Wenn ein Kind wie Christina jedoch schon geruchsblind auf die Welt kommt, erfährt es oft erst Jahre später, dass es mit einer Behinderung lebt. Allein das Wort macht es deutlich: „geruchsblind“. Es gibt bislang auch keine Vorsorgeuntersuchung für den Geruchssinn. Zumindest noch nicht: In den USA haben Ärzte kürzlich eine Initiative gestartet, um Kinder im Vorschulalter einem standardisierten Riechtest zu unterziehen.

Christina K. war 20, als sie zum ersten Mal wegen ihres fehlenden Geruchssinns zum Arzt ging. Sie wollte wissen, ob es Möglichkeiten gibt, den Sinn zu aktivieren. Der Befund des HNO-Arztes war aufgrund einer Computertomographie jedoch eindeutig: Ihr fehlte von Geburt an der Bulbus olfactorius, der Riechkolben, der im Hirnbereich direkt über der Nase liegt. Selbst ein Riechtraining würde ihr nicht helfen.

Riechtraining für Betroffene

So etwas bietet der HNO-Arzt Thomas Hummel, Leiter des Inter­disziplinären Zentrums für Riechen und Schmecken am Universitätsklinikum Dresden, für Menschen an, die ihren Geruchssinn verloren haben. Bei einem solchen Training bekommen Patienten kleine Gläschen mit intensiven Düften wie Rose oder Eukalyptus und sollen zweimal täglich daran schnuppern. Für zwei bis sechs Monate. So lange schätzungsweise brauchen die 20 Millionen Riechzellen in der Nase, um sich nach einer Beschädigung – etwa durch eine Covid-Infektion – zu erneuern. Das wiederholte Schnuppern regt die Aktivität der Zellen an. Wie beim Sport: Trainieren verbessert die Leistung.

Jemand schneidet Zitronen
Welche Frucht rieche ich hier? Für „Geruchsblinde“ nicht zu beantworten.

Die Riechzellen empfangen die Duftmoleküle aus der Luft, wobei jede Zelle auf einen Grundgeruch spezialisiert ist – etwa Moschus oder Vanille. Ein gesunder Mensch kann bis zu 400 verschiedene Grundgerüche unterscheiden, da es in der Nase bis zu 400 unterschiedliche Duftrezeptoren gibt.

Eine Tasse Kaffee enthält zum Beispiel mehr als 200 verschiedene Grundgerüche. Wenn ein gesunder Mensch daran riecht, gelangen die Duftinformationen über die Riechnerven aus der Nasenhöhle bis ins Gehirn. Dort setzt der Riechkolben das Duftmosaik aus den einzelnen Grundgerüchenzusammen und leitet die Information an das Ge­dächtniszentrum weiter, das den Geruch des Kaffees wiedererkennt. Hinzu kommt eine emotionale Bewertung durch das Gehirn: Ein Mensch, der Kaffee liebt, verspürt dann Wohlbefinden.

Ohne Riechkolben gehen die Informationen der Riechnerven verloren

Millionen Gerüche, Millionen unterschiedliche Duftmosaiken könnte ein gesunder Mensch theoretisch riechen. Doch ohne Riechkolben gehen die Informationen der Riechnerven verloren, das Gehirn kann auch die einfachste Duftkombination nicht zusammenstellen. Daher würde auch das beste Riechtraining Christina K. nicht helfen, sagt der HNO-Arzt Thomas Hummel.

Christina K. sitzt am Esstisch in ihrer Küche und trinkt aus einer Tasse: Kaffee mit Hafermilchschaum. Draußen der graue Hamburger Himmel, drinnen das helle Braun der Holzmöbel und bunte Pastellfarben. Auch ihre Kinder Joscha und Merle, ein und vier Jahre alt, sitzen am Tisch, vor sich Stifte und Blätter.

Eigentlich mag K. keinen Kaffee, sie trinkt ihn erst seit zwei Jahren. Als ihr drittes Kind geboren wurde, hatte sie bereits zwei Babys zu Hause und kämpfte ständig mit Müdigkeit. Seither nimmt sie sich ab und an eine koffeinhaltige Pause, aber immer mit viel Milchschaum, sagt sie: „Sonst schmecke ich nur bitter!“

Bitter, süß, sauer, salzig und „umami“, diesen Geschmack nach Sojasauce, kann K. erkennen. Dafür sorgen die Geschmackszellen auf der Zunge. Aber damit endet ihre Geschmackserfahrung. Denn jeder komplexere Geschmack entsteht aus dem Aroma der Duftmoleküle, die beim Essen eingeatmet werden. Ein komplexes Schmecken ist ohne Nase und Riechkolben nicht möglich.

Wein schmeckt für sie nur sauer

Das heißt für Christina K.: Wein schmeckt sauer, Apfelsaft genauso wie Orangensaft, Tee oder warmes Wasser zu trinken macht keinen Unterschied. Bitteres wie zum Beispiel Rosenkohl mag sie überhaupt nicht. Eine Abneigung, die wahrscheinlich auf einen Abwehrmechanismus des Körpers zurückgeht. Viele Gifte sind bitter.

Mit einem Löffel verteilt sie Tomatensauce von der Mitte eines Pizzateigs zu den Rändern. Hinzu kommen geriebener Gouda, Pilze in Scheiben und Brokkoliröschen. Sie würzt mit Salz und Pfeffer, die anderen Gewürze bleiben stehen, die nutzt nur ihr Partner. Ein Pizzarezept, erdacht nach Konsistenzen statt nach Geschmack.

Schärfe kann sie wahrnehmen – aber nicht das Aroma

Immerhin kann sie Pfeffer und Chili wahrnehmen, zwar nicht deren Aroma, aber doch die Schärfe. Das ermöglicht der Nervus trigeminus, der Mund, Augen und Nase mit dem Hirn verbindet. Einmal, als Teenager, dachte K., doch riechen zu können: Auf dem Weg in die Schule kaute sie einen Kaugummi und spürte Kühle. Das Menthol hatte den Nervus trigeminus aktiviert.

Sie schiebt die Pizza in den Ofen und sagt: „Jetzt ist Zeit für Kontrolle, Joscha!“ Mit beiden Händen hebt sie das Kind hoch, hält es mit einer Hand an ihre Brust, zieht mit der anderen Hand Joschas Hose runter und hebt die Windelränder an. Gerade genug, um reinschauen zu können. Sauber, ergibt der Windelcheck.

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Sie setzt den Jungen wieder auf den Boden und schaut zufrieden auf die leeren Verpackungen und die leere Tomatendose. Sie bewahrt nicht gerne Reste auf. Oft bittet sie ihren Partner oder ihr zwölfjähriges Kind zu riechen, ob die Reste im Kühlschrank noch gut sind. Wenn niemand da ist, schmeißt sie sie im Zweifel weg. Sie selbst hat noch nie eine Lebensmittelvergiftung bekommen. Aber Angst, bei jemand anderem eine zu verursachen.

Nach dem Abitur wollte K. in einer Küche jobben. Zwei Tage hat es gedauert, bis eine geöffnete Tomatendose sie kapitulieren ließ. War sie noch gut? Sie hätte nie sicher sein können. Mit Menschen umzugehen, ist für K. einfacher: Sie betreut Jugendliche mit Förderbedarf in einer Produktionsschule. Von zu Hause bis dahin fährt sie 25 Minuten mit dem Fahrrad.

Bei Parfüm kauft sie, was ihr Partner gern riecht

Ob sie dann nach Schweiß riecht? Klar, das weiß sie nicht. Viele ihrer Kollegen wissen aber, dass sie nicht riechen kann. „Das entspannt mich“, sagt sie. Sie benutzt auch ein Deodorant, immer noch jenes, das ihre beste Freundin in der Schule für sie ausgesucht hatte. Wenn sie andere Hygieneartikel kauft, nimmt sie, was ihr Partner gerne riecht. Und was für sie schön aussieht.

Auch ihr Verhältnis zur Körperhygiene wird von den Augen gesteuert. Fettige Haare ekeln sie, ihre wäscht sie jeden zweiten Tag. Sie ekelt sich auch vor anderen Dingen, die für ihre Mitmenschen schlecht riechen. Tierkot, zum Beispiel, konnte sie in den Schwangerschaften nicht sehen, sagt sie. Vermutlich wollte ihr Körper sich und die noch nicht geborenen Babys durch den Sehsinn vor möglichen Gefahren schützen.

Wenn Menschen von ihrer Behinderung erfahren, findet sie die traurigen Blicke unangemessen. Sie ist nicht depressionsgefährdet, sie leidet unter keinem Verlust. Fehlt ihr also wirklich nichts?

Sie würde gern den Wald riechen

Gäbe es eine Therapie, K. würde sie nicht machen. Sie hat Angst davor, dann nur schlechte Gerüche wahrnehmen zu können. Nicht ganz ohne Grund: Betroffene von Riechstörungen berichten zum Beispiel von brennenden oder fauligen Gerüchen, die sie ganz unvermittelt wahrnehmen. Phantosmie, nennt das die Medizin. Wahrscheinlich eine Folge davon, dass das Gehirn das Duftpuzzle eines Geruches fantasievoll zusammenstellt.

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Wenn Christina K. jedoch riechen könnte, so würde sie sehr gerne den Wald riechen. Sie stellt sich vor, dass er sehr frisch riecht. Am allerliebsten aber würde sie noch etwas anderes wahrnehmen können: den Geruch ihrer Kinder.