Einbürgerung: Wovon die frischgebackenen Deutschen träumen – und was sie sorgt

Marie Ijore Camara im Rathaus
Marie Ijore Camara (46), Altenpflegerin aus Winterhude

Ehrfürchtig betreten die rund 320 Neubürger mit ihren Angehörigen das Hamburger Rathaus. Die Einbürgerung ist für viele Hamburger mit Migrationshintergrund ein besonderes Ereignis im Leben. So manche Prüfung mussten sie dafür bestehen – nicht nur auf dem Papier. Der MOPO erzählten sie, was ihnen die Einbürgerung bedeutet, wovon sie träumen – und ob sie die „Stadtbild“-Debatte sorgt.

„Endlich mit den Kindern reisen“

Marie Ijore Camara (46), Altenpflegerin aus Winterhude: „Bisher habe ich mich auch ohne die Einbürgerung als Teil der deutschen Gesellschaft gefühlt. Ich bin schon 1999 aus dem Senegal mit meinem Mann nach Deutschland gekommen. Er ist Deutscher und lebte zwölf Jahre lang im Senegal, wo wir uns kennengelernt haben. Inzwischen sind unsere drei Kinder aus dem Haus. Mit dem deutschen Pass kann ich endlich einfacher mit ihnen verreisen. Ich interessiere mich zwar für Nachrichten, aber die Debatte ums ‚Stadtbild‘ habe ich nicht verfolgt. Solche Debatten gibt es aber leider überall, nicht nur in Deutschland.“

„Einbürgerung bedeutet mir viel“

Aman Narula (31), Einzelhandelskaufmann aus Eidelstedt
Aman Narula (31), Einzelhandelskaufmann aus Eidelstedt

Aman Narula (31), Einzelhandelskaufmann aus Eidelstedt: „Ich bin 2011 wegen des Krieges in Afghanistan nach Deutschland gekommen. Am Anfang war es wegen der neuen Sprache und anderer Hürden nicht leicht, hier anzukommen, aber jetzt ist Hamburg meine Heimat. Die Einbürgerung bedeutet mir sehr viel – ich bin Teil der Gesellschaft. Inzwischen habe ich eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann abgeschlossen und fühle mich hier wohl. Die Debatte ums ,Stadtbild‘ habe ich nicht intensiv verfolgt. Meine Meinung: Wer hier leben möchte, sollte sein Möglichstes tun, um sich auch zu integrieren.“

„Mein Traum? Selbstständig sein“

Fahine Afshar im Rathaus
Fahine Afshar(30), Friseurin aus Jenfeld

Fahine Afshar (30), Friseurin aus Jenfeld: „Ich möchte zur Gesellschaft dazugehören, die gleichen Rechte und Pflichten haben wie alle anderen. 2003 bin ich aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und habe später eine Ausbildung zur Friseurin und Kosmetikerin gemacht. Momentan kümmere ich mich vor allem um meinen drei Monate alten Sohn. Mein Traum ist es, mich in Zukunft selbstständig zu machen. Die Debatte ums ,Stadtbild‘? Die ist nicht gut für unsere Gesellschaft, weil sie dazu führt, dass Unterschiede betont und nicht alle Menschen gleich angesehen werden.“

„Rechtsruck macht mir Sorge“

Nnamdi Ekweariri (40), KI-Entwickler aus Wandsbek
Nnamdi Ekweariri (40), KI-Entwickler aus Wandsbek

Nnamdi Ekweariri (40), KI-Entwickler aus Wandsbek: „Ich bin für das Masterstudium ,Intelligente Adaptive Systeme‘ – also KI-Entwicklung – aus Nigeria nach Deutschland gekommen. Vorher hatte ich schon ein Grundstudium und einen weiteren Master abgeschlossen. Oft erlebe ich, dass Menschen darüber erstaunt sind, weil sie mir diesen Bildungsgrad nicht zutrauen. Manche fragen, ob ich über das Mittelmeer hergeschwommen bin. Ich wurde auch schon körperlich angegriffen, aber versuche Konfrontationen zu vermeiden und mich mental davon zu distanzieren. Trotz allem möchte ich in Deutschland bleiben. Hamburg ist eine schöne Stadt, hier sind meine Freunde und meine Kinder. Vor Problemen wegzulaufen, löst das Problem nicht. Der Rechtsruck in Deutschland macht mir natürlich Sorge, den gibt es aber in anderen Ländern auch. Darum müssen wir gerade jungen Menschen klarmachen, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf.“

„Das Beste aus beiden Welten“

Kimberley Moke-Teetz, Rentnerin aus Fuhlsbüttel
Kimberley Moke-Teetz, Rentnerin aus Fuhlsbüttel

Kimberley Moke-Teetz, Rentnerin aus Fuhlsbüttel: „Ich möchte das Beste aus beiden Welten haben und meine eigene Heimat nicht aufgeben müssen. Ich komme aus der Nähe von New York City und bin seit 1985 wegen der Liebe in Deutschland und habe hier als Choreografin und Tänzerin gearbeitet. Meine Entscheidung für eine zweite Staatsbürgerschaft hat nichts mit der US-Regierung zu tun. In den USA darf man erst ab einem bestimmten Alter zwei Staatsbürgerschaften besitzen, daher habe ich so lange gewartet. Meiner Meinung nach sollte es in Deutschland eine gute Mischung geben aus vielen Kulturen – aber alles eben auch im Gleichgewicht.“

„Ein großer Meilenstein“

Maxim Urazov (28), KI-Entwickler aus Ottensen
Maxim Urazov (28), KI-Entwickler aus Ottensen

Maxim Urazov (28), KI-Entwickler aus Ottensen: „Die Einbürgerung ist ein großer Meilenstein in meinem Leben. Ich bin fürs Studium aus Russland hierhergekommen und habe an der Uni KI und Computerlinguistik studiert. Als ich 2020 mein zweites Jahr in Deutschland verbrachte, da habe ich mir gesagt, dass es ein schönes Land ist und ich gern hierbleiben möchte. Inzwischen fühle ich mich schon als Deutscher, da ich seit Jahren hier wohne, arbeite und auch deutsche Freunde habe – es ist wie meine zweite Heimat. Da war die Einbürgerung für mich eine logische Konsequenz. Was die ,Stadtbild‘-Debatte angeht: Ich bestimme meine Identität nicht durch die Aussagen oder die Meinung von anderen – ich weiß, dass ich Menschen um mich habe, die mich wertschätzen und die ich auch wertschätze.“

Ehrfürchtig betreten die rund 320 Neubürger mit ihren Angehörigen das Hamburger Rathaus. Die Einbürgerung ist für viele Hamburger mit Migrationshintergrund ein besonderes Ereignis im Leben. So manche Prüfung mussten sie dafür bestehen – nicht nur auf dem Papier. Der MOPO erzählten sie, was ihnen die Einbürgerung bedeutet, wovon sie träumen – und ob sie die „Stadtbild“-Debatte sorgt.