Ein Jahr nach Eröffnung: Ärger im Hamburger „Viva con Agua“-Hotel

Benjamin „Benji“ Adrion (44) auf der Dachterrasse seines „Villa Viva“ Hotels.
Benjamin „Benji“ Adrion (44) auf der Dachterrasse seines „Villa Viva“ Hotels.

Nachhaltigkeit, Soziales und Qualität vereint: Das „Villa Viva“-Hotel im Münzviertel war 2024 mit hohen Zielen gestartet. Zu hoch, wie die Bilanz des ersten Hoteljahres zeigt. Statt ein erfolgreiches Konzept zu feiern, muss Chef und Ex-FC St. Pauli-Spieler Benjamin „Benji“ Adrion sich mit schlechter Stimmung im Team, hoher Fluktuation und miesen Zahlen herumschlagen. Besonders im Restaurant knirscht es gewaltig – doch Adrion will nicht aufgeben.

Die MOPO trifft Benjamin Adrion zum Gespräch auf der Dachterrasse der „Villa Viva“. Michel, Elphi und Rathaus im Hintergrund, die Sonne knallt vom blauen Himmel. Ein kleines Paradies. Doch der 44-Jährige, der nach mehreren Wechseln im Team seit November Geschäftsführer des Hotels ist, muss zugeben: „Das war in 20 Jahren bei Viva con Agua mein persönlich schwerstes berufliches Jahr.“

Finanzierungsplan geht im ersten Jahr nicht auf

Begonnen hatte alles im Jahr 2015 mit einer Idee. Die Stadt wollte den Gebäudekomplex im Schultzweg 4 hinter dem Hauptbahnhof loswerden. Schlechter Schnitt, suboptimale Lage – Hamburg erließ dem gemeinnützigen Verein „Viva con Agua“ 70 Prozent der Kosten. Und auch sonst war der Finanzierungsplan ungewöhnlich: Die Umweltbank gewährte einen günstigen Kredit und viele andere Partner verzichteten teilweise oder vorerst auf ihre Bezahlung.

19 sogenannte Private Social Investors legten zusammen 5,5 Millionen Euro für mindestens 15 Jahre an. Es gibt Zimmer für jede Gehaltsklasse und irgendwann in der Zukunft sollen Einnahmen aus dem Hotel auch die sozialen Projekte von „Viva con Agua“ unterstützen. „Das Gasthaus soll nächstes, spätestens im zweiten Jahr, mehr verdienen als es Kosten hat“, so war Adrions Plan kurz nach der Eröffnung zum Jahreswechsel 2023/2024.

Heute, im Mai 2025 auf der Dachterrasse, fällt die Bilanz des ersten Jahres schlechter aus als erwartet. Es gab einen gewissen „Realitätscheck“, wie Adrion sagt. Der Finanzierungsplan ging nicht auf. Einige Gründe dafür sind offensichtlich: „Das Münzviertel ist eben nicht die Schanze. Es kommen kaum Hamburger her. Die Gäste sind im Schnitt zwei Nächte hier und frühstücken höchstens im Hotel. Sie nutzen kaum den Mittagstisch oder das Angebot am Abend.“

Das „Villa Viva“ im Münzviertel sieht ja besonders aus, hat aber einen ungünstigen Schnitt.
Das „Villa Viva“ im Münzviertel sieht ja besonders aus, hat aber einen ungünstigen Schnitt.

Das hoteleigene Restaurant ist wohl das größte Sorgenkind. Gestartet hatte es als „Viva Cantina“ mit viel zu hohen Ansprüchen. „Es ging schon in Richtung Fine Dining. Wir wollten möglichst nachhaltig sein, Zero Waste, dazu bezahlbar und ausgefallene Gerichte bieten. Dabei haben wir uns völlig verkalkuliert“, muss der Geschäftsführer heute eingestehen. Noch dazu knirschte es ordentlich im Team, wie die MOPO aus Gastronomiekreisen erfuhr. Adrion bestätigt: „Von 14 Angestellten, mit denen das Restaurant gestartet ist, ist heute nur noch eine Person hier.“ Mittlerweile heißt das Lokal „Viva Levante“ und ist etwas unkomplizierter.

„Villa Viva“: Eigenkapital und Investoren müssen her

Der neue Hoteldirektor Linus Müller, der nach dem Weggang von Direktorin Laura Hansen das Geschäft übernommen hat und im „Villa Viva“ offiziell als „Zirkusdirektor“ bezeichnet wird, sagt über die Gründe der hohen Fluktuation: „Viele ehemalige Mitarbeiter haben sich nicht mit den Werten der Villa oder von ‚Viva con Agua‘ identifiziert. Um hier zu arbeiten, muss man sehr flexibel sein und sich für ein gemeinsames Ziel einsetzen. Wir bieten viel Gestaltungsspielraum für coole Ideen, aber Mitarbeiter müssen sich auch anpassen können.“

Gestartet war das knapp 40 Millionen Euro teure Hotel mit 67 Mitarbeitern, heute sind es 52. Der Widerspruch: Obwohl neues Personal benötigt wird, wollen Müller und Adrion die Lohnkosten drosseln. 80 Prozent der Ausgaben gehen derzeit dafür drauf, berichtet der Hoteldirektor. Viele Mitarbeiter sind freiwillig gegangen, andere wohl eher „gegangen worden“. Und nicht nur in den unteren Etagen gab es Wechsel: Auch Leitungspositionen wurden mittlerweile neu besetzt und der Geschäftsführer des Hotelpartners „Heimathafen Hotels“, Jens Sroka, hat sich zurückgezogen. Das Hotel befinde sich noch in einer Umbruchphase, so „Benji“ Adrion.

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Klar ist: Damit die „Villa Viva“ bestehen bleiben kann, muss neues Eigenkapital in die Hand genommen werden und es müssen neue Investoren her. Solange es kein Benko ist, sei das für ihn auch in Ordnung, sagt Benjamin Adrion, der damit auf den Pleite gegangenen österreichischen Immobilienunternehmer anspielt. Der 44-Jährige will nicht aufgeben und glaubt an eine Zukunft des Hotels – er hofft, dass Hamburger, Angestellte und Gäste das Konzept schon bald besser verstehen.