Alexis ist Redakteurin bei den Eimsbütteler Nachrichten.

Alexis Milne ist Redakteurin bei den Eimsbütteler Nachrichten. Foto: Eimsbütteler Nachrichten

Hasskommentare gegen Hamburger Journalistin: „Kann nicht aufhören, daran zu denken“

Der Beitrag „„Ich habe das Recht zu berichten und frei zu leben““ erschien zuerst auf Eimsbütteler Nachrichten.

Auf TikTok veröffentlichte unsere Redakteurin Alexis Milne zwei Videos zum Eimsbütteler Wohnungsmarkt. Wenig später überfluteten Hassnachrichten die Kommentarspalte. Wie sie damit umgeht und was sie anderen Betroffenen rät.

Dass bei Berichten über den Wohnungsmarkt die Emotionen hochkochen, ist nicht neu. Deswegen verwunderte es Alexis Milne zunächst auch nicht, als eines ihrer Videos zu diesem Thema bei TikTok nach kurzer Zeit tausende Views erzielte. Ein Blick in die Kommentare änderte das. Statt inhaltlichen Argumenten stieß sie auf persönliche Beleidigungen. 

Alexis Milne ist trans und arbeitet in der Redaktion der Eimsbütteler Nachrichten. Sie schreibt Texte und moderiert regelmäßig Videos für unsere Social-Media-Kanäle.

Als Redaktion haben wir uns entschieden, diese Vorfälle publik zu machen. Weil es nicht sein darf, dass Journalisten bedroht werden. Dass queere Personen entmenschlicht werden. Dass in sozialen Medien Entwürdigungen alltäglich werden. 

Im Gespräch teilt Alexis Milne ihre Gedanken. Sie will weitermachen und andere motivieren, es ihr gleichzutun. 

Hasskommentare: Was vorfiel

Eimsbütteler Nachrichten: Bei Instagram trittst du seit Längerem als Gesicht der Eimsbütteler Nachrichten in Kurzvideos auf. Vor einigen Wochen erschienen deine ersten Videos auf TikTok. Binnen kurzer Zeit hagelte es Hunderte queerfeindliche Kommentare. Erinnerst du dich an den Moment, als du gemerkt hast, was hier passiert? 

Alexis Milne: Ich hatte am Freitag zwei Videos hochgeladen. Am Samstagmorgen habe ich nachgeschaut, wie viele Views sie bekommen haben – und bin dann auch auf die Kommentare gestoßen. Zu dem Zeitpunkt waren es etwa 100 Kommentare und einige Tausend Views.

Was waren deine ersten Gedanken dazu?

Für etwa zwei Sekunden habe ich mich darüber gefreut, wie gut die Videos scheinbar liefen. Dann habe ich angefangen, die Kommentare zu lesen, und war schockiert. Mindestens 90 Prozent der Kommentierenden haben mich beleidigt, entmenschlicht oder sexualisiert.

Von Einzelfällen zur Überschwemmung

Hast du so etwas schon mal erlebt? 

Als sichtbar queere Person sind Respektlosigkeit und Beleidigungen nichts Neues, damit muss ich mich schon seit ich denken kann rumschlagen. Auch im Rahmen meiner Arbeit sind auf Instagram und Facebook vergleichbare Kommentare aufgetaucht – das waren aber immer Einzelfälle. So von Hass und Beleidigungen überschwemmt habe ich unsere Kommentare noch nie gesehen. Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll.

Hast du so etwas jemals befürchtet? 

Leider ja. Als Transperson in der Öffentlichkeit zu stehen, bringt sowas mit sich, das war mir schon immer klar. Ich wusste also, dass ich irgendwann sowas abbekommen würde. Dass es jedoch bei zwei Videos, die sich mit dem Wohnungsmarkt beschäftigen, eskaliert, hätte ich definitiv nicht gedacht.

Was hat das emotional mit dir gemacht? 

Am Wochenende bin ich einmal alles durchgegangen, was ein Gehirn so ausspucken kann: Ich war schockiert und wütend, ich hatte Angst, wollte am liebsten zurückschießen und musste über die Absurdität der Situation und die Dummheit der Kommentare lachen. Insgesamt hat mich all das auf ein neues Stresslevel befördert. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken, bin ständig angespannt und habe alle halbe Stunde die neuesten Kommentare gelesen.

Wie reagiert man auf Hass?

Was war deine erste Reaktion? Und wie hat sich diese nach ein paar Tagen vielleicht verändert? 

An den ersten Tagen konnte ich quasi nichts dagegen unternehmen. Ich war ein emotionaler Wirbelsturm und habe mit Freunden und Familie darüber gesprochen. Ich hatte dabei auch im Hinterkopf, dass physische Gewalt gegen queere Menschen immer häufiger wird – auch öffentlich. Bei aller Dummheit in den Kommentaren macht das wirklich Angst.

Nachdem wir uns dann intern in der Redaktion besprochen haben und die erste Aufregung abgeklungen ist, kann ich das alles pragmatischer sehen. Ich muss jetzt gewisse Schritte gehen und das ist eine Realität, mit der ich mich arrangieren muss. Der Stress bleibt aber.

Du willst weiterhin Videos moderieren und veröffentlichen. Warum ist es dir wichtig, weiterzumachen? 

Ich liebe diese Arbeit und ich werde mich nicht von irgendwelchen Bots und Menschen, die nichts Besseres zu tun haben, davon abhalten lassen. Ich stehe über dem, was sie über mich schreiben – was ja übrigens nicht mal kreativ ist – und würde es ihnen nicht gönnen, mich von einer Plattform zu mobben. Die können sich an mir gerne die Finger wund kommentieren.

Außerdem ist es gerade jetzt, wo zum einen queere Menschen und zum anderen die freie Presse so bedroht sind, so wichtig, sich nicht unterkriegen zu lassen. Als Journalistin habe ich das Recht zu berichten und als Mensch frei zu leben.

Wie kann Veränderung aussehen?

Was muss sich deiner Meinung nach in der Journalismus-Bubble bzw. in Redaktionen verändern, um Queerfeindlichkeit keine Chance zu geben?

Nicht nur Personen aus marginalisierten Gruppen, sondern auch Journalisten erleben zunehmend Hass und Hetze – ich bin beides und deshalb ein leichteres Opfer. Der Journalismus muss sich aber darauf vorbereiten, dass so was häufiger wird. Das bedeutet, Redaktionen müssen sich über Anlaufstellen informieren und wissen, wie man richtig reagiert. Dazu gehört auch: Wie und wann schaltet man die Polizei ein, wie speichert man die „Beweise“ rechtssicher?

Wenn es dann zu solchen Vorfällen kommt, ist es wichtig, hinter den Betroffenen zu stehen. Wir müssen wissen, dass unsere Teams uns nicht im Stich lassen, wenn es ungemütlich wird. Queere Journalistinnen sollen sichtbar sein – sofern sie das als Einzelpersonen wollen. Queere Menschen in der Öffentlichkeit wirken zu lassen, zeigt allen, dass es normal ist, queer zu sein.

Was muss sich auf Social-Media-Plattformen verändern? 

Die Plattformen müssen es in erster Linie einfacher machen, nachzuverfolgen, wer wann was kommentiert hat. Teilweise sind diese Kommentare nämlich strafrechtlich relevant – sie können aber nur angezeigt werden, wenn man die entsprechenden genauen Veröffentlichungsdaten hat. Die sind oft aber nicht zu sehen, was es schwierig macht, dagegen vorzugehen. Außerdem muss viel härter bei Bots durchgegriffen werden. Es darf nicht angehen, dass all diese Fake-Accounts aktiviert und so eingesetzt werden können.

Mit Unterstützung geht es weiter

Gibt es etwas Positives, das du aus dieser Erfahrung ziehst?

Der persönliche Rückhalt und die Sensibilität für das Thema haben mich in der Redaktion, in meinem persönlichen Umfeld und bei Beratungsstellen sehr erleichtert. Viele Menschen tolerieren Hass und Hetze nicht. Kategorisch. Das sieht man auch hier und da in den Kommentaren. Die fremdenfeindliche Minderheit quakt bloß am lautesten.

Was würdest du anderen queeren Menschen oder Medienschaffenden raten, die Ähnliches erleben?

Wenn möglich, nehmt erstmal Abstand. Damit meine ich nicht, dass man weniger präsent sein sollte. Ganz im Gegenteil – aber obsessiv die Kommentare zu checken, bringt einem nichts außer Stress. Sucht Rückhalt bei Freundinnen, Kollegen und Spezialistinnen. Es gibt da draußen viele Menschen, die euch gerne helfen. Und dann geht dagegen vor: Erfasst, meldet oder zeigt an. Was die beste Option ist, können euch die Experten sagen.

Gibt es etwas, das du anderen mitgeben willst – einen Gedanken, ein Gefühl oder eine Botschaft?

Verliert euch nicht in irgendwelchen Kommentarspalten. Euch kann, will und wird immer jemand helfen, wenn ihr danach fragt.

Und wer mich unbedingt beleidigen muss, sollte sich wenigstens was Originelles überlegen; diese Kommentare waren peinlich, simpel und nicht unterhaltsam.

Beratungsstellen

Es gibt einige Beratungs- und Anlaufstellen, die Betroffene von Hasskriminalität unterstützen. Empower ist eine Hamburger Beratungsstelle, die Betroffene berät und Hasskriminalität statistisch erfasst.
HateAid unterstützt Betroffene auf rechtlicher Ebene.
Die Neuen deutschen Medienmacher:innen setzen sich für mehr Vielfalt und gegen Hass im Journalismus ein.

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