Drogen, Knast und Autodiebstahl: Wie zwei Crash-Kids die Kurve bekamen
Ingo und Michaela gehörten zu den Crash-Kids, damals in den 90ern, als Paar und Teenie-Eltern. Treffpunkt: Hauptbahnhof. Hobby: Opel klauen. Endstation: Haft und Abhängigkeit. Eine Spritztour durch das Leben, das beide hinter sich ließen.
Ingo sitzt am Steuer, die linke Hand locker am Lenkrad, die rechte auf der Mittelkonsole. Seine Bomberjacke lässt die breiten Schultern noch breiter wirken, am Ärmel baumelt der charakteristische Reißverschluss. Genau in diesem Outfit knackte er in den 1990ern Hunderte Opel. Der HSV-Würfel am Rückspiegel pendelt hin und her, als Ingo (Name geändert) vorsichtig ausparkt.
„Die stehen hier schon wie die Geier“, sagt der 49-Jährige über die wartenden Autofahrer und beschleunigt. Alles regelkonform, nicht wie früher, als er als Crash-Kid durch Hamburg heizte.
Bahnhof als Zuhause, Autoklauen als Zeitvertreib: „Das war der Kick!“
Neben ihm sitzt Michaela (46, Name geändert), eine zierliche Frau, das schmale Gesicht von zwei blonden Strähnen eingerahmt.
Als Teenager waren sie ein Paar, wurden Eltern – und verloren sich dann aus den Augen, bis sie sich im Sommer nach 30 Jahren wiederfanden. Kennengelernt haben sie sich 1992 am Hauptbahnhof. Zwei Schulfreunde stellten den beiden die anderen Crash-Kids vor. Sie waren sofort unzertrennlich.
„Weißt du noch, wie wir mit den geklauten Opels vor der alten Wache geparkt haben?“, fragt Michaela Ingo mit kratziger Stimme, als sie am Heidi-Kabel-Platz ankommen, und zeigt auf die gegenüberliegende Seite der Kirchenallee. „Dann haben wir gehupt und sind weggefahren, als die Polizisten herauskamen“, erinnert sie sich und lacht laut und kehlig, Ingo stimmt mit ein.
An dem U-Bahn-Aufgang hinter ihnen trafen sie sich täglich mit den anderen. Nachts fuhren sie in geklauten Opels durch die Stadt – die Modelle waren besonders schlecht gesichert. „Das war der Kick!“, sagt Michaela.
Alle hatten familiäre Probleme. Am Anfang gab es noch Vermisstenanzeigen, wenn sie tagelang unterwegs waren. Irgendwann hörte beides auf: die Anzeigen, das Vermissen. Die Jugendlichen wurden zu einer eigenen Familie, der Bahnhof zu Treffpunkt, Spielplatz und Zuhause.
Sie wuchsen ohne Familie auf – und gründeten eine eigene
Die Fahrt geht weiter, zu dem Heim, in dem sie sich von den nächtlichen Abenteuern ausruhten. „Krass“, „ist das krass“, wiederholt Michaela immer wieder, als sie vor dem Rauhen Haus parken. Die beiden waren das einzige Paar mit gemeinsamem Zimmer. Jeder hatte einen Betreuer „der Dicke, der aussah wie Bud Spencer“, und „Marina“. An die Regeln hielten sie sich trotzdem nie, gibt Ingo zu, „aber wir waren immer lieb und nett dabei. Da gab es hier ganz andere.“ 1993 organisierten ihre Betreuer dann eine eigene Wohnung für die beiden.
Das Apartment an der Kattunbleiche ist nur wenige Minuten entfernt, Autos parken entlang der schmalen Straße. „Früher war hier manchmal alles voll, nur mit geklauten Wagen“, erzählt Ingo beim Aussteigen. Sein Blick bleibt an einem kleinen Erdgeschossfenster hängen. Dahinter die 30 möblierten Quadratmeter, die Ingo und Michaela sich erst zu zweit teilten, dann zu dritt.
Mit 14 wurde Michaela schwanger, „wir haben uns gefreut“, erinnert sie sich. Aber dann musste sie mit dem Kind zu einer Pflegemutter, ohne Ingo. Nach drei Monaten wurde Michaela der Sohn weggenommen. Ihre Oma bekam schließlich das Sorgerecht. „Er hätte keine bessere Kindheit haben können“, sagt Michaela, „aber seine Eltern haben ihm natürlich gefehlt.“
Auch heute haben beide keinen Kontakt zu ihrem Sohn. Es gehe ihm aber gut, versichert Michaela. „Wir waren doch selbst noch Kinder.“ Kinder, die sich nicht vorstellen konnten, jemals vom Hauptbahnhof wegzukommen. Die niemals wegwollten.
Drogen und Gefängnis: Der ewige Kreislauf der Crash-Kids
Ingos Mutter zeigte ihm damals den Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, um ihn abzuschrecken. Doch er fand es cool. Nicht die Drogen – das Leben der Kinder. Und irgendwann dann auch die Drogen. Viele Crash-Kids rutschen in die Beschaffungskriminalität, auch Ingo und Michaela: Jugendknast, Hauptbahnhof, Jugendknast …
Ein ewiger Kreislauf. Bis 1997, als Ronald Schill, der „Richter Gnadenlos“, Ingo zu vier Jahren Gefängnis verurteilte. „Der Knast hat mein Leben gerettet“, sagt er. Als er rauskommt, tauscht er Hauptbahnhof, Drogen und Crash-Kids gegen eine eigene Wohnung, einen festen Job, Frau und Kinder. Heute arbeitet er in einem Transportunternehmen.
Michaela lebt währenddessen am Hauptbahnhof, vor dem „Drob Inn“, in der Sucht gefangen. Ihr heutiger Ehemann, damals ebenfalls abhängig, organisierte ihnen 2010 einen Platz in einer Entzugsklinik. Seitdem ist auch sie clean, arbeitet im Einzelhandel und streamt als „kimimaus“ täglich live auf TikTok. „Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch lebe“, sagt sie. Ihr Gesicht verschwindet unter ihrer großen Kapuze. Der Rauch ihrer Zigarette, der darunter hervorquillt, hätte auch bloßer Atem sein können, so kalt ist es.
Zwei Drittel ihrer damaligen Freunde seien immer noch regelmäßig im Knast, schätzen die beiden. Viele Crash-Kids bleiben Problemkinder. Ingo und Michaela sind erwachsen geworden.
Erinnerungen an Früher: „Ich bereu’ das alles nicht“
Es geht zurück in den Wagen. Zurück ins Warme, Geborgene. Im Sommer dieses Jahres fanden die beiden wieder zusammen. Michaela brauchte Hilfe mit einer Produktionskonsole. Ein Freund empfahl ihr Ingo, sie erkannte ihn, schrieb ihn an. „Seitdem sind wir wieder so“, sagt Michaela und überkreuzt ihre schmalen Finger.
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„Ich bereu’ das alles nicht“, sagt Ingo und gibt wieder Gas. „Ich auch nicht“, bekräftigt Michaela. „Aber ich bin froh, dass wir den Absprung geschafft haben.“ Die erste gemeinsame Wohnung verschwindet im Rückspiegel. Erinnerungen an ein altes Leben, von dem nichts geblieben ist – außer dem Menschen auf dem Beifahrersitz.