Dritte große Demo gegen rechts in Hamburg: „Wir sind eine Bewegung!“

Verkleidet als Rattenfänger: Martin Hamborg (65, l.) aus Poppenbüttel und Kalle Stolz (67) aus Sasel warnen vor rechter Propaganda.
Verkleidet als Rattenfänger: Martin Hamborg (65, l.) aus Poppenbüttel und Kalle Stolz (67) aus Sasel warnen vor rechter Propaganda.

Und wieder kamen sie in Scharen: Bei der dritten Demonstration gegen Rechtsextremismus in Hamburg sind am Sonntag nach Angaben von Veranstalter und Polizei 50.000 bis 60.000 Menschen auf die Straße gegangen. Für viele war das ein Zeichen: Aus Sicht vieler Teilnehmer handelt es sich bei den deutschlandweiten Manifestationen längst um eine Bewegung. Eine Bewegung im Kampf um die Demokratie. Doch was treibt die Menschen genau an? Die MOPO hat mit vielen Teilnehmern gesprochen.

Martin Hamborg hat seine Querflöte mitgebracht. Der 65-Jährige aus Poppenbüttel hat sich als Rattenfänger von Hameln verkleidet. Und das steht auch auf dem Schild, das Hamborg vor dem Bauch trägt: „Rattenfänger kennen wir! Bleib Mensch – nie wieder Ratte.“

Hamburg: Demonstrant verkleidet sich als Rattenfänger

Neben ihm geht sein Freund, der Lehrer Kalle Stolz (67) aus Sasel, der zu Hamborgs Flötenmelodie auf die Trommel schlägt. Die beiden Männer wollen warnen: vor der Propaganda der Rechten. Vor der Verführung durch einfache Parolen.

„Wir erleben eine kritische Zeit“, sagt Hamborg. Der Rechtsruck mache ihm große Sorgen. Umso wichtiger seien die vielen Demonstrationen während der vergangenen Wochen. „Dieser Aufbruch muss weiter getragen werden, und dazu möchte ich meinen Beitrag leisten.“

Die Band Deichkind
„Wir wollen keine Nazis“: Die Band Deichkind trat am Sonntag bei der Demo gegen rechts in Hamburg auf.

Auf der Bühne an der Ecke Grindelallee/Bundesstraße, wo die Demo um 13 Uhr mit einer Kundgebung beginnt, tritt ein Sprecher der Bürgerbewegung „Campact“ ans Mikrofon. Er bedankt sich für die erneut starke Teilnahme und ist – ähnlich wie Martin Hamborg – berührt davon, dass die Menschen überall in Deutschland auf die Straße gehen.

Sprecher der Organisation „Campact“: „Wir sind eine Bewegung!“

„Was mich besonders bewegt hat, sind die Bilder von den Demos in Bautzen, Pirna oder Zwickau“, so der Redner. Dort habe die AfD schon viel Boden gewonnen. Dass dort dennoch so viele Bürger den Mut fänden, aufzustehen, sei ein deutliches Signal. „Wir sind eine Bewegung! Wir sorgen dafür, dass die AfD in den Umfragen an Zustimmung verliert“, ruft der „Campact“-Mann. Und die Menge applaudiert.

Viele Schilder und Plakate transportieren ähnliche Botschaften. „Wir sind die Brandmauer!“, „Faschisten sind keine Alternative“ oder „Rote Karte für die AfD“. Auch die Band Deichkind, die am Mittag mit antifaschistischen Songs auf die Bühne tritt, erhält dafür großen Applaus.

„Wir wollen keine Nazis und keine AfD“, singt Sänger Philipp Grütering. Und als er und seine Musiker die Bühne wieder verlassen, befeuert er die Menge mit den Worten: „Es geht weiter! Das hier ist erst der Anfang!“

Erzieher aus Wilhelmsburg: „Die anderen Parteien dürfen die Positionen der AfD nicht übernehmen!“

Rentner Konrad Singer (73) aus Ohlsdorf betont, dass es ihm nicht nur um die AfD gehe. „Solange die anderen Parteien das Thema Flüchtlinge ins Zentrum stellen, statt sich ums Klima zu kümmern, machen sie eine Politik, die die Rechten stützt.“

Er und seine Frau Andrea Turban (67) wollten „demonstrieren, bis der Antifaschismus glaubwürdig wird“. Hoffnung macht dem Ehepaar, dass so viele junge Menschen an der Demo teilnehmen. „Dass wir hier alle zusammen stehen, Jung und Alt, lässt hoffen für die Demokratie.“

Drei Teilnehmer der Demo gegen Rechts in Hamburg.
Solidarität mit Migranten: Erzieher Philip Pohl (32) mit Lehrerin Annalisa Wiechmann (27) und Studentin Katharina Wiechmann (26) aus Wilhelmsburg.

Der Erzieher Philip Pohl (32) aus Wilhelmsburg ist einer dieser jungen Menschen, die Singer meint. Und er drückt es ganz ähnlich aus: „Wir sind hier, damit die anderen Parteien verstehen, dass sie die Positionen der AfD wie beim Thema Migration nicht übernehmen dürfen.“

Seine Freundin Annaliesa Wiechmann (27), Lehrerin aus Wilhelmsburg, ergänzt: „Mir ist es auch wichtig ein Zeichen der Solidarität zu setzen“, sagt Wiechmann. Geflüchtete oder Menschen mit Migrationshintergrund sollten spüren, dass ein Großteil der Gesellschaft anders tickt als die Rechten.

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Und die 84-jährige Rentnerin Astrid Schmidt aus Niendorf warnt: „Mein Vater war ein glühender Nazi. Ich habe seine Tagebücher gelesen. Das darf nie wieder passieren. Deshalb müssen wir noch oft gegen diesen Rechtsruck demonstrieren gehen!“