Digitale S-Bahn: Hamburgs Milliarden-Projekt für Pünktlichkeit in der Warteschleife

Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) bei der Präsentation der digitalen S-Bahn im Jahr 2021.
Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) bei der Präsentation der digitalen S-Bahn im Jahr 2021.

Mehr Züge und eine höhere Pünktlichkeit sind das Ziel von Deutscher Bahn und Stadt Hamburg. Grundlage dafür soll die Digitalisierung des S-Bahn-Betriebs sein – eine milliardenschwere Mammutaufgabe. 2021 wurden die ersten vier digitalen S-Bahn-Züge vorgestellt, eine Erweiterung der Flotte ist seither nicht erfolgt. Das Vorhaben liegt zudem nicht mehr im ursprünglichen Zeitplan. Auch bei der neuen Linie S4 gibt es Verzögerungen.

Als im Oktober 2021 die ITS, die weltweit größte Messe für digitale Mobilität, zu Gast in Hamburg war, platzten Bürgermeister Tschentscher (SPD) und Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) vor Stolz: Die erste digitale S-Bahn fuhr ihre Jungfernfahrt erfolgreich von der Haltestelle Berliner Tor bis nach Bergedorf. Ein Fahrer war weiterhin an Bord, griff jedoch kaum in die Steuerung ein. Beschleunigen, Bremsen und Türsteuerung übernahm weitgehend das System.

Im Jahr 2021 wurde die autonome S-Bahn vorgestellt

Knapp ein Jahr später wurde bekannt, dass vier dieser Züge im Regelbetrieb auf der Linie S2 zwischen Berliner Tor und Bergedorf eingesetzt werden. Dieser Stand gilt weiterhin, obwohl ursprünglich eine umfassendere Umrüstung vorgesehen war. Das bestätigte eine Bahnsprecherin auf Nachfrage. Zuvor hatte „Nahverkehr Hamburg“ berichtet.

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) bei der Premierenfahrt der digitalen S-Bahn im Jahr 2021. Der Computer fährt seit 2022 im Testbetrieb selbstständig von Berliner Tor bis Bergedorf.
Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) bei der Premierenfahrt der digitalen S-Bahn im Jahr 2021. Der Computer fährt seit 2022 im Testbetrieb selbstständig von Berliner Tor bis Bergedorf.

Ursprünglich sollten bis 2029 alle 194 S-Bahn-Züge digital umgerüstet sein. Dieser Zeitplan wurde inzwischen auf Ende 2030 verschoben. Auch dieses Ziel gilt als ambitioniert, da die Umrüstung technisch komplexer ist als zunächst angenommen.

Für jede S-Bahn-Bauserie muss ein Musterfahrzeug erstellt werden

Die Hamburger S-Bahn-Flotte besteht aus drei unterschiedlichen Bauserien. Für jede Serie muss zunächst ein eigenes Musterfahrzeug entwickelt werden, das als Grundlage für die Umrüstung der übrigen Fahrzeuge dient. Dafür sind umfangreiche Tests, Nachweise und Zulassungsverfahren erforderlich. Ein zusätzlicher Faktor ist, dass die vier bereits eingesetzten S2-Züge nicht als Musterfahrzeuge genutzt werden konnten, da sie für die ITS-Testphase eine Sondergenehmigung erhalten hatten. Nach Angaben der Bahn soll die Flotte bis 2030 vollständig umgerüstet sein.

Für einen automatisierten Betrieb reicht die Technik in den Fahrzeugen allein nicht aus. Auch die Strecken müssen entsprechend ausgerüstet werden. Der Abschnitt zwischen Berliner Tor und Aumühle ist seit 2021 entsprechend ausgestattet. Als nächster Schritt folgt die Strecke zwischen Elbbrücken und Neugraben, die zu den störanfälligeren Abschnitten im S-Bahn-Netz zählt. Nach Abschluss der Arbeiten soll dort neben der S3 und S5 auch die geplante S6 verkehren.

Die digitalisierte Strecke nach Neugraben samt neuem Stellwerk soll voraussichtlich 2029 fertig werden. Problem: Diese kann ab dann auch nur noch von entsprechend digitalisierten Zügen befahren werden – welche aber laut den Plänen ja erst Ende 2030 fertig werden. Keine Sorge, heißt es von der Bahn. Bereits jetzt habe man dafür 64 fabrikneue, bereits von Anfang an digitalisierte Fahrzeuge bestellt, die noch in diesem Jahr geliefert werden sollen.

Neue S-Bahn-Line S4 wird zunächst nicht digital fahren

Die 64 neuen Fahrzeuge waren ursprünglich für die neue S-Bahn-Linie S4 vorgesehen, die künftig zwischen Altona und Bad Oldesloe verkehren soll. Die Bauarbeiten laufen bereits, ursprünglich war eine Eröffnung des Abschnitts Altona–Rahlstedt für 2027 vorgesehen. Aufgrund der verschobenen Generalsanierung der Strecke Hamburg–Lübeck wird dieser Zeitplan derzeit überprüft. Nach aktuellem Stand wird die S4 zunächst nicht digital betrieben, die Strecke soll jedoch entsprechend vorbereitet werden.

Und dann ist da ja auch noch das geplante digitale Stellwerk am Hauptbahnhof, das einmal stark befahrene Abschnitte wie den City-Tunnel zwischen Jungfernstieg und Altona steuern soll. Kostenpunkt: etwa 200 bis 300 Millionen Euro. Weil das Bundesfinanzministerium Planungsmittel in Höhe von 20 Millionen Euro erst Ende 2024 freigab, wurde das Projekt um ein ganzes Jahr zurückgeworfen. Schuld daran war laut Senator Tjarks der damalige Finanzminister Christian Lindner (FDP). Erst Ende 2030 soll das Stellwerk jetzt in Betrieb gehen – wenn dann hoffentlich auch alle Fahrzeuge umgerüstet wurden.

Was wird aus dem Versprechen der digitalen S-Bahn in Hamburg?

Hamburgs digitale S-Bahn soll also kommen: zuverlässiger, dichter getaktet, moderner. Nur eben nicht so bald, nicht so einfach und offenbar auch nicht ganz so planbar, wie es bei der großen Präsentation im Jahr 2021 klang. Bislang fährt die Zukunft auf vier Zügen zwischen Berliner Tor und Aumühle hin und her – der Rest steckt in Zulassungen, Musterfahrzeugen, Stellwerken, Finanzierungsfragen und verschobenen Zeitplänen fest. Es bleibt die Hoffnung, dass aus den vielen Versprechen irgendwann tatsächlich ein besserer Betrieb wird. Bis dahin müssen die Fahrgäste das weitermachen, was sie nur allzu häufig tun: warten.

Mehr Züge und eine höhere Pünktlichkeit sind das Ziel von Deutscher Bahn und Stadt Hamburg. Grundlage dafür soll die Digitalisierung des S-Bahn-Betriebs sein – eine milliardenschwere Mammutaufgabe. 2021 wurden die ersten vier digitalen S-Bahn-Züge vorgestellt, eine Erweiterung der Flotte ist seither nicht erfolgt. Das Vorhaben liegt zudem nicht mehr im ursprünglichen Zeitplan. Auch bei der neuen Linie S4 gibt es Verzögerungen.