Hamburg

Dieser Mann hat Spaghetti-Eis erfunden – das in Italien niemand kennt

Eismann macht Spaghetti-Eis
Dario Fontanella (72), Erfinder des Spaghetti-Eises und Eis-Fanatiker.

Nudelförmiges Vanille-Eis mit roter Soße und Schoko-Parmesan – was für eine deutsche Idee, findet unsere italienische Autorin. Bevor sie es zum ersten Mal probiert, will sie unbedingt noch den Erfinder kennenlernen.

Ich sitze dem Ding gegenüber und schaue es skeptisch an. Es hat seine Gründe, dass sich unsere Wege bisher nicht gekreuzt haben. Um uns herum ist es ruhig, nur wenige Gäste sitzen auf der Terrasse des Eiscafés. Sie ahnen nicht, dass ich kurz davor bin, einen historischen Moment zu erleben, zumindest für mich. Heute esse ich mein erstes Spaghetti-Eis.

Wie? Du hast noch nie Spaghetti-Eis gegessen? Die Frage hat mir immer Spaß gemacht. Wie meine deutschen Freunde mich angucken, zwischen Überraschung und Schock. Denn ja: Spaghetti-Eis gab es in meiner Heimat schlicht nicht, bis heute. Das schockiert meine Freunde dann noch mehr. Wie? Habt ihr in Italien kein Spaghetti-Eis? Im Land von Pasta und Gelato?

Ein bizarres Dessert, das es in Italien nicht gibt

Sommer ohne Spaghetti-Eis können sich viele in Deutschland kaum vorstellen. Schätzungsweise 25 Millionen Portionen werden hierzulande jedes Jahr gelöffelt. Da gerät das Weltbild ins Wanken, wenn sie hören, dass es dieses bizarre Dessert jenseits der deutschen Grenzen nicht gibt. Gut, irgendwo in den Niederlanden oder am Gardasee vielleicht, um deutsche Urlauber zu beglücken.

Ich hingegen bin erstaunt, wie beliebt Spaghetti-Eis hier ist. Als wäre es die letzte Bastion nationaler Einheit: Kinder und Senioren bestellen Spaghetti-Eis, Queers und Gender-Gegner, AfD-Wähler und Klimaaktivisten. Ich nicht. Bis zu diesem Sommer. Ich wage einen Versuch der kulturellen Verständigung.

Seit etwa sechs Jahren lebe ich in Hamburg und weigere mich, das Eis zu essen. Schon der Name macht mich misstrauisch: Spaghetti-Eis. Was haben Nudeln mit Eis zu tun? Und dann auch noch Vanilleeis! Pistazie, Schokolade, das sind tolle Eissorten, aber Vanille? Vanille ist okay. Wollen die Deutschen nur okay sein? Warum lieben sie Spaghetti-Eis?

Dieser Mann hat Spaghetti-Eis erfunden

Ein Mann muss es wissen. Der Erfinder. Dario Fontanella (72), aufgewachsen in Mannheim, hatte mit 17 Jahren die Idee, Vanilleeis durch ein Press-Sieb zu drücken. Er macht das bis heute mit Leidenschaft.

Das Spaghetti-Eis wurde in Deutschland erfunden, von einem Italiener. Es ist so etwas wie der kleine Bruder des Döners. Weniger prominent, aber nicht weniger beliebt. Süß eben.

Hellblaues Hemd, grüne Krawatte, Dario Fontanella sitzt an einem Sommernachmittag im Wohnzimmer seiner Wohnung in Mannheim. Per Videocall erklärt er mir, dass er sich zu 100 Prozent als Italiener fühle, auch wenn er als Sohn einer deutschen Mutter in Mannheim geboren wurde. Und sein Eis sei natürlich auch 100 Prozent italienisch! Fontanellas Begeisterung für Eis grenzt an eine Obsession. In seinen eigenen Worten: „Ich bin mein Eis, mein Eis bin ich.“

Erstes Spaghetti-Eis wurde 1969 vertilgt

Es war im Frühjahr 1969, und Dario Fontanella war damals 17 Jahre alt. Heute ist er 72 und hat die Geschichte seiner Erfindung schon Hunderte Male erzählt, sagt er. Wollen Sie sie mir auch erzählen, Signor Fontanella?

Es folgt eine Rede von 21 Minuten und 29 Sekunden, in der es mir gerade noch gelingt, zwei Fragen zu stellen, insgesamt neun Sekunden lang. Der Rest ist eine detaillierte Zeitreise in die Welt der Gelatai des 19. Jahrhunderts, in die Realität der Arbeitsmigranten aus Norditalien, in die Aufregung eines Jungen, der glaubt, eine geniale Idee gehabt zu haben.

Mit vielleicht etwas weniger Genialität, hier eine Kurzversion: Inspiriert vom Dessert Mont Blanc, bei dem eine Paste aus Esskastanien durch eine Kartoffelpresse gedrückt wird, macht der 17-jährige Fontanella das Gleiche mit Eis in der Eisdiele seines Vaters in Mannheim. Nach ein paar Versuchen gelingt es ihm, einen Berg Vanilleeis-Spaghetti herzustellen.

Ein Mitarbeiter der Eisdiele hat eine Erdbeersauce vorbereitet, die Fontanella kurzerhand über die Eisspaghetti kippt. Weil gerade Osterzeit ist, schnappt er sich ein Schokoladenei und raspelt es über sein Erzeugnis. Nach Überzeugungsarbeit gegenüber dem Vater darf der junge Fontanella auf die Karte des Eiscafés schreiben: „Neu! Spaghetti-Eis, 1,80 Mark“.

Die Sahne kam erst später hinzu

Und die Sahne? Die kommt erst später. Fontanella hatte sie aus ästhetischen Gründen unter dem Eis versteckt und fürchtete, die gefrorene Konsistenz würde den Kunden nicht schmecken. Doch das Spaghetti-Eis verkauft sich schnell, immer mehr, immer besser. Aber warum?

Die klassische Geschmackskombination, die Form sei interessant fürs Auge und das Eis an sich leicht zu essen, wegen der Luft zwischen den Spaghetti, sagt Fontanella. Und der Name: „Wenn ein Kunde Spaghetti-Eis bestellt, klingt das fast wie Urlaub“, sagt er.

Das Gespräch dauert schon über eine Stunde, eine Eislektion nur für mich, als ich Fontanella verrate, dass ich noch nie Spaghetti-Eis probiert habe. Er steckt es elegant weg, stellt keine Gegenfrage. Glück gehabt. So kann ich meine letzte Frage stellen: Wo kann ich in Hamburg am besten Spaghetti-Eis probieren?

Mein Selbstversuch in Rotherbaum

An einem Sonntag, kurz nach Mittag, schließe ich mein Fahrrad vor der Eisdiele „La Veneziana“ im Hamburger Stadtteil Rotherbaum ab. Die Sonne scheint zwischen den Wolken, meine Handy-App zeigt 18 Grad an: ein perfekter norddeutscher Sommertag. Passend zum Anlass habe ich ein T-Shirt mit der Aufschrift „sole, spritz, spaghetti, repeat“ angezogen und zwei gute Freundinnen herbestellt. Beistand.

Autorin mit Spaghetti-Eis
MOPO-Autorin Anna Dotti gibt bei „La Veneziana“ einem Spaghetti-Eis eine Chance.

Die Empfehlung für den Laden hat Fontanella aus seinem Bekanntenkreis, er selbst kennt sich in Hamburg nicht aus. Auch die Hobbygastronomen auf Google geben „La Veneziana“ eine gute Bewertung, 4,6 Sterne. „Für mich ein Spaghetti-Eis“, sage ich dem Kellner, zum ersten Mal. „Und einen Espresso, bitte.“

Als ich das Eis vor mir sehe, wird mir sofort klar: Ich hätte die Kinderportion bestellen sollen. 7,90 Euro, das Eisgericht hat die Größe einer Mahlzeit. Das Aussehen gefällt mir nicht, die Spaghetti könnten auch Würmer sein. Aber ein Zurück ist keine Option. Es ist so weit. Ich nehme den Löffel und fange an, von unten nach oben.

Die Sahne! Das ist wirklich eine schöne Überraschung. Ich mag die Konsistenz und vor allem, dass sie mir hilft, das ganze Zeug runterzuschlucken. Es ist extrem süß. Auf die weiße Schokolade könnte ich verzichten. Ich bin eher der salzige Typ. Aber ich bin auch stur und schaufle weiter.

Es wird wohl das einzige Spaghetti-Eis meines Lebens bleiben

Nach einer halben Stunde liegt kein Spaghetti-Eis mehr vor mir. Auf meinem Teller schwimmt eine weiß-rosa Flüssigkeit. Ich habe die Hälfte geschafft. Es wird wohl das einzige Spaghetti-Eis meines Lebens bleiben. Mein Versuch der kulturellen Verständigung hat nicht ganz geklappt. Am Ende teile ich die nationale Begeisterung immer noch nicht. Aber immerhin habe ich jetzt das Gefühl, zu wissen, worum es geht.

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Die Leute lieben Eis. Eis kommt aus Italien. Die Leute lieben Italien. Was gibt es also Besseres als eine überproportional große Menge Eis mit einem italienischen Namen und einer witzigen Form? Dann ist es auch egal, dass es durchschnittlich ist. Dass es langweilig schmeckt. Denn am Ende zählt doch dies: der deutsche Pragmatismus.

Nudelförmiges Vanille-Eis mit roter Soße und Schoko-Parmesan – was für eine deutsche Idee, findet unsere italienische Autorin. Bevor sie es zum ersten Mal probiert, will sie unbedingt noch den Erfinder kennenlernen.

Ich sitze dem Ding gegenüber und schaue es skeptisch an. Es hat seine Gründe, dass sich unsere Wege bisher nicht gekreuzt haben. Um uns herum ist es ruhig, nur wenige Gäste sitzen auf der Terrasse des Eiscafés. Sie ahnen nicht, dass ich kurz davor bin, einen historischen Moment zu erleben, zumindest für mich. Heute esse ich mein erstes Spaghetti-Eis.