Diese Hamburgerin erkennt jeden Lügner – das sind ihre Tricks

Rizzo
Sabrina Rizzo durchschaut sofort, wie ein Mensch tickt.

Diese Frau anzulügen? Ihr ein X für ein U vorzumachen? Sinnlos. Sie sieht sofort, dass Sie schwindeln. Nein, keine Magie. Das ist Wissenschaft! Wie das alles funktioniert, darüber hat die 49-jährige Hamburgerin, die als Verhaltensexpertin manchmal auch der Polizei hilft, Verbrechen aufzuklären, jetzt ein Buch geschrieben. Auch im Alltag lässt sich ihre Methode anwenden. Wer das „Rizzo Konzept“ gelesen hat, weiß zum Beispiel ganz genau, ob sein Weihnachtsgeschenk wirklich gefällt oder ob der Beschenkte nur so tut, als ob.

Sabrina Rizzo hat eine ganz außergewöhnliche Profession. Sie ist Menschenleserin. Sie liest in den Gesichtern. Und sie bemerkt sofort, ob die Körperhaltung übereinstimmt mit dem Gesagten. Rizzo erkennt auf den ersten Blick, wie ein Mensch tickt und wie er sich in bestimmten Situationen verhalten wird.

Rizzo
Sie ist die Lügendetektor-Frau: die 49-jährige Hamburgerin Sabrina Rizzo ist Verhaltensexpertin und spezialisiert darauf, die Gesichter der Menschen zu lesen

Vor allem auf die nonverbalen Signale konzentriert sie sich. „Unser Emotionszentrum arbeitet schneller als das Schaltzentrum im Großhirn“, sagt sie im Gespräch mit der MOPO. „Auch wenn wir uns noch so sehr bemühen, ein Gefühl zu verbergen, ist es doch bis zu 500 Millisekunden sichtbar. So lange kann einem die Wahrheit ins Gesicht geschrieben stehen“, sagt sie, „ob man will oder nicht.“

Auf die erste halbe Sekunde kommt es da: Da steht jedem die Wahrheit ins Gesicht geschrieben

Deshalb: „Wer wissen will, was sein Gegenüber wirklich denkt, der muss ihm aufmerksam ins Gesicht schauen.“ Nehmen wir zum Beispiel das Weihnachtsgeschenk. Wie Sie feststellen, ob es wirklich ankommt? „Gucken Sie dem Beschenkten nicht dabei zu, wie er es auspackt, nicht auf seine Hände. Schauen Sie in sein Gesicht!“

Der Beschenkte wird seine Enttäuschung zu überspielen versuchen, lächeln und sich bedanken. „Die Wahrheit zeigt sich in der ersten halben Sekunde, nachdem das Geschenk ausgepackt ist. Zieht er da die Augenbrauen hoch, heißt das: Er hat mit dem Geschenk nicht gerechnet, was noch nichts darüber aussagt, ob es ihm auch gefällt. Zieht er die beiden Muskeln rechts und links der Nase kurz hoch, bedeutet das: Nein, mag ich nicht. Zieht er die Mundwinkel runter, heißt das: Wie bringe ich dem anderen jetzt bei, dass ich enttäuscht bin oder das Geschenk schon habe?“

Wie man bei Freude wirklich aussieht

Und wie sieht Freude aus? „Frauen, die tief berührt sind und sich über etwas ganz besonders freuen, ziehen die Augenbrauen ganz kurz zusammen. „Sie haben für einen Moment einen traurigen Gesichtsausdruck. Klingt widersprüchlich, aber Trauer und Freude liegen ganz nah beieinander. Deshalb sprechen wir ja auch von Freudentränen.“

Die Mikroexpressionen, von denen Sabrina Rizzo hier spricht, wurden in den 60er Jahren zuerst von den US-amerikanischen Wissenschaftlern Ernest A. Haggard und Kenneth S. Isaacs beschrieben. Daraus hat der US-Psychologe Paul Ekmann eine Gesichtsausdrucksanalyse entwickelt, auf der auch Rizzos Methode basiert.

Etwa 20 Jahre sei es her, dass sie damit begonnen habe, im Selbststudium die nonverbale Kommunikation der Menschen zu erlernen, erzählt sie. Heute werden ihre Dienste immer wieder auch von der Polizei in Anspruch genommen. Sie sitzt dann hinter einer verspiegelten Glaswand und scannt die Aussagen eines Verdächtigen auf ihren Wahrheitsgehalt. Was der 49-Jährigen dabei auffällt, gibt sie sofort an die vernehmenden Kriminalbeamten weiter, die dann ihre Gesprächstaktik anpassen.

„Ich kann Menschen lesen, sehe sofort, welche Traumata jemand erlebt hat“

„Vor solchen Einsätzen studiere ich den Täter ganz genau“, sagt Sabrina Rizzo. „Manchmal habe ich auch nur ein Foto zur Verfügung. Daran erkenne ich, wie der Mensch tickt und wo seine Defizite liegen.“ Sie nennt ihre Herangehensweise das „Rizzo Konzept“. Dazu gehören vier Bausteine: Emotionen sehen, Manipulationen wahrnehmen, Fragetechniken beherrschen und Lüge von Wahrheit unterscheiden.

Rizzo sagt: „Ich sehe sehr schnell, welche Traumata ein Mensch erlebt hat und welche Probleme daraus im Hier und Heute resultieren. Wenn ein Täter beispielsweise in der Kindheit Probleme mit seinem Vater hatte, wird er als Erwachsener stets nach Anerkennung suchen. Dann schlüpfen wir bei der Vernehmung in die Rolle einer Autoritätsperson und geben ihm stellvertretend die Anerkennung, die er früher nicht bekommen hat. Dadurch füllen wir ein Defizit auf, wodurch der Verdächtige auch eher bereit ist, uns etwas zu geben.“ Im besten Fall ein Geständnis.

Einer ihrer größten Erfolge: 2018 half sie der Kripo in Thüringen dabei, einen Cold Case aufzuklären, der als „Mord an der Teufelstalbrücke“ in die Kriminalgeschichte eingegangen ist. Sabrina Rizzos Vernehmungsstrategie ging auf: Der 66-jährige Verdächtige Hans-Joachim G. gestand, 1991 die zehnjährige Stephanie Drews von der Brücke gestoßen zu haben.

„Wer lügt, zögert, denkt nach. Wer die Wahrheit spricht, antwortet prompt“

Auf die richtige Fragetechnik komme es an, um einen Tatverdächtigen zu entlarven, sagt Rizzo. Auch ein Laie könne diese Techniken anwenden. „Wenn Sie beispielsweise glauben, ein Mitarbeiter in ihrem Unternehmen hat was geklaut, dann fragen sie ihn, ob es sein kann, dass ihn jemand an dem fraglichen Schrank oder dem Schreibtisch, aus dem etwas verschwunden ist, gesehen haben kann. Dann kommt es drauf an: Ist er schuldig, zögert er, denkt nach, ruft sich den Moment ins Gedächtnis zurück. Jemand, der unschuldig ist, wird ohne zu zögern antworten und sich kein Bild vor Augen rufen müssen.“

Besonders gut funktioniere die sogenannte Überfrachtungs-Strategie: „Angenommen Sie verdächtigen Ihren Partner und möchten wissen, wo er vergangene Nacht war“, so Rizzo, „dann geben Sie ihm beim Kochen die Aufgabe, Kartoffeln zu schälen und stellen währenddessen unvermittelt ihre Frage. Wer dann das Kartoffelschälen unterbricht, sagt mit größter Wahrscheinlichkeit die Unwahrheit.“ Wieso? „Weil der Mensch für eine Lüge ganz viel Hirnkapazitäten braucht. Wer sich also eine Geschichte zurechtlegt, muss sich so sehr darauf konzentrieren, dass er unwillkürlich aufhört mit dem, was er gerade sonst noch tut. Wer dagegen die Wahrheit sagt, schafft es, gleichzeitig Kartoffeln zu schälen.“

„Lügen und gleichzeitig Kartoffeln schälen – das geht nicht“

Noch ein Trick: Im Gespräch einfach mal ein paar Sekunden verstreichen lassen, um so dem Gegenüber zu verstehen zu geben, dass Sie ihm nicht glauben. „Ein Lügner beginnt damit, Argumente nachzuschieben, die seine Lüge glaubhafter machen. Wer die Wahrheit sagt, geht zum nächsten Thema über.“

Wie Rizzo zur Verhaltensexpertin wurde? Sie lacht. Geplant habe sie das nicht. Als junge Frau machte sie zunächst einen Abschluss in Sozialpädagogik, um mit Kindern zu arbeiten. Später habe sie eine Ausbildung zur Mediendesignerin absolviert und sei dann auf Umwegen in der Sicherheitsbranche gelandet. Ihr Job war es, auf Flughäfen wie beispielsweise in München nach Menschen Ausschau zu halten, die sich verdächtig benehmen. Dabei hat die „Menschenleserin“ schnell festgestellt, dass sich Leute, die etwas schmuggeln, ganz anders verhalten als andere. „Denn die beobachten mit Vorliebe das Sicherheitspersonal.“

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Drei, vier Jahre habe sie nichts anderes getan, als am Flughafen Menschen zu lesen – dadurch wurden ihre Antennen immer feiner, ihre Fähigkeiten immer ausgeprägter. Sie machte Karriere als Dozentin für Luftsicherheit und war auch Ausbildungsleiterin beim Sicherheitskonzern „Securitas“. Dort hatte sie das Sicherheitspersonal von 16 deutschen Flughäfen, alles in allem 2200 bis 2700 Personen, unter sich. Dabei war Hamburg ihre Homebase.

Rizzo
Soeben hat Sabrina Rizzo ein Buch veröffentlicht: „Das Rizzo Konzept“ lautet der Titel.

Sabrina Rizzo: Das Rizzo-Konzept, books4success, 200 Seiten, 19,90 Euro

Vor knapp zehn Jahren machte sich Sabrina Rizzo selbstständig. Heute bietet sie Coachings für Kriminalbeamte an, die in Mordkommissionen tätig sind, und wird bei brisanten Wirtschaftsspionage- und Sabotagefällen gebucht. Renommierte Wirtschaftsunternehmen nehmen ihre Hilfe beispielsweise auch bei Verhandlungen in Anspruch. „Häufig kommt es auf kleine Details an, die man im Gespräch bei seinem Gegenüber übersehen oder nicht richtig interpretiert hat und die ein Verhandlungsgespräch nicht rund laufen lassen“, sagt Rizzo. „Zu erkennen und einordnen zu können, welche ,Denke‘ meine Gesprächspartner hat, verschafft mir in jeder Situation mehr Verhandlungssicherheit und -hebel.“