Die vergessenen Grabmale von Ohlsdorf
Der halbnackte Mann ist in Stein gehauen und sieht ein wenig aus wie Sagen-Held Siegfried. Unweit der Waldstraße auf dem Friedhof Ohlsdorf steht er mitten im Gebüsch zwischen wucherndem Rhododendron. Nur ein paar Meter weiter ruht eine Schöne aus Stein auf einem Stuhl und wirkt sehr nachdenklich. Das Szenario ist geheimnisvoll, ja unheimlich. Was hat es mit den Grabmalen auf sich?
Der „Garten der Frauen“ und das Grab Uwe Seelers sind echte Attraktionen auf dem mit fast 400 Hektar größten Parkfriedhof der Welt. Den ganzen Tag über reißt hier der Besucherstrom kaum ab. Doch nur ein paar Meter weiter befindet sich dann so etwas wie ein verwilderter Skulpturenpark abseits der gepflegten Friedhofswege. Unter dem „Helden“ aus Stein ist noch zu entziffern: „Ich muss säen, bis der Tag zu Ende ist“, doch auf vielen anderen Grabsteinen und monumentalen Grabmalen hier im Gebüsch sind die Inschriften voller Moos und nicht mehr zu entziffern.
Verwaiste Gedenksteine: Statuen werden nicht geschreddert
Um die Situation zu erklären, müssen wir etwas ausholen: Seit Einweihung 1877 sind in Ohlsdorf fast 1,5 Millionen Beisetzungen erfolgt. Doch heute befinden sich hier nur noch rund 200.000 Grabstätten. Warum das so ist, erklärt uns Friedhofssprecher Lutz Rehkopf: „Die Ruhezeit beträgt 25 Jahre. Nach Ablauf schreiben wir dreimal Briefe an Angehörige, versuchen auch über Bezirksämter Verwandte zu ermitteln.“
Führt das alles nicht zum Erfolg, dann wird die Grabstätte abgeräumt und der Grabstein geschreddert. Mit den Überresten werden Straßen und Wege auf dem Friedhof ausgebessert. Anders verhält es sich mit großen Grabmalen und Statuen. Die werden aufbewahrt und dann unter anderem auf diesem unheimlichen Areal beim Garten der Frauen abgestellt. Dort kommt es dann zu einer „kontrollierten Verwitterung“, und die Friedhofsverwaltung greift nicht ein, prüft nur die Standsicherheit der oftmals monumentalen Grabmale.
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Bei Darstellungen von Engeln dagegen besteht grundsätzlich Denkmalschutz, und diese dürfen nicht „verpflanzt“ werden. Bei aufgegebenen Grabstätten mit solchen Figuren versucht der Friedhof dann nach Ablauf der Ruhezeit, diese neu zu vergeben.