Die SAGA macht hier alles platt: Auch das Zuhause von Sigrid (81)

Sigrid Sachau (81) soll aus ihrem Häuschen im Luxweg ausziehen.
Sigrid Sachau (81) soll aus ihrem Häuschen im Luxweg ausziehen. Nach 30 Jahren.

Winzige Häuser mit großen Gärten und Jägerzaun, schmale Straßen ohne Gehweg und oberirdische Telefonleitungen – im Luxweg scheint die Zeit seit den 70er Jahren stillzustehen. Doch nun will die SAGA hier alles plattmachen und erheblich dichter bebauen. Auch das kleine taubenblaue Häuschen von Sigrid Sachau soll weichen. Nie hätte die 81-Jährige gedacht, dass sie ihr Zuhause im hohen Alter noch verlassen müsste. Nachts wacht sie auf und fragt sich: „Wo soll ich denn jetzt bloß hin?“

Ein Blumenkranz an der Haustür, frisch gepflanzte Primeln in den Schalen vorm Haus und etwas Osterdeko in den Bäumen. Schon auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass Sigrid Sachau ihr Heim liebt und es trotz ihres hohen Alters immer noch mit viel Mühe bis ins Detail pflegt. Obwohl sie gerade eine Rücken-OP hatte und nicht so gut auf den Beinen ist.

Seit ihr Mann Udo vor drei Jahren starb, lebt sie allein in dem winzigen Reihenhaus, das nach hinten einen hellen Wintergarten hat, in dem sie gern sitzt und ins Grüne blickt. Zu ihren Füßen Mischling Vivi, eine kiebige kleine Straßenhündin aus Rumänien, die auf sie aufpasst.

SAGA will am Luxweg Reihenhäuser bauen

Seit rund 30 Jahren wohnt Sachau im Luxweg, seit Januar weiß sie, dass ihre Tage hier wohl gezählt sind. Da gab es eine Einladung an alle Mieter, bei der ihnen von der SAGA, der die Fläche mit den Häusern gehört, erklärt wurde, dass die Häuser schon im nächsten Jahr abgerissen werden sollen, „um erheblich mehr Wohnraum als heute schaffen zu können“, wie es in dem Anschreiben heißt. „Seitdem schlafe ich nicht mehr gut, wache nachts auf und frage mich, wo ich bloß hinsoll“, erzählt Sigrid Sachau, um Fassung bemüht.

Wie auf dem Dorf: Der Luxweg in Billwerder.
Wie auf dem Dorf: Der Luxweg in Billwerder. Die Gebäude rechts stehen bereits leer, alles wird abgerissen.

Rund zehn Gebäude stehen auf der Fläche am Anfang des Luxwegs (Hausnummern 2-11 und 13-20), die die SAGA alle abreißen will. Darunter sechs kleine Reihenhäuser, in denen auch noch vier Parteien wohnen. Teils ältere Menschen wie Sigrid Sachau, teils Familien mit kleinen Kindern. Einige weitere Wohn- und Nebengebäude stehen seit Jahren leer und verfallen. Dichtes Brombeergestrüpp wuchert sie bereits zu, hölzerne Garagentore hängen schief in den Angeln und Zäune fallen um. Die SAGA hat offenbar teils schon lange keine neuen Mieter mehr aufgenommen oder Häuschen instand gesetzt, wenn Mieter ausgezogen sind.

Alle alten Häuser werden 2026 abgerissen

Auch die direkten Nachbarn von Sigrid Sachau sind vor einem Jahr ausgezogen. „Seitdem klingeln ständig Leute bei mir und fragen, ob sie das wohl mieten oder kaufen könnten“, berichtet sie. Kein Wunder, viele Menschen sind begeistert von dem ursprünglichen Charme der kleinen Siedlung, an deren Ende im Westen eine große Schrebergartenkolonie beginnt.

Auch Sigrid Sachau und ihr Mann hatten sich auf Anhieb in ihr Häuschen verliebt. Sie hatten damals in den 90ern dort einen Schrebergarten, „als ich sah, dass das Haus leer steht, habe ich mich gleich darum beworben“, erinnert sie sich. Und seitdem haben sie und ihr Mann 30 Jahre lang ganz viel selbst an dem Häuschen repariert und verschönert. „Und was wir hier aufgebaut haben, soll jetzt alles plötzlich vorbei sein und abgerissen werden?“

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Viel Zeit ist nicht, um neue Wohnungen für die Mieter zu finden. Sachau ist nicht die Einzige, die bleiben möchte. Doch die SAGA hat einen ehrgeizigen Zeitplan, will die Häuser bereits in einem Jahr abreißen und dort dann 26 Reihenhäuser mit 52 teils geförderten Wohnungen (37 bis 71 Quadratmeter) bauen. Doch den Mietern wurde noch nicht einmal gekündigt. Das ist womöglich auch nicht geplant, denn dann würde sich der Abriss wegen des bestehenden Mietrechts sicherlich erheblich verzögern.

Menschen mit langen Mietverhältnissen wie Sigrid Sachau haben auch lange Kündigungsfristen. Für sie sollen nun SAGA-Ersatzwohnungen gefunden werden, um die Mieter einvernehmlich aus den Häusern zu bekommen. Die Einschnitte, die eine solche Veränderung gerade für alte Menschen bedeuten, seien dem Unternehmen bewusst. SAGA-Sprecher Michael Ahrens verspricht: „Wir werden behutsam daran arbeiten, eine passende Lösung zu finden.“