Panorama

„Die Männer, die am meisten gegen Schwule hetzen, hätten eigentlich gern Sex mit ihnen“

Mann sitzt auf roter Metallbank vor grünem Pflanzenhintergrund.
André Kratsch verdrängte seine Homosexualität jahrelang – und wurde selbst homophob.

André Kratsch beleidigt Schwule, pfeift Frauen hinterher und spielt den harten Kerl. Dabei weiß er schon als Kind, dass er Männer liebt. Ein Porträt über Scham, Angst und den langen Weg zu sich selbst.

Eine Kellerparty auf dem Dorf. Die Musik ist laut, es wird getrunken, gelacht, gegrölt. André Kratsch steht auf der kleinen Bühne neben dem DJ-Pult. 16 Jahre alt. Betrunken. Neben ihm das Mädchen, von dem jeder weiß, dass sie auf ihn steht. Kratsch ist übel. Alles in ihm sträubt sich dagegen, sie zu berühren. Er schließt die Augen. Denkt an jemand anderen. Dann haben die beiden Sex miteinander. Auf dem DJ-Pult. Vor den Augen der anderen.

Später wird Kratsch gefeiert. Die Geschichte macht die Runde. Endlich habe er bewiesen, dass er kein Weichei sei. Kein Typ, über den man tuscheln müsse. Sondern ein Macker. So erinnert sich Kratsch an die Nacht, die ihn bis heute belastet. Er sagt, dass er dieses Mädchen damals benutzt habe, um etwas zu verstecken, das er selbst nicht akzeptieren konnte. Denn André Kratsch ist schwul.

André Kratsch wohnt jetzt zusammen mit seinem Partner in Frankenthal

Inzwischen ist Kratsch 29 Jahre alt. Nach einer Umschulung zum Kaufmann für Büromanagement arbeitet er als stellvertretender Filialleiter. Mit seinem Partner Justin Kohn lebt er in einer Wohnung in Frankenthal. Eine kleine Stadt in der Nähe von Mannheim. An der Wohnungstür hängt ein Schild in Regenbogenfarben. „Hass hat hier keinen Platz“, steht darauf. Die Wohnung ist voll mit Dingen. Auf dem Schreibtisch steht ein pinkfarbener Eiffelturm. Daneben ein Einhorn in Kristalloptik. Auf dem Sofa sitzt ein riesiger Teddybär.

Kratsch rollt sein fränkisches R und erzählt von einem Leben, das er fast vollständig damit verbracht hat, gegen sich selbst zu kämpfen. Justin beschreibt ihn als lebensfroh, als Ruhepol, als Fels in der Brandung. Kratsch selbst nennt sich einen „Softy“. Dann lacht er. „Ich umarme gern Menschen.“

Kratsch: Habe schon als Kind gewusst, dass ich Jungs mag

Wer ihm heute zuhört, hat Mühe, sich vorzustellen, wie er Schwule beleidigt und Frauen nachpfeift. Wenig später wird er erzählen, wie er einem homosexuellen Mann den Tod androhte.

Kratsch sagt, er habe schon als Kind gewusst, dass er Jungs mag. Er wächst in einem Dorf unweit von Nürnberg auf. An seiner Schule gibt es einen Jungen, von dem bekannt ist, dass er schwul ist. Der sei beschimpft, gemobbt und bespuckt worden, erzählt Kratsch. Für ihn ist das eine Lektion: bloß nicht auffallen. „Ich wollte nicht schwul sein. Ich wollte nicht bunt sein. Ich wollte dazugehören.“

Junger Mann mit Kopfhörern hält ein grünes E-Zigaretten-Gerät, Dampf steigt auf.
André Kratsch, als er 18 Jahre alt ist.

Mit 12 oder 13 funktioniert das noch ganz gut. Er hat Alibi-Freundinnen. Man hält Händchen. Mehr erwartet niemand. Doch je älter er wird, desto schwieriger wird es, den anderen etwas vorzuspielen. Seine Freunde reden über Mädchen. Darüber, wer mit wem geschlafen hat. Wer bei wem gelandet ist. Kratsch erfindet Geschichten. Fake-Freundinnen. Ausgedachten Sex.

Kratsch googelt als Teenager „Bin ich schwul?“ und sucht nach Therapie

Nachts sitzt er vor dem Computer und googelt. Was macht einen Mann schwul? Bin ich schwul? Die Antworten helfen ihm nicht. „Das Internet hat nur Klischees ausgespuckt.“ Schwule seien schlank, stilvoll, gepflegt, gut gebaut. „Damit konnte ich mich nicht identifizieren.“ Kratsch war schon immer kräftig, hatte nie angesagte Klamotten. Er war nicht das, was das Internet ihm als schwul erklärte. Er wehrt sich gegen seine Anziehung zu anderen Jungs. Hofft, dass es weggeht, sucht im Internet nach Therapien. Je verzweifelter Kratsch versucht, dazuzugehören, desto größer wird die Rolle, die er spielt. Er wird lauter. Maskuliner. Härter.

Der Druck erreicht seinen Höhepunkt mit 16. Monatelang sei bereits darüber geredet worden, dass er zwar ständig mit Mädchen rede, aber nie körperlich werde. Dann beschließt Kratsch, seine eigenen Grenzen zu überschreiten, um den Gerüchten, die eigentlich gar keine sind, ein Ende zu setzen.

„Ich habe mich vor dem Gedanken geekelt, sie anzufassen“

Dann kommt diese Party. Der Alkohol. Das Mädchen. Das DJ-Pult. Kratsch sagt, es sei einfach, eine Erektion zu bekommen, wenn man an jemand anderen denkt. Während seine Freunde ihn später für die Aktion feiern, kann Kratsch sich nicht mehr im Spiegel anschauen. Er habe bis heute ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber. Aber auch sich selbst gegenüber. „Ich habe mich vor dem Gedanken geekelt, sie anzufassen“, sagt er. „Währenddessen. Danach. Und bis heute.“

Justin hört still zu. Er kennt die Geschichte längst. Auch er hat lange gebraucht, bis er zu seiner Sexualität stehen konnte, aber sei nie so weit gegangen wie sein Partner. Er habe lediglich anders geredet. Digga. Bruder. Solche Wörter. „Eigentlich rede ich so gar nicht.“ Noch heute, sagt er, passiere ihm das manchmal. Wenn er neue Menschen kennenlernt. Als müsse er erst noch herausfinden, wie sicher das Terrain ist, in das er sich begibt. Seine größte Angst? Ablehnung.

Kratsch nickt. Auch er kennt dieses Gefühl. Die Angst, Freunde zu verlieren. Abgelehnt zu werden. Eine Angst, die sich später teilweise bewahrheiten wird.

Kratsch arbeitet nach der Schule zunächst im Straßenbau

Nach der Schule arbeitet Kratsch zunächst im Straßenbau. Häufig auf Autobahnbaustellen. Dort lernt er eine Form von Männlichkeit kennen, die ihm vertraut vorkommt. Frauen hinterherpfeifen. Angeben. Härte zeigen. „Wie ein großes Tiergehege.“ Auch er macht mit. „Hey, Schnecke.“ Als er das ausspricht, verzieht er das Gesicht. „Das jetzt auszusprechen tut richtig weh.“

Noch mehr schmerzt ihn eine andere Erinnerung. Ein schwuler Mann sei an einer Baustelle vorbeigelaufen. Ein Kollege habe ihm ins Gesicht gespuckt. Kratsch habe mitgemacht. „Schau, dass du Land gewinnst, du widerliche Schwuchtel, sonst begraben wir dich.“

Betrunkene heterosexuelle Männer offen dem eigenen Geschlecht gegenüber

Danach schweigt er. Zum ersten Mal wirkt der sonst so lockere Franke, als würde er mit sich selbst ringen. „Ich schäme mich dafür, was für ein Mensch ich damals war.“ Ein Schwuler, der gegen Schwule hetzt.

Ein Klassiker, sagt Kratsch. „Die Männer, die am meisten gegen Schwule hetzen, hätten eigentlich gern Sex mit ihnen.“ Justin nickt. „Sieht man ja bei dir.“ Es sei zudem kein Klischee, dass viele offiziell heterosexuelle Männer alkoholisiert plötzlich sehr viel offener dem eigenen Geschlecht gegenüber seien.

Während seiner Zeit auf dem Bau gibt es Phasen, in denen sich Kratsch zu Hause einschließt. Sich betrinkt. Drogen nimmt. Kokain. Pep. Marihuana. „Ich wollte einfach nichts mehr spüren.“ Was sagt das über die Welt aus, in der er lebt? „Die Gesellschaft ist verkorkst“, sagt Kratsch. „Die größte Schwäche der Menschen ist, dass sie nicht aus der Vergangenheit lernen.“

Über die App „Grindr“ trifft Kratsch zum ersten Mal seinen Partner

Mit 18 trifft Kratsch zum ersten Mal einen Mann. Heimlich. Über die Dating-App „Grindr“. Auch wenn nicht viel passiert sei, habe es sich richtig angefühlt. Zum ersten Mal. „Wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal einen Lolli bekommt.“

Zwei Männer sitzen draußen nebeneinander und schauen sich lächelnd an.
André Kratsch und Justin Kohn in einem Park in Frankenthal.

Aus dem einen Treffen werden weitere. Kratsch lernt andere schwule Männer kennen. Er merkt, dass sie nicht dem Bild entsprechen, das er jahrelang von Homosexualität im Kopf hatte. Sie reden über ihren Alltag, ihre Beziehungen, ihre Schwärmereien. Nichts davon wirkt falsch. Zum ersten Mal hat Kratsch das Gefühl, sich nicht verstellen zu müssen. Mit 24 spricht er schließlich aus, was er sein halbes Leben verdrängt hat: „Ich bin schwul.“

Bester Freund und Bruder wenden sich nach dem Outing von ihm ab

Sein damaliger bester Freund meldet sich nach dem Outing nie wieder bei Kratsch. Auch sein Bruder wendet sich ab. „Geh weg mit deinen Schwuchtel-Bazillen“, soll der gesagt haben. Der Beweis für Kratsch, dass seine Angst berechtigt war. Andere Freunde bleiben zwar, aber mit ihnen die Sprüche. Etwa: „Du bist der einzige Schwule, den ich akzeptiere.“ Oder: „Du bist okay, weil du nicht so tuntig bist.“

Warum Kratsch dennoch den Kontakt hält? Er zuckt mit den Schultern. „Das sind halt Sprücheklopfer“, sagt er. Er relativiert, was gegen seine Prinzipien verstößt. „Ich stehe nicht für mich ein.“ Er schluckt. „Und damit auch nicht für andere schwule Männer.“

Heute will Kratsch bunt sein. Aber er traut sich bis heute nicht, sagt er. Das Coming-out liegt längst hinter ihm. Der Mut noch vor ihm. Irgendwann verschwindet er kurz und kommt mit einer rosafarbenen, kurzen Trainingshose zurück. „Ich liebe die.“ Er strahlt, als er an dem Stück Stoff hinabsieht. Getragen hat er sie noch nie. (Dieser Artikel erschien zuerst auf shz.de)

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